Nochmal was über die Probleme der italienischen Universität, angeregt durch einen Artikel von Gianni Riotta in La Stampa, der sich berechtigte Sorgen über die Koexistenz von Disziplinen wie „Antike Numismatik“ und „Griechisch-Römische Numismatik“ oder „Indische Religionen“ und „Religionen Indiens und des Fernen Ostens“ macht. Vor Jahren habe ich einmal zusammen mit Giorgio Sandri eine Liste der möglichen Disziplinen einer Fakultät für Vergleichende Irrelevanz aufgestellt, in der unter anderem die Fächer „Aztekische Hippologie“, „Institutionen der Devianz“, „Therapie der Nichtnormalen Mengen“ und „Nomadische Urbanistik“ figurierten. Wir haben die Liste damals nicht publiziert, aus Furcht, diese Disziplinen könnten wirklich eingerichtet werden.

Es gibt Gründe für den Verdacht, daß dergleichen Benennungen sich vervielfachen, um Posten für den akademischen Nachwuchs zu schaffen, es kommt ja oft genug vor. Aber die Multiplizierung abstruser Namen (mit dem Verdacht, daß die Fächer gar nicht existieren) verdankt sich auch bürokratischen Paradoxien. So wird zum Beispiel die Disziplin, die ich lehre, in den amtlichen Stellenausschreibungen unter den Namen Semiotik, Semeiotik, Semiologie, Semeiologie usw. geführt. Was jedoch nur daran liegt, daß zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten analoge Lehrstühle eingerichtet wurden, für die man dann jeweils den Namen wählte, der einem gerade am passendsten erschien. Da das italienische Universitätswesen auf dem Prinzip der Lehrstuhlinhaberschaft beruht (das heißt: jeder Ordinarius ist der Alleininhaber seines Faches und duldet keine anderen Götter neben sich), hat der zuständige Minister, um eventuellen Reklamationen und Streitereien bei den Ausschreibungen vorzubeugen, einfach alle existierenden Denominationen nebeneinander registriert. Womit bloße Namenszufälligkeiten legalisiert worden sind.

Das wahre Übel ist, daß man bei uns immer noch glaubt, eine Universität funktioniere nach national einheitlich und klar definierten Disziplinen. Wie früher: Wenn jemand lehren wollte, daß die Erde sich um die Sonne dreht, mußte er sich erst einen Lehrstuhl für Ptolemäische Aposthelematik verschaffen. Heute dagegen wissen wir, daß die kleinste Entdeckung genügt, besonders in den Naturwissenschaften, um ein ganzes Paradigma von Disziplinen zusammenbrechen zu lassen, und die Wissenschaft kann nicht warten, bis ein Minister die Neuerung anerkannt und ihr einen akzeptablen Namen verpaßt hat. Bei uns gilt jedoch eine Lehre erst als seriös, wenn sie unter dem Namen einer amtlich registrierten Disziplin verbreitet wird.

Was passiert in einer modernen Universität, die in ihren Lehr- und Forschungsentscheidungen autonom ist? Nehmen wir an, in Harvard kommt das Department für Englische Literatur zu der Einsicht, daß die Zahl der Studenten groß und mithin ein neuer Professor erforderlich ist. Das Department für Vergleichende Literaturwissenschaft hat ein ähnliches Problem. Es gibt den Professor Smith, der alles über Shakespeare weiß, und den Professor Brown, der gewöhnlich Kurse über Altenglische Literatur abhält, aber sich oft beurlauben läßt, um an der Sorbonne zu lehren. Den Studenten fehlt ein Dozent für Moderne Literatur. Auf dem Markt gibt es nun einen gewissen Greene, der ein sehr schönes Buch über Joyce und Dante geschrieben hat, außerdem ein paar exzellente Aufsätze über Blake und Pater. Also beruft man Greene und vereinbart mit ihm: Du unterrichtest moderne englische Literatur, aber wenn Brown beurlaubt ist, machst du auch einen Kurs in Vergleichender Literaturwissenschaft über die Beziehungen zwischen italienischer und englischer Kultur.

Greene wird weder als Professor für moderne Englische Literatur berufen noch als Professor für Vergleichende Joyceana. Er wird als Literaturwissenschaftler eingestellt, wie Smith und Brown, und dann wird er von Jahr zu Jahr, je nach den Erfordernissen der Lehre, gebeten, ein bestimmtes Feld abzudecken. An derselben Uni könnte man umgekehrt auch einen Professor in der Abteilung für Französische Literatur finden, der auf die Frage, was er lehrt, zur Antwort gibt, er lehre Balzac. Die Dozenten definieren sich durch das Sachgebiet, das abzudecken sie berufen sind, und nicht durch den Namen eines akademischen Faches.

Bei uns kann es passieren, daß in einer Soziologischen Fakultät ein dringender Bedarf nach dem Studium der Massenkommunikationsmechanismen besteht und daß sich ein Professor Weiß anbietet, der Experte in Sachen Internationale Organisation der Kommunikationssysteme ist. Aber man hätte auch gern einen Professor Schwarz, der ausgezeichnete Analysen der Sprache des Fernsehens und der Presse zu machen versteht. Um das Kriterium der Lehrstuhlinhaberschaft zu erfüllen, ist man gezwungen, eine Soziologie der Massenmedien neben einer Soziologie der Sprache der Massenmedien zu erfinden. Natürlich riecht das nach einem faulen Trick. Eine selbständige Universität hingegen, die nicht in zentralistisch-bürokratische Zwangsjacken eingeschnürt ist, trifft ihre Entscheidungen nach den Erfordernissen der Lehre und kümmert sich nicht um die Erfindung unwahrscheinlicher Namen.

Copyright: L’Espresso. Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber.