Wirtschaftsbuch

Von Diethard B. Simmert

Kurz vor seinem Tod in Manila, wo er der Präsidentin Corazon Aquino seine reichhaltige währungspolitische Erfahrung zur Verfügung stellen wollte, veröffentlichte Otmar Emminger sowohl sein Vermächtnis eines langjährigen Praktikers als auch ein Gemälde der Währungsgeschichte der Bundesrepublik und der Welt. Es spiegelt die Ereignisse wider, die von 1950 bis zu den frühen achtziger Jahren die währungspolitische Situation geprägt haben. Obwohl der Verfasser nur knapp drei Jahre als Bundesbankpräsident amtiert hatte, war er „mit allen geld- und währungspolitischen Entwicklungen von fast drei Jahrzehnten befaßt“ und somit häufig in der Lage, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. An diesen Schlüsselerlebnissen wollte er den Leser teilnehmen lassen – quasi als Voyeur der monetären Szene.

Tatsächlich stellt das Werk des 1911 in Augsburg geborenen Autors eine schier unerschöpfliche Fundgrube von Anekdoten und Zitaten dar. Im Mittelpunkt des Ganzen steht allerdings die Person von Otmar Emminger selbst. Er läßt sich kaum eine Gelegenheit entgehen, seine führende Rolle herauszustreichen. Ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler hat es einmal so formuliert: Allmählich wurde Emminger Vater von allem. Gewiß soll die Bedeutung des vierten Präsidenten in der Bundesbankgeschichte nicht geschmälert werden, immerhin galt er lange Zeit als der „monetäre Außenminister der Bundesrepublik“, gewiß sind seine Verdienste für die Preisstabilität unbestritten; dennoch, etwas weniger Narzismus hätte diesem Werk wohl angestanden. Dessen ungeachtet, ist Emmingers Vermächtnis ein durchaus lesenswertes Zeugnis geldpolitischer Vergangenheit.

Otmar Emminger, D-Mark, Dollar, Währungskrisen. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1986, 480 Seiten, DM 49,80.

Kennzeichnend ist, daß der frühere Notenbankchef den Leser mit einer Anekdote in sein Werk einführt. Zu Beginn schildert er ein Gespräch mit Helmut Schmidt, damals noch Bundeskanzler, der sich erkundigt hatte, ob bereits ein Kanzler den Zentralbankrat besucht hätte, worauf ihm Emminger entgegnete, dies wäre tatsächlich geschehen, nämlich als Konrad Adenauer versucht hätte, eine Diskonterhöhung zu verhindern, was zur Folge gehabt hätte, daß sich der Zentralbankrat mit Mehrheit genau für eine Anhebung des Leitzinses entschieden hätte. Helmut Schmidt hätte daraufhin erwidert, er würde dann besser auf einen Besuch verzichten, um sich keine Abfuhr einzuhandeln.

Hinweise auf die Autonomie der Bundesbank ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. In der Tat ist es die Unabhängigkeit der Bundesbank gegenüber der Regierung, die für Emminger eine notwendige Bedingung für den Erfolg der Stabilitätspolitik darstellt. Gerade aber die Stabilität des Geldwerts war – und das wird hier ganz deutlich – das Lebensziel dieses großen Geldpolitikers. Zu Recht kennzeichnet er sie als einen wichtigen Stützpfeiler der sozialen Sicherheit und Stabilität unseres Landes. Richtig ist auch, daß die Deutsche Bundesbank zu einem ruhenden Pol, zu einem allgemein anerkannten Anker der Stabilität geworden ist; mit Unbehagen allerdings dürfte man den Tatbestand betrachten, daß sie heute gleichsam zu einer sakrosankten Institution geworden ist, die unantastbar das monetäre Schalten und Walten in unserer Republik zelebriert – eine Position, zu der gerade Emminger durch seine schier unerschöpfliche Publikations- und Vortragsaktivität entscheidend beigetragen hat.

Schon im ersten Kapitel, das der internationalen Karriere der Mark gewidmet ist, arbeitet der ehemalige oberste Währungshüter der Republik einen grundsätzlichen Punkt sehr deutlich heraus, nämlich das Dilemma der deutschen Stabilitätspolitik: Je erfolgreicher sie im Innern ist, desto schärfer sind die Spannungen und Konflikte nach außen. Gerade in diesen Tagen zeigt sich, wie aktuell Emmingers Beobachtungen sind, schlagen sich doch die derzeitigen Erfolge an der Inflationsfront nicht zuletzt in dem deutlich rückläufigen Dollarkurs nieder, ein Faktum, das nicht gerade der Belebung der Konjunktursituation dient.

Es zeigt sich damit, daß die Bundesbank in einer eng verflochtenen Weltwirtschaft trotz flexibler Wechselkurse nicht völlig unabhängig von internationalen Zwängen operieren kann, mit anderen Worten, die deutsche Zentralbank ist zwar autonom gegenüber ihrer Regierung, nicht aber unbedingt gegenüber weltwirtschaftlichen Zusammenhängen. Vermessen erscheint es deshalb, wenn Emminger glaubt, beobachtet zu haben, daß die deutsche Stabilitätspolitik, von ihm maßgeblich geprägt, auch als eine internationale Inflationsbremse gewirkt hätte. Nicht ganz nachvollziehbar ist auch die anekdotisch vorgetragene These, der amerikanische Notenbankpräsident Paul Volcker hätte sich von ihm zu der 1979 stattgefundenen Wende der amerikanischen Geldpolitik, die zu einer straffen Geldmengensteuerung geführt hatte und damit den Höhenflug des Dollar mitverursachte, animieren lassen. So bedeutend die Erfolge unserer Notenbank sein mögen, am deutschen Geldwesen ist die internationale Währungssituation wohl kaum genesen.

Mit dem Bild vom Ritter, der gegen nationale und internationale Inflationsdrachen erfolgreich zu Felde zieht, wird der Leser allerdings recht häufig konfrontiert. Der 1950 wegen seiner umfassenden Kenntnisse zur Bank deutscher Länder, der Vorgängerin der Deutschen Bundesbank, berufene junge Währungstheoretiker erlebte eine erfolgreiche Bekämpfung der Inflation und eine dramatische Wende der Bundesrepublik vom Kapitaldefizit- zum Kapitalüberschußland mit. Vorausgegangen waren drastische geldpolitische Maßnahmen.

Dieses Schlüsselerlebnis mag das Denken des zum Notenbankpraktiker par excellence heranreifenden Emminger entscheidend geprägt haben. Schon damals stand die Geldpolitik stark unter ausländischem Einfluß. Dies war nicht überraschend, da das seinerzeit herrschende Bretton-Woods-System die Währungen der Beteiligten fest an den US-Dollar kettete, der wiederum an das Gold geknüpft war. Die Notenbanken waren folglich gezwungen, immer dann am Devisenmarkt zu intervenieren, also Dollar anzukaufen oder abzustoßen, wenn ihre Währungen drohten, die zum Dollar fixierte Parität zu verlassen.

Bereits 1956 kam es zu einer Debatte um die Frage, ob die Mark aufgewertet werden soll, um die innere Stabilität zu schützen. Emminger kämpfte damals, und anfangs im Direktorium isoliert, für die Mark-Aufwertung, weil er fürchtete, daß „wir mit den Export- und Devisenüberschüssen die Inflation des Auslandes importieren“, wobei er auch nicht vor einem Konflikt mit dem damaligen Notenbankpräsidenten Vocke zurückschreckte, der die Interessen der deutschen Industrie gefährdet sah. Als die Aufwertung 1961 doch noch erfolgte, war sie zu schwach und zu spät, um die Nachholinflation in der Bundesrepublik, also die Anpassung an den internationalen Inflationstrend, erfolgreich zu stoppen.

Die 1967 in den USA aufflammende Inflation, nicht zuletzt durch die wirtschaftlichen Kosten des Vietnam-Abenteuers ausgelöst, und eine Mark-Franc-Krise ließen – nach einer relativ ruhigen Phase – erneut spekulative Kapitalströme in die Bundesrepublik schwappen. Der Versuch, den Inflationsimport durch eine „Quasi-Aufwertung“, nämlich durch eine steuerliche Belastung der Exporte und Entlastung der Importe, zu stoppen, schlug fehl. Erst 1969 kam es zu einer Aufwertung der Mark um gut neun Prozent – wiederum zu spät.

Diese Verspätung und die der Wechselkursänderung vorausgegangenen Auseinandersetzungen,

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von Emminger als „Trauerspiel“ gebrandmarkt, trugen nach seiner Ansicht nicht unwesentlich zum damaligen Machtwechsel in der Bundesrepublik bei, also zur Entstehung der sozial-liberalen Koalition; nicht zuletzt, weil Karl Schiller die Gelegenheit wahrnehmen konnte, sich als Aufwertungsbefürworter gegen die „Fixkursvertreter“ der CDU/CSU-Fraktion zu profilieren.

Trotz Wechselkurskorrektur nahm allerdings der inflationäre Druck von außen weiter zu. Schuld an den wachsenden außenwirtschaftlichen Spannungen im monetären Bereich war vor allem die Tatsache, daß die D-Mark spätestens 1970 in eine international bedeutende Rolle schlüpfte, nämlich als „unfreiwilliger Gegenspieler oder Gegenpol des schwächer werdenden Dollars“.

Wahre Springfluten von Auslandsgeld führten schließlich dazu, daß die Bundesbank völlig die Kontrolle über die monetäre Entwicklung verlor. Wegen der internationalen Spannungen auf dem Felde des Geldwesens wurden die Devisenmärkte im Mai 1971 vorübergehend geschlossen. Auch nach Wiedereröffnung der Märkte unterließ die Bundesbank vorübergehend ihre Interventionen am Devisenmarkt, die Mark konnte sich mithin frei bewegen, im Jargon der Währungsexperten „floaten“. Zur Bereinigung der Währungssituation kam es im Dezember 1971 zu einem internationalen Abkommen, dem Smithsonian Agreement, bei dem der Dollar um 9,5 Prozent abgewertet und die Mark (gegenüber dem Dollar) um 13,6 Prozent aufgewertet wurde.

Wachsende Spannungen

Es zeigte sich allerdings, daß dies auch noch nicht der Weisheit letzter Schluß war, bereits in den ersten Monaten des Jahres 1972 kam es zu neuen Spannungen und störenden Kapitalbewegungen. Ursache der wachsenden Unruhe auf im ternationaler Ebene war vor allem die Tatsache; daß sich die Weltwirtschaft, insbesondere das internationale Geldsystem, grundlegend gegenüber den fünfziger und sechziger Jahren verändert hatte – nicht mehr Inflationsdifferenzen und die Handels- und Leistungsbilanz, sondern Kapitalbewegungen wurden der entscheidende Faktor. Jene werden aber überwiegend von der internationalen Zinsdifferenz und den Unterschieden im Vertrauen in die jeweiligen politischen (einschließlich wirtschaftspolitischen) Zustände bestimmt. Dazu kam die „fehlende Verpflichtung der amerikanischen Seite zur Beachtung der Zahlungsbilanz in der Geldpolitik“.

Dem wachsenden Druck wurde aber zunächst nicht durch eine erneute Wechselkursfreigabe begegnet, sondern durch Maßnahmen, die den Kapitalverkehr behinderten, ganz gegen die Intention Karl Schillers, der daraufhin, aber auch wegen der Haushaltskontroverse, zurücktrat. Am 1. März 1973 mußten die europäischen Notenbanken schätzungsweise 3,5 Milliarden Dollar aufnehmen, davon fast 2,7 Milliarden Dollar gegen Mark, also war die Bundesbank gezwungen, fast acht Milliarden Mark Notenbankgeld an einem Tag auszugeben, fast so viel, wie die damals normale Zunahme an Zentralbankgeld für ein ganzes Jahr betrug. Zwangsläufig kam es doch noch zu einer Schließung der Devisenbörsen und zu einer Einstellung der allgemeinen Dollarkäufe.

Am 11. März 1973 entschieden sich sechs EG-Nationen zu einem gemeinsamen Floaten. An diesem „Block-Floaten“ beteiligten sich die Bundesrepublik, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Dänemark, kurz darauf schlossen sich auch noch die Nicht-EG-Mitglieder Norwegen und Schweden an, die allerdings einige Jahre später wieder ausschieden. Auch Frankreich verließ den Währungsblock, kehrte aber wieder zurück, um dann aber endgültig auszusteigen.

1976 kam es, anläßlich der Jamaika-Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF), zu einer offiziellen Neuregelung des Wechselkurssystems, danach wurde im Artikel IV des IWF-Statuts festgelegt, daß alle Länder ihr Wechselkurssystem frei wählen könnten, sie hätten lediglich die Verpflichtung, ihre Wahl dem IWF bekanntzugeben und sich einer allgemeinen Überwachung ihrer Wechselkurspolitik zu unterwerfen. Ferner wurden Maßnahmen angekündigt, um ordnungswidrigen und erratischen Wechselkursschwankungen entgegenzutreten.

Tatsächlich intervenierte die Bundesbank auch nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems reichlich. So kam es 1977 und vor allem 1978 zu enormen Dollarankäufen, die eine beträchtliche Aufblähung des deutschen Geldvolumens nach sich zogen. Bemerkenswerterweise hält der Stabilitätspolitiker Emminger ein derartiges Vorgehen für durchaus sinnvoll, denn „Devisenankäufe gepaart mit einem kräftigen steigenden Mark-Kurs sind etwas völlig anderes als Devisenkäufe bei festen oder künstlich gehaltenen Wechselkursen“.

Ein wichtiger Abschnitt in Emmingers geldhistorischer Analyse beleuchtet die Vorgänge, die dazu führten, daß das Europäische Währungssystem (EWS) aus der Taufe gehoben wurde. Ein Unbehagen über die Entwicklung des Weltwährungssystems, vor allem aber enttäuschende Erfahrungen mit dem europäischen Währungsblock, der nach dem zweiten Ausstieg Frankreichs lediglich ein Torso war, führten letztlich zu einer währungspolitischen Absprache zwischen Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing, die, als sie sich über die Grundsätze geeinigt hatten, auch die Bundesbank informierten und zu Besprechungen einluden.

Der Ex-Bundesbankchef weist darauf hin, daß er in der Vorbereitungsphase „manche Verbesserungen durchsetzen und Sicherungen einbauen“ konnte. Laut Emminger kam es zu einer Abmachung zwischen Bundesbank und Regierung hinsichtlich dir Absicherung der geldpolitischen Autonomie per deutschen Wähningsbehörde. Deren exakte Formulierung ist allerdings aus seinen geldpolitischen Erinnerungen nicht zu entnehmen; großes Aufsehen erregte jedoch sein Handelsblatt-Aufsatz, der deutlich machte, daß die Bundesbank unter Umständen nicht bereit sei, am Devisenmarkt zu intervenieren, um die Währungsparitäten im EWS aufrecht zu erhalten, falls sie dadurch gleichzeitig die Kontrolle über die inländische Geldmengenentwicklung aufgeben müßte.

Diese Äußerung wurde von vielen als eine klare Ablehnung des EWS und als ein ungeheuerlicher Affront sowohl gegen die Regierung als auch die europäische Idee empfunden und stieß vor allem im Ausland oft auf Unverständnis. Emminger selbst schien inzwischen seinen Frieden mit dem EWS gemacht zu haben, denn er weist darauf hin, daß die Konvergenz zwischen den Mitgliedsländern in Richtung auf Stabilität stärker war, als er anfangs zu hoffen wagte.

Neue Ziele anvisiert

Das ehemalige Oberhaupt der Bundesbank vollendet sein währungshistorisches Gemälde mit einem Abriß der deutschen Geldmengensteuerung, die erst nach dem Ableben des Bretton-Woods-Systems möglich geworden war. Die Ankündigung eines festen Geldmengenziels war international ein Novum; obwohl die amerikanische Notenbank schon lange vorher mit Geldmengenzielen experimentiert hatte, publizierte sie ein entsprechendes Ziel erst Monate nach der Bundesbank. Nach anfänglichen Erfolgen mußte die Bundesbank 1978 hinnehmen, daß die angekündigte Wachstumsrate – im Jahresdurchschnitt sollte die Zentralbankgeldmenge, die von der Bundesbank gesteuerte Zwischenziel- und Indikatorgröße, um acht Prozent über dem Durchschnitt von 1977 liegen – um drei Prozentpunkte überschritten wurde; schon bereits Mitte des betreffenden Jahres hatte sie das Ziel als unerreichbar aufgegeben. Um sich einen größeren Spielraum zu verschaffen und besser auf außenwirtschaftliche und konjunkturelle Gegebenheiten reagieren zu können, ging die Bundesbank für 1979 dazu über, einen Zielkorridor zu formulieren. Nun sollte die Zentralbankgeldmenge vom letzten Quartal 1978 bis zum letzten Quartal 1979 um nicht weniger als sechs Prozent und nicht mehr als neun Prozent expandieren. Diese Praxis, die eine sehr pragmatische Handhabung der Geldmengensteuerung darstellt, wird bis heute beibehalten. In vergangenen Jahr nahm es die Bundesbank aufgrund immer deutlicher werdender Indikator- und Konzeptionsmängel hin, daß die Geldmenge über das vorgegebene Ziel hinausschoß. Gespannt darf man nun sein, wie die Bundesbank darauf reagiert, wenn in diesem Jahr, was nicht auszuschließen ist, die Eigenwilligkeit der monetären Expansion anhält oder gar noch zunimmt. Aber dies ist nicht mehr Emmingers Problem.

Dr. Diethard B. Simmert ist Mitarbeiter der Commerzbank in Frankfurt und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn.