Von Hans Schuh

Vorsicht, strahlende Milch! Zehn Monate nach Tschernobyl steigt die Radioaktivität", warnte der stern in der vergangenen Woche. Das Fernsehen zeigte immer wieder rangierende Güterzüge mit strahlendem Molkepulver, und von der menschenleeren Umgebung des sowjetischen Unglücksreaktors flimmerten bedrückende Aufnahmen über die Bildschirme: Kein Kind, nur noch der Wind spielt in den strahlenverseuchten Geistersiedlungen der Ukraine mit den entriegelten Fensterläden. Es sei schwer, nach Tschernobyl zu kommen, aber Tschernobyl könne zu uns kommen, lautete der Kommentar.

Ist vermehrte Wachsamkeit geboten, eine Entwarnung fehl am Platz? Sollten wir nicht schleunigst Frischmilch und Milchprodukte wieder vom Speisezettel verbannen, wenn jetzt die Bauern beginnen, das hochbelastete Heu aus dem ersten Schnitt des vergangenen Jahres zu verfüttern? Die Skrupellosigkeit, mit der manche Leute strahlende Ware verkaufen, die Unverfrorenheit, mit der Hochbelastetes, etwa Milch oder Pulver, durch Mischen mit weniger Belastetem verkehrsfähig gemacht wird, dies gehört in der Tat an den Pranger. Es ist grotesk, wenn die Milchwirtschaft riesige Überschüsse produziert ‚ und es stillschweigend duldet, daß bedenkliche Ware untergemischt wird – Hauptsache, das Endprodukt entspricht den Vorschriften und die Kasse stimmt. Vor allem jene Konsumenten, die durch Studium von Becquerel-Tabellen und gezielten Einkauf sich vor zusätzlicher radioaktiver Belastung zu schützen suchen, müssen dies als blanken Zynismus empfinden.

Andererseits sollten all jene, die großen Wert auf "strahlenfreie" Kost legen, sich im eigenen Interesse fragen, ob nicht die von Zeitungen und Alternativblättern publizierten Becquerel-Werte ihnen eine Pseudosicherheit vorgaukeln und sie zu Vermeidungshaltungen animieren, deren Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis stehen (siehe obenstehenden Bericht). Denn die Beachtung der Meßwerte verhindert nicht, daß man beim Einkauf dennoch an belastete Ware gerät, das vermeintliche Sicherheitsnetz ist sehr grobmaschig. Hinzu kommt, daß die Belastung über die Nahrungskette eine relativ geringe Rolle spielt. Auch wenn manche der folgenden Argumente von Lobbyisten der Atomwirtschaft stammen könnten, lohnt es sich, in ihrem Licht Sinn und Unsinn der Ernährung nach Becquerel-Tabellen zu überprüfen.

So deuten alle Ganzkörpermessungen, ob in Berlin, im Saarland oder in Bayern, darauf hin, daß die zusätzliche Strahlenbelastung durch Tschernobyl-verseuchte Nahrung zehn bis maximal zwanzig (Bayern) Millirem pro Jahr kaum überschreitet. Dies sind etwa zehn Prozent der stark schwankenden natürlichen Strahlenbelastung, die für die Bundesrepublik im Durchschnitt mit hundert bis zweihundert Millirem veranschlagt wird. Selbst wenn es gelänge, die zusätzlichen zehn Prozent voll zu vermeiden – ein Urlaub in den Bergen oder ein längerer Flug können die mit viel Disziplin bei der Nahrung erreichte Einsparung leicht wieder zunichte machen. Wären wir konsequent und würden Strahlendosen in der Größenordnung weniger Millirem als ernsthafte Gefahr betrachten, dann müßten wir etwa ein Prozent der Häuser wegen des natürlich im Gestein vorkommenden radioaktiven Gases Radon räumen: in ihren Mauern lauern Dosen von ca. 600 Millirem jährlich.

Der Hauptstörfaktor in der Nahrung, radioaktives Cäsium, spielt im Körper eine ähnliche Rolle wie Kalium, das unentbehrlich ist für elektrische Vorgänge in Nerven und Muskeln. Zufälligerweise gibt es eine natürlich vorkommende radioaktive Spielart des Kaliums, nämlich das Isotop Kalium 40, das wir ebenfalls ständig mit der Nahrung aufnehmen. Der radiologische "Standard-Erwachsene" schleppt im Schnitt 4400 Becquerel Kalium 40 mit sich herum und hat aus dieser Quelle jährlich 20 Millirem zu gewärtigen. Bei Frauen ist es etwas weniger als bei Männern, denn das Kalium sitzt bevorzugt in der Muskulatur. "Dank" ihrer größeren Muskelpakete strahlen Leistungssportler auf der Wellenlänge von Kalium 40 mit etwa 70 bis 80 Becquerel pro Kilo, während es Durchschnittsmänner "nur" auf deren 60 bringen. Besonders "belastet" dürften die oft sehr gesundheitsbewußt lebenden Bodybuilder sein.

Wer im Meer badet, wird durchschnittlich von einem Dutzend Becquerel Kalium 40 pro Liter umspült – in besonders salzhaltigem Wasser sind es deutlich mehr. Denn gewöhnliches Kalisalz bringt es, je nachdem ob es sich um Kaliumnitrat oder Kaliumchlorid handelt, auf 12 000 bis 16 000 Becquerel pro Kilogramm.

Ein Güterzug mit Kalisalz dürfte kaum als öffentliche Gefahr gelten. Die Fracht des Molkepulver-Zugs strahlte mit knapp 5000 Becquerel pro Kilogramm. Dieses Pulver demonstrativ zu essen und als ungefährlich zu bezeichnen, wie es Bayerns Umweltminister Alfred Dick tat, ist. ebenso verfehlt, wie den Zug selbst zur öffentlichen Gefahr hochzustilisieren. Die Politiker schüren mit ihrem kurzsichtigen Verhalten nur die Polarisierung der Meinungen.

So ist es kein Wunder, daß insbesondere stillende Mütter in schwere Konflikte geraten und sich mit der Frage herumplagen müssen, ob sie mit ihrer "verseuchten" Milch das eigene Baby vergiften. Wenn Grenzwerte für die Milch von weniger als 20 Becquerel pro Liter gefordert werden, dann ist es wenig erstaunlich, daß Mütter tief beunruhigt auf die Nachricht reagieren, ihre Milch enthalte 90 Becquerel pro Liter – allerdings nicht Cäsium, sondern natürlich vorkommendes Kalium 40. Dies ist der Mittelwert aus rund 60 Muttermilchproben, die Professor Arndt Knöchel und seine Mitarbeiter an der Universität Hamburg im Rahmen des Projekts "Aktiver Strahlenschutz für den Bürger" untersuchten.

Die Hamburger Wissenschaftler stellten dabei fest, daß die Kalium-40-Strahlung stark schwanken kann, und zwar zwischen 30 und 180 Becquerel pro Liter bei der gleichen Mutter. Dennoch kann von einer ernst zu nehmenden Gefährdung des Säuglings auch bei den hohen Werten nicht die Rede sein. Kalium ist wichtig für das Baby, ein Umsteigen auf extrem kaliumarme Kost wäre sicher gefährlicher als die vermiedene Strahlung.

Aus diesem Grund stutzte auch Professor Herbert Schmier vom Institut für Strahlenhygiene des Bundesgesundheitsamtes in Neuherberg bei München, als er die Cäsium-Werte eines vierjährigen Jungen sah: sie waren extrem niedrig, im Ganzkörperzähler kaum nachweisbar. Neugierig erkundigte er sich bei den Eltern, wie sie ihren Jungen ernährt hätten. "Seit Tschernobyl keine Milchprodukte außer alter Trockenmilch und viel Konseryen", war die Antwort. Besorgt schickte der Radiologe die Eltern zum Kinderarzt, damit sie sich von unabhängiger Seite über die Risiken einer solchen Ernährungsweise aufklären ließen. Der Verzicht auf ausreichend frische Kost kann, etwa infolge von Vitaminmangel, gravierendere Folgen haben als eine geringe Strahlendosis.

Gewiß: Jedes zusätzliche Millirem bedeutet eine Erhöhung der Belastung. Deshalb ist möglichst jede Vergrößerung der Dosis an der Quelle auszuschließen, deshalb sind niedrige Grenzwerte wichtig. Doch der Aufwand vor allem des Konsumenten zur Vermeidung zusätzlicher Strahlung sollte in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis stehen. Wer sehr strenge Maßstäbe an die Nahrung legt, andererseits aber relativ große Strahlenrisiken zum Beispiel beim Wohnen oder Reisen vernachlässigt, der ist inkonsequent.

Ökologen behaupten, höhere Strahlendosen ließen sich "kompensieren" durch "eine Lebensweise und Ernährung ohne belastende Giftstoffe, Stärkung der körpereigenen Abwehr durch Abhärtung, viel Bewegung und wenig psychischen Streß". Streß schwächt tatsächlich die Immunabwehr, die bei niedrigen Strahlendosen die meisten Schäden reparieren kann. Deshalb stellt sich die Frage, ob das Vermeiden weniger Millirem all den Streß aufwiegt, den das Einhalten einer Becquerelbewußten Diät mit sich bringt.

Die berechtigte Angst vor der Radioaktivität beruht vor allem auf deren gentoxischer Wirkung, das heißt, sie kann Schäden am Erbgut oder Krebs hervorrufen. Gentoxisch sind aber auch eine Fülle natürlicher und industriell hergestellter Chemikalien, die sowohl die Umwelt als auch unsere Nahrung belasten. Wären diese Substanzen für uns so gut zu hören wie etwa das Knattern von Cäsium 137 oder Jod 131 in einem Geigerzähler – wir verstünden unser eigenes Wort nicht mehr. Auch aus diesem Grund sind Becquerel-Tabellen fragwürdige Leitfäden für den gesundheitsbewußten Einkauf: sie informieren nur über einen winzigen Bruchteil (etwa ein Promille) des gesamten gentoxischen Risikos.