Wer sein Automobil auf der A 66 von Frankfurt in Richtung Osten steuert und die Ausfahrt "Hanau Hafen" wählt, wird vergeblich nach Schiffen, Kränen oder Docks Ausschau halten. Auch der Main ist nirgends in Sicht. Ortskundige wundert dies nicht, denn der Hanauer Hafen liegt am anderen Ende der Stadt. Das in die Irre führende Schild steht an der Direktzufahrt in eines der Zentren der bundesdeutschen Atomindustrie. Eingebettet vom Rodenbacher Wald arbeiten jene Firmen, derentwegen die rot-grüne Koalition in Hessen ein so jähes Ende gefunden hat: die Nuklear-Chemie und Metallurgie GmbH (Nukem), die Alpha-Chemie und Metallurgie GmbH (Alkem), die Reaktor-Brennelement Union GmbH (RBU) sowie kleinere Schwester- und Tochterunternehmen. In unmittelbarer Nachbarschaft leben mehrere tausend Soldaten der amerikanischen Streitkräfte und die Bewohner des kleinen Hanauer Stadtteils Wolfgang.

Auf den ersten Blick gleicht das Areal einem jener Industriegebiete, die mittlerweile allenthalben die zersiedelten Stadtränder verunzieren, doch dann läßt der im vergangenen Dezember hochgezogene Schutzzaun "Modell Wackersdorf" keinen Zweifel daran, daß sich hinter ihm Fabriken ganz besonderer Art verschanzt haben. Wer hier nicht hinein darf, kommt auch nicht hinein, dafür soll jedenfalls die überall präsente Wachschutzgruppe sorgen. Nach dem ersten Tor folgen Bürogebäude der üblichen Beton-Glas-Kunststoff-Bauweise, dazwischen Parkplätze, Holz- und Containerbaracken, Fertigungshallen aus Blech. Nichts Ungewöhnliches.

Mitten im Werksgelände erhebt sich dann ein zweiter Stacheldrahtzaun: erneute Kontrolle, ein neuer Sicherheitsausweis. Wir gelangen zum Herz der "Plutoniumwirtschaft", zur Alkem GmbH und ihrem "Plutoniumbunker". Rainer Jend, der Pressesprecher der Alkem, nennt ihn lieber "Brennstofflager". Groß wie zwei Turnhallen, außen metallisch grau, ruht der Koloß unmittelbar neben der Anlage, wo plutoniumhaltige Brennstäbe für Atomreaktoren hergestellt werden.

Für neugierige Journalisten ist ein Blick hinter die zwei Meter dicken Stahlbetonmauern nur via Videomonitor erlaubt: Die Kammern, in denen der Plutoniumschatz in handlichen Portionen verwahrt wird, ähneln Bahnhofsschließfächern. Daneben lagern edelstahlverkleidete Brennstäbe, mit denen der "Schnelle Brüter" in Kalkar bestückt werden würde – falls der Wunsch der CDU und der FDP sich erfüllte, ihn in Betrieb zu nehmen.

Inventar, Arbeiter und Atmosphäre in den angrenzenden Hallen gleichen denen in einem modernen Großklinikum oder einer Raumstation. "Manchen Besuchergruppen, besonders Frauen, wird es hier richtig unheimlich", berichtet Alkem-Sprecher Dr. Jend, "aber das ist eben High-Tech." Wer sich durch die Hallen bewegen will, muß unentwegt Schleusen passieren: Sicherheitsschleusen, Unterdruckschleusen, Strahlenmeßschleusen. Hier herrscht nicht der Streß der Ackordarbeit; alle wirken ruhig und konzentriert. Betriebszugehörige tragen weiße Kittel, die der Aufsichtsbeamten von der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) sind gelb. Sie alle tragen für Notfalle Gasmasken in der Tasche und Dosimeter am Körper, auf denen sich die Radioaktivität ablesen läßt, der sie ausgesetzt wurden: ein Stabsdosimeter in der Brusttasche, ein Armdosimeter, ein Ringdosimeter. Schutz gewähren sie nicht vor Plutonium – jenem künstlichen Element, das zwangsläufig in jedem Atomreaktor entsteht.

Plutonium ist ein hochradioaktives Metall. Ein Milligramm davon eingeatmet und in der Lunge abgelagert wirken mit höchster Sicherheit tödlich. Das silberglänzende Metall muß deshalb unter allen Umständen von den natürlichen Kreisläufen unserer Umwelt isoliert bleiben – und das nahezu für alle Ewigkeit. Die Halbwertszeit von Plutonium 239 – die Zeit, in der sich die Hälfte seiner Radioaktivität abgebaut hat – beträgt 24 000 Jahre. Plutonium ist auch in anderer Hinsicht eine unheilvolle Schöpfung der Kernphysik: es ist der Stoff, aus dem die Bomben sind. In größerem Maßstab wurde es erstmalig seit 1942 in drei amerikanischen Uran-Graphit-Reaktoren hergestellt. Aus zehn Kilogramm solchen "waffenfähigen" Plutoniums wurde die Bombe gebaut, die am 9. August 1945 Nagasaki auslöschte. (Über Hiroschima war drei Tage zuvor eine Uran-Bombe gezündet worden.)

In den Alkem-Hallen wird das Plutonium friedlich genutzt: zur Herstellung von AKW-Brennelementen. In neun sogenannten Caissons werden zwei Produktionslinien gefahren. Im Innern der Caissons, großen Unterdruckcontainern, bewegen sich die Arbeiter; mittels umgestülpter Handschuhe, die in aquariumähnlichen Glasbehältern eingebaut sind, können sie mit dem Plutonium und anderen Spaltstoffen hantieren. Die Glaskästen sind durch ein Transportsystem miteinander verbunden. Hier wird Plutonium mit Uranoxid gemischt und zu Mischoxid-(MOX)-Tabletten gepreßt; die Tabletten werden in einem Hochtemperaturofen gebrannt, geschliffen und schließlich in Metallrohre gefüllt, luftdicht verschweißt – und fertig ist eines jener Brennelemente, das irgendwann in einem Atomreaktor, sei es in Neckarwestheim oder Grafenrheinfeld, Strom erzeugen soll. "Wir verkaufen nicht, wir fertigen nur", erläutert Rainer Jend. Eigentümerin des Plutoniums oder Urans ist die Euratom, nutzungsberechtigt sind die Elektrizitätsmonopole.