Nicht nur Friedhöfe, auch Todesanzeigen spiegeln den Zustand einer Gesellschaft wider. Da erfuhren ahnungslose Zeitungsleser in Ulm, daß der Rechtsanwalt Gerhard Klopfer im biblischen Alter gestorben sei, „nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einflußbereich waren“. So werden Schreibtischtäter zu Wohltätern. Denn in seinem einstigen Einflußbereich, der Nazi-Parteikanzlei, hat er als Staatssekretär mit hohem SS-Rang dem Todesurteil über sechs Millionen Juden nicht widersprochen.

Klopfer war der letzte Überlebende jener Herrenrunde von hohen Verwaltungsbeamten und SS-Führern, die am 20. Januar 1942 im Kaminzimmer der Villa Am Großen Wannsee 56 bis 58 den größten Verwaltungsmassenmord der Geschichte in Szene setzte: die Ausrottung der europäischen Judenheit. Hernach, bei den Verhören am Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, stellten sich die Beamten dumm, auch Klopfer. Bei der Entnazifizierung geriet er unter die Minderbelasteten; ein Strafverfahren gegen ihn wurde schon 1962 eingestellt, weil ihm ein Beitrag zum Holocaust nicht nachzuweisen sei.

„Stets anständig“ habe er sich verhalten, wurde dem Verstorbenen nachgerühmt. Eichmann, Protokollführer der Wannsee-Konferenz, hat kurz vor seiner Hinrichtung in Israel überliefert, wie ihm damals zumute war: Er empfand „eine Art Pilatus’sche Zufriedenheit... bar jeder Schuld“ – eine hierzulande offenbar bis heute weitverbreitete Haltung. kj.