Zu unserer Hochzeit am 7. September laden wir Dich recht herzlich ein.“ – Im Frühsommer des vergangenen Jahres flatterte mir die Einladung von jüdischen Freunden ins Haus. Freunden? Menschen, die ich aus der Zeit, als ich noch aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde war, gut kannte und die ich jetzt nur noch zufällig trat Mein Gott, fast zehn Jahre war ich auf keiner Bar-Mizwah- oder Hochzeitsfeier mehr gewesen. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben, das hatte ich hinter mir gelassen – dachte ich.

Raus aus dem Getto, rein in die Assimilation. Jude sein allein ist nicht abendfüllend“ – dieses Motto Fritz Kortners machte ich auch zu meinem eigenen. Und plötzlich, im Alter von 30 Jahren, das Bedürfnis, da hinzugehen, Gesichter aus der Jugendzeit wiederzusehen, Heimat zu spüren. Heimat? Wieso Heimat? Deutschland ist meine Heimat, meine Kultur, meine Sprache, mein Zuhause – meinte ich halt so einfach, irgendwie und überhaupt und naja, was denn sonst? Israel? Aber nein, ich bin doch kein Zionist, ich bin Mitteleuropäer, mein Denken, mein Fühlen ...

„Festliche Abendkleidung“ stand auf der Einladung. Gähnende Leere diesbezüglich in meinem Kleiderschrank. Als „Luftmensch“, neuhochdeutsch: Künstler, hatte ich zwar eine gewisse Narrenfreiheit bei der Gemeinde, aber ich wollte ja Heimat spüren, also Regeln und Gepflogenheiten akzeptieren, und so trabte ich brav zum Kostümverleih, lieh mir Smoking plus Hemd plus Fliege und ärgerte mich, daß mein Selbstverwirklichungsdrang mich zum Theater getrieben hatte statt zu einem der klassischen Broterwerbsstudien für höhere jüdische Söhne: Medizin, Jura oder Diplom-I.D.B. (In Daddy’s Business). Schließlich rundete ein Gang zum Friseur mein mir selber vorgeschriebenes Image als erfolgreicher jüdischer junger Mann ab, und so konnte es nun losgehen, alles war perfekt. Außer einer Kleinigkeit. Doch davon später.

Was ist eigentlich geschehen? So viele Jahre lief ich ohne Probleme durch diese Republik, betrachtete mich als Teil dieses Volkes, war vom aktuellen politischen Geschehen betroffen, weinte sogar, als Helmut Schmidt abtreten mußte. Ich liebte meine Heimatstadt München, liebte den Dialekt, den ich als Kind selbstverständlich sprach, liebte mein Weißbier und meine Weißwürste, war glücklich, wenn ich durch das bayerische Voralpenland fuhr. Und heute: Ratlosigkeit, Distanz.

Mitten hinein geboren ins Wirtschaftswunder, „erlebte“ ich den Krieg dennoch recht intensiv: einmal durch die Erzählungen meiner Eltern und ihrer Freunde, die alle im KZ waren, und dann durch das zum Teil noch zerstörte Stadtbild Münchens. Wie spannend war es, in den Ruinen zu spielen, in der Hoffnung, eine noch scharfe Bombe zu finden.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir meine Mutter erzählte, als ich etwa fünf oder sechs Jahre alt war. Sie befand sich in einem Viehwaggon mit -zig anderen Juden, alten und jungen. Sie wurden irgendwohin transportiert. Schließlich hielt der Zug, sie hörten Stimmen, Kommandos, Hundegebell. Die Deutschen verschwanden aber wieder, ohne daß der Waggon, in dem sich meine Mutter befand, geöffnet wurde. Stille trat ein. Plötzlich rief irgend jemand: „Sie haben uns vergessen. Seid still, rührt euch nicht! Sie haben uns vergessen, laßt uns warten, bis es dunkel wird.“ Keiner wagte es mehr, einen Laut von sich zu geben. Stunden vergingen. Es war stickig, eng, qualvoll. Die Nacht kam, mit ihr kamen die Deutschen. Verschwunden war die Hoffnung.

Meine Eltern waren ein merkwürdiges Gespann: Mein Vater, aus einem Stetl in den slowakischen Karpaten stammend, besuchte fünf Jahre die berühmte Galanter Jeschiwah (Rabbinerschule in Galanta). Er war, was man sich unter einem frommen Juden so vorstellt. Obwohl seine Eltern und vier seiner fünf Geschwister im Lager umkamen, hielt er nach dem Krieg an seinem Glauben fest, auch wenn er sich schnell den äußeren Gepflogenheiten anglich: keine Pajes (Schläfenlocken), kein Bart, normale Kleidung. Ich bewunderte meinen Vater, der sehr darauf erpicht war, mir eine religiöse Erziehung zu geben. Er sorgte dafür, daß ich bereits als Dreijähriger die ersten Gebete sprechen konnte – nichts Unübliches für ein religiöses Kind –, Hebräisch lesen und schreiben lernte und die Gesetze der Thora einhielt. Ich aß koscher, ging an den Feiertagen in die Synagoge, legte schließlich Tefillim (Gebetsriemen), hatte überwiegend jüdische Freunde, kurz, ich war völlig eingebettet in das jüdische Leben.