Daß außereuropäische Musik auch in europäischen Musikzentren allmählich bekannter wird, ist nicht zuletzt den permanenten Aktivitäten des „Extra European Arts Committee“ zu danken, einer Vereinigung bedeutender Kulturhäuser des Kontinents. Diesmal gelang es den vereinten Anstrengungen der Institutionen in Paris, Genf, Mailand und des „Internationalen Instituts für vergleichende Musikstudien“ in Berlin, buddhistische Musik aus der Volksrepublik China zum erstenmal in Europa vorzustellen. Ein zweiter Abend machte mit traditioneller chinesischer Musik bekannt.

Das erste Konzert der chinesischen Tempelmusiker in der Berliner Akademie der Künste führte in eine rituelle musikalische Tradition ein, die sich im fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert im Pekinger Zhihua-Tempel gebildet hatte. Seither wurde diese Tradition buddhistischer Musik von Generation zu Generation und offenbar unbeeinflußt vom gesellschaftlich-musikalischen Wandel weitergegeben. Erst nach sieben Jahren intensiver musikalischer Schulung sind die Knaben, die als Zwölfjährige in die Tempelgemeinschaft eintreten, den musikalischen Repertoires der zeremoniellen Musik gewachsen, beherrschen sie die drei Gattungen der Zhiua-Tempelmusik, der sogenannten Jing-Musik: den Sprechgesang der kanonischen Texte, die rituelle Musik für Blasinstrumente (Oboen, Flöten, Mundorgel, Gongspiel) und die der Schlaginstrumente (große liegende Trommel, Becken mit kleinem und großem Buckel, kleiner Gong).

In den Berliner Konzerten, die am ersten Abend die buddhistische Tradition und am zweiten traditionelle Musik Chinas präsentierten, faszinierte vor allem die Originalität, die spirituelle Würde, die zurückgenommene Kargheit der buddhistischen Musik, aber auch der überraschende Klangreichtum ritueller Ensemblemusik.

Eröffnet wurde der Abend mit einer komprimierten Fassung der „Opfereaben-Zeremonie für die hungrigen Geister“, die hier als fünfundvierzigminütiger vokal-instrumentaler musikalischer Prozeß in sieben Teilen zu beobachten war. Zugrunde liegt solchen Zeremonien freilich nicht allein die buddhistische Tradition, die sich im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in China gesellschaftlich einflußreich etablieren konnte; in ihnen konzentriert sich vielmehr religiös-asiatisches Weltwissen, das allen drei religiös-philosophischen Bewegungen – Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus – selbstverständlich war: das Wissen beispielsweise um die permanente schöpferische Ergänzung, um die Einheit von Himmel und Erde, in die auch – nach den Worten des Laotse – der Mensch einbezogen ist. Dementsprechend gibt es auch keine strikte Trennung zwischen den lebenden und den verstorbenen Seelen. Freilich, zu diesem Wissen gehört auch die Erkenntnis der zwei Seelen des Menschen; die eine schenkt dem Menschen Leben, die andere seine Persönlichkeit. Diese Seele aber lebt noch lange nach dem Tode, kümmert sich um die Zurückgebliebenen – unter der Voraussetzung allerdings, daß ihr Opfer dargereicht werden. Geschieht dies nicht, irrt sie umher, stiehlt fremde Speisen, fügt ihren Verwandten Schaden zu und kann von Magiern mißbraucht werden.

Solches Wissen konkretisiert die buddhistische Zeremonie Fang yan kou, die einem feuerspeienden, unstillbar hungrigen Geist – „so dünn wie ein Baumzweig, sein Hals so dünn wie eine Nadel“ – gewidmet ist. Heute gehört sie offenbar zu den wichtigsten buddhistischen Zeremonien in China und wird auch außerhalb des Tempels vollzogen. Die einladenden Familien hoffen, durch den Beistand der Mönche die Seele des Verstorbenen aus den jenseitigen Leiden, dem „Fegefeuer“ befreien und ins Paradies des Buddha Amitabha überführen zu können.

Buddhistischer Gesang ist in dieser Zeremonie stets instrumental begleiteter Sologesang oder chorisch angestimmter Gesang der Mönchsgruppe. Neben den litaneiartigen Gesängen, die den Oktavraum selten überschreiten, werden zunächst Artikulationen der Becken und einer Handglocke hörbar, die der führende Mönch läutet, grundiert von dumpfen Schlägen auf der liegenden großen Trommel. Im Gegensatz zu den buddhistischen Gesängen Japans, den shomyo, die sich durch dramatische, glissandierende und rotierende Überschläge ins hohe Register auszeichnen, hat sich hier eine volkstümlichere Form rituellen Gesangs erhalten. Freilich, der Reichtum an Instrumentalfarben ist in der chinesischen Tradition ungleich größer. Erst allmählich wird der ruhig schreitende Gesang durch die gehämmerten Artikulationen der neun kleinen Gongs erweitert, die wie ein Schellenbaum aufgehängt sind.

Und dann geschieht das Unerwartete. Die vokal-instrumentale Musik weitet sich plötzlich zur reinen Instrumentalmusik. Für zehn Minuten verbreiten Oboen, Flöten, Mundorgeln und Schlaginstrumente einen klangfarblichen Wohllaut von paradiesischer Schönheit. Die ornamentierenden Flöten umspielen virtuos einen vielfarbig schillernden Grundklang der Mundorgel und der Oboen. Gong und große Trommel treiben die Musik, die zunächst unmetrisiert aufblühte, voran. Und es wird jener accelerierende Formaufbau beobachtbar, jene allmähliche Beschleunigung des Tempos von Struktur zu Struktur, der auch die koreanische Hofmusik auszeichnet.

Traditionelle Musik im weitesten Sinne, vornehmlich aber Musik für traditionsreiche Instrumente wie die eiförmige Gefäßflöte, für die Oboe, für die Mundorgel oder die zweisaitige Geige wurde dann am zweiten Abend in der Akademie hörbar. Manche der Stücke spielten mit Leittönen, schienen tonal umgeformt oder ergaben sich jener leerlaufenden, nur noch brillanten Instrumental-Virtuosität, die zwar vom Ehrgeiz der Musiker zeugte, aber nicht mehr von den besten Traditionen der chinesischen Musik. Vor solchen Eigenmächtigkeiten eingeladener Ensembles ist freilich kein Veranstalter sicher.

Beide Konzerte in der Akademie der Künste waren ausverkauft, und viele Enthusiasten außereuropäischer Musik konnten keinen Einlaß mehr finden. Sie mögen sich trösten mit dem Gedanken, daß das Berliner „Institut für vergleichende Musikstudien und Dokumentation“ in diesem Jahr noch fünf weitere „Festivals Traditioneller Musik“ veranstalten wird – mit Musik aus Griechenland und Jugoslawien, Musik der Bantustämme Afrikas und aus Bangladesch – sowie ein Festival, das dem Puppentheater und Marionettentheater Thailands, Chinas und Indiens gewidmet sein wird.