Mit Träumen regiert – Seite 1

Die dreibändige Biographie ist jetzt vollendet

Von Ernst Weisenfeld

Er sprach von sich selbst gelegentlich in der dritten Person und sah sich dann als "eine Art Fabelwesen." Er hatte diesen General de Gaulle als Legende, aus Erlebtem geschaffen und arbeitete unaufhörlich weiter an diesem Bild – um es dann selbst zum Maßstab für sein weiteres Handeln zu nehmen. Wichtigster Wesenszug war, daß er Frankreich immer eine große Aufgabe zuwies, das Ziel weit steckte – und daß er doch nie übersah, wie wenig die Kräfte ausreichten. Er wollte sie anspannen, nicht überfordern. So gab es immer einen Visionär de Gaulle und einen Pragmatiker. Mit dieser Mischung gab und gibt er der Welt die Rätsel auf, die sein Handeln und seinen Charakter bis heute so faszinierend machen.

Man könnte meinen, die Faszination verliere sich, wenn ein guter Biograph einmal die Formel für die Mischung gefunden und einzelne Handlungen damit analysiert hätte. Aber sie beginnt von neuem und manchmal erst recht. Denn wer könnte schon im Handeln de Gaulles die Motive immer klar unterscheiden? Zerlegte er sie etwa selbst? So erlebt man gespannt, wie der Spieler, der er war, von der einen in die andere Rolle schlüpft, wie er den Herausforderungen des Lebens und der Geschichte mal in dem einen, dann im anderen Gewand entgegentritt, schließlich doch an seine Grenzen stößt – und dabei erkennen läßt, daß er zwar ein Spieler aber kein Hasardeur ist, daß er sich seiner Verantwortung bewußt bleibt und, obwohl immer ein Mann der Staatsräson, manchmal unter ihr leidet Kurz: es ist die menschliche Dimension, die dem dritten und letzten Band dieser großen Lebensbeschreibung de Gaulles das Format gibt:

Jean Lacouture: De Gaulle, 3. Le souverain 1959-1970; Editions du Seuil, Paris 1986; 866 S., 145,– Francs.

Das Wissen um den Charakter de Gaulles ist bei der Betrachtung seiner zweiten und großen Regierungszeit gerade für den deutschen Leser wichtig. Denn weil Frankreich für seine Pläne zu klein war aber wieder groß werden sollte, brauchte er Europa und damit die Deutschen. Und weil dieses Europa nicht an der Elbe aufhören sollte, mußte er auch ihnen eine Vision für ihre staatliche Zukunft geben, für die er eine Verwirklichung nur in weiter Ferne sah.

Sein letzter Gedanke

Mit Träumen regiert – Seite 2

Also ein Traumgebilde? Das Trugbild eines Rattenfängers? Es gibt in den zwölf Jahren dieser Regierungszeit kein Beispiel, mit dem der Praktiker, den Visionär de Gaulle zum Lügner gemacht hätte. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen mit den Deutschen, deren Sprache er verstand, deren Schriftsteller (von Nietzsche bis Hölderlin) er gelesen hatte, deren Geschichte ihn immer wieder beschäftigte, hätten ihn auch vor solch simplen Methoden gewarnt. Wie wichtig ihm die deutschfranzösischen Beziehungen waren, konnte man schon daran ermessen, daß er sein erstes Gespräch mit Adenauer abwartete, ehe er die Konturen seiner Außenpolitik preisgab. Man weiß dank Lacouture nun auch, daß diesen Beziehungen sein letzter Gedanke als Souverän galt. Drei Tage vor dem Referendum über die Regionalisierung, an dem er Ende April 1969 scheiterte, sagte er zu Maurice Schuman, der bei günstigem Ausgang sein neuer Außenminister werden sollte – und es dann unter seinem Nachfolger auch wurde: Jede französische Außenpolitik hat davon auszugehen, daß die deutsch-französische Aussöhnung unabänderlich bleiben muß."

Lacouture hatte schon vorher festgestellt: "Deutschland ist für ihn das, was Molière für den Schauspieler der Comédie Française bedeutet und der Himalayagipfel für den Alpinisten: die zentrale Inspiration, das beherrschende Thema." Aber ein Thema eben auch in dem Sinne, in dem er es von 1944 bis 1946 zum Feindbild gemacht hatte. Er brauchte es, um das 1940 völlig erschütterte Selbstbewußtsein der Franzosen zu stärken. Damals mit der Vision einer endlich dominierenden Machtposition am Rhein, jetzt mit dem karolingischen Bild des Rheins als Lebensader eines Europa, das unter Frankreichs Führung wieder einen Platz unter den Weltmächten behaupten sollte. Vision und geduldige Tagespolitik zugleich. Schon Napoleon hatte gewußt: "Die Franzosen wollen mit Träumen regiert werden."

Bei Lacouture bekommt auch das Wort, de Gaulle sei zugleich ein Mann des 19. wie des 21. Jahrhunderts gewesen, einen konkreten Inhalt. Er erscheint als später Nachfahre Ludwigs XIV. wie als früher Verkünder des Atomzeitalters. Während sein Fouchet-Plan für eine Europäische Union noch stark mit Elementen des 19. Jahrhunderts durchsetzt war, versuchte er mit seinem "Europa vom Atlantik zum Ural" bewußt einen Vorgriff auf die nächsten hundert Jahre: "Damit dies Europa möglich wird, sagte er seinem Botschafter in Washington, muß zunächst einmal die Sowjetunion nicht mehr das sein, was sie heute ist, sondern muß wieder Rußland werden. Dann muß China seine östlichen Grenzen bedrohen, also Sibirien ..." Man sieht, vieles, was die Verbündeten irritierte, war reiner Verbalismus, prophetisierendes Wortgespinst. Wie trefflich sich mit Worten streiten läßt, das hatte er ja schon früh erfahren und praktiziert.

Verlor er bei seinem Spiel mit Formeln, die die Phantasie der Menschen beschäftigen und ihren Blick in die Zukunft lenken sollten, nicht manchmal selbst das Augenmaß für die Realitäten der Gegenwart? Auch Lacouture findet nicht immer eine plausible Antwort auf diese Frage. Wie konnte de Gaulle, so meinte er, denn übersehen, daß sich Bonn gegen ihn entscheiden mußte, wenn er es vor die Frage Washington oder Paris stellte? Wie konnte er glauben, Polen oder die Tschechoslowakei ließen sich von Moskau weiter entfernen als Moskau es gerade erlaubte?

Mit vielem gescheitert

Tatsächlich war er sich ja auch der Kräfteverhältnisse in der Welt immer bewußt. Und seine ständige, schon früh und oft provozierende Mahnung an die Amerikaner, sich aus dem Dschungel des Vietnamkrieges zurückzuziehen, sie würden sich sonst selbst darin verlieren, war nüchterne Klarsicht. Richard Nixon hat sie als guten Rat anerkannt und die USA verlegten ihre Waffenstillstandsverhandlungen 1968 nach Paris. Diesen Triumph erlebte General de Gaulle, als die Mairevolution der Studenten sein Regime erschütterte und seine Ostpolitik bald an der Breschnjew-Doktrin zerbrach. Er war mit vielem gescheitert, und sein politisches Gesamtkonzept der "Unabhängigkeit Frankreichs" sieht auch Lacouture als ein viel zu hoch gestecktes Ziel. Aber er hatte, als er abtrat, Frankreich einen diplomatischen Spielraum gegeben, von dem es vorher und nachher nur träumen konnte.

Was er trieb, war nicht nur ein Spiel um hohen Gewinn, den er schließlich doch kaum einbrachte, sondern auch mit hohem Einsatz, jedenfalls seiner Person. Wie exponierte er sich nicht in Danzig und Warschau, als er die Polen aufrief, "etwas weiter zu sehen und sich mehr zuzumuten ... Sie werden die Widerstände meistern, die ihnen heute unüberwindbar erscheinen. Sie verstehen alle, was ich damit sagen will." Welchen Sturm entfachte er, als er in Kanada "das freie Quebec" hochleben ließ! Während der Berlinkrise von 1959 bis 1961 war er der Unbeugsamste von allen, und daß man den Bau der Mauer hinnahm, ohne ihm sofort entgegenzutreten, blieb ihm eine trübe Erinnerung, für die er sich nicht verantwortlich fühlte. Darum weigerte er sich auch, die Mauer zu besuchen. Sie war das Symbol einer Niederlage.

Mit Träumen regiert – Seite 3

Aber die höchsten Einsätze wurden ihm von der Innenpolitik abverlangt. Zunächst von der Entkolonisierung. Das Bild, das Lacouture vom Widerstand der Armee gegen seine Algerienpolitik auch aufgrund eigener Forschungen entrollt, ist das umfassendste, das bisher vorliegt. Hier werden die Dramen lebendig, die sich im eigenen Lager und im Offizierskorps abspielten.

Und auch hier: welche Geradlinigkeit und Geschmeidigkeit zugleich in der Verfolgung des Ziels, nachdem er sich im Juli 1959, ein Jahr nach Übernahme der Regierung, entschlossen hatte, den Algeriern die Selbstbestimmung zu geben. Er konnte es noch nicht sagen und verfolgte seine Politik auch in der zähen Hoffnung, daß sich eine engere Verbindung Algeriens mit Frankreich herstellen ließe. Aber er war bereit zu allen Konsequenzen. Ein Dutzend mehr oder weniger ernstgemeinter Attentate, davon jedenfalls zwei, bei denen er und seine Frau wie durch ein Wunder überlebten. Eine militärische Revolte mit vielen Toten durch Terroranschläge, über 600 gemaßregelte Offiziere. Niemand außer ihm hätte Frankreich mit Härte und List diesen Verzicht abringen können – dem dennoch eine schweigende Mehrheit von Anfang an zustimmte. Diese Geschichte liefert gute Beispiele wie wenig schweigende Mehrheiten gegen starke und entschlossene Minderheiten ausrichten, solange nicht ein entschlossener und fähiger Mann an ihre Spitze tritt.

Als de Gaulle schließlich den Vollstreckungsbefehl für den Haupträdelsführer mehrerer Attentate, den Obersten Bastien-Thiry unterschrieb, gab er dem Entschluß die Züge einer griechischen Tragödie: "Die Franzosen brauchen Märtyrer. Aber sie müssen sie gut auswählen. Ich hätte ihnen einen dieser Schwachköpfe von Generälen geben können, die jetzt im Gefängnishof Fußball spielen. Ich habe ihnen Bastien-Thiry gegeben, aus dem können sie einen Märtyrer machen. Der verdient’s."

Nicht ohne Pathos war auch 1959 seine Mitteilung an Eisenhower, daß er Frankreich zur Atommacht machen werde: Er könne nicht 600 000 enttäuschte Soldaten ungeschlagen aus Algerien zurückholen, ohne ihnen eine neue Armee, völlig neue Waffen und eine neue Strategie zu geben. Die technischen Voraussetzungen und die ersten Pläne hatte ihm noch die IV. Republik hinterlassen. Doch Eisenhower zeigte sich beeindruckt und verständnisvoll... "...aber helfen kann ich Ihnen nicht, die Gesetze erlauben es mir nicht." Antwort de Gaulles: "Gesetze kann man ändern. Ich hab’ eine ganze Verfassung geändert." Er schaffte die Atombombe dann auch allein, aber seine drängenden Anweisungen, ihm nun endlich die Wasserstoffbombe zu liefern, klangen zuletzt wie Peitschenschläge. Wenige Monate vor seinem Abgang war es geschafft. "Nach mir wird man’s nicht mehr zwingen", hatte er gemeint, und dann werde Frankreich eben nie eine richtige Atommacht werden.

Die größte Erschütterung seiner Herrschaft ging vom Mai 1968 aus. Lacouture gibt diesem Kapitel die Überschrift "Unter dem Pflaster der Abgrund" – eine Paraphrase auf den schönen Kampfruf der Studenten: "Unter den Pflastersteinen – mit denen sie Barrikaden bauten – der Strand." Daß der General hier am Rande des Abgrunds zu operieren glaubte, wußte man. "Ich bekomme die Ereignisse nicht mehr in den Griff", hatte er mehrfach gesagt. Wie unsicher er geworden war, wie tief getroffen und in Zweifel gestürzt, das macht Lacoutures deutlich, der die Analyse seelischer Vorgänge an der Kette authentischer Zeugnisse zu entwickeln weiß. Der Romancier verläßt nie den Boden gesicherter Forschung, die er selbst durch Gespräche mit Zeitzeugen erweiterte. "Ich habe in den letzten Tagen alle Möglichkeiten durchdacht, alle...", hinter diesen Worten de Gaulles aus der Rundfunkansprache, mit der er die Wende der Ereignisse herbeiführte, erscheint das Ringen eines Mannes mit sich selbst wie die Katharsis im antiken Drama, dem auch hier die baldige Auflösung folgte: ein triumphaler Wahlsieg und dann ein Epilog, der nun doch tragisch mit dem Verlust der Mehrheit und dem selbstgewählten Verzicht endete.

Da ihm selbst die Tragik als wesentliches Element der Geschichte immer bewußt war, erlebte de Gaulle diesen Ausgang gelassener als die Unruhe des Mai. Damals schon hatte er daran gedacht, als er ein vorübergehendes Asyl in Deutschland ins Auge faßte, den endgültigen Abstand von den Ereignissen durch einen Aufenthalt in Irland zu suchen, wo die Wiege der Vorfahren seiner Mutter gestanden hatte. Dorthin ging er auch jetzt und wartete die Wahl seines Nachfolgers ab. Als er sich von der Insel verabschiedete, sagte er zu dem alten erblindeten Präsidenten und Freiheitskämpfer de Valera: "Ich habe hier gefunden, was ich suchte – mich selbst." Und dem französischen Botschafter in Dublin Emmanuel d’Harcourt, 1940 einer der ersten Mitkämpfer seiner "Freien Franzosen", schrieb er damals auf die Widmungsseite seiner Kriegsmemoiren eine Zeile aus dem Rolandslied (im Urtext): "Vieles hat gelernt, wer tief den Schmerz erfuhr."