Von Volker Ullrich

Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, am 5. August 1914, meldet sich Julius Boldt, Besitzer eines Kolonialwarenladens im Hamburger Stadtteil Hoheluft, als Kriegsfreiwilliger. Wie viele andere wilhelminische Hurra-Patrioten will er vom ersten Tage an ganz vorn dabei sein, um den erwarteten Blitzsieg nicht zu verpassen. Zurück läßt er seine junge Frau Johanna – auch "Hannchen" genannt – und eine einjährige Tochter. Ein zweites Kind ist unterwegs. Hannchen schreibt ihrem Mann, wie viele andere Frauen damals, täglich Briefe – vom August bis Dezember 1914, als sie die Nachricht erhält, daß ihr Mann in russische Kriegsgefangenschaft geraten ist. Dort stirbt er im April 1915 an Flecktyphus. Mit 23 Jahren ist Johanna Boldt Kriegerwitwe. Ein Frauenschicksal im Ersten Weltkrieg.

Die Briefe fand die ältere Tochter Edith nach dem Tode ihrer Mutter Anfang der sechziger Jahre in einem sorgfältig verschnürten Päckchen. Erst 25 Jahre später, als Siebzigjährige, hat sie das Bündel aufgeschnürt und dabei eine merkwürdige Erfahrung gemacht: Die Frau, die ihr in den Briefen entgegentrat, entsprach so gar nicht dem Bild, das sie sich bislang von ihr gemacht hatte. Die Lektüre der Briefe wurde zu einem schmerzvollen Prozeß der Wiederannäherung an die ungeliebte Mutter, über den die Tochter im Vorwort der jetzt von ihr in Auszügen publizierten Briefsammlung berichtet.

Wenn es freilich nur dies wäre, eine private Familiengeschichte, wir müßten von dieser Publikation nicht sonderlich Notiz nehmen. Was die Hannchen-Briefe zu einer wichtigen historischen Quelle macht, ist etwas anderes: In ihnen spiegeln sich Erfahrungen höchst widersprüchlicher Natur, wie sie von vielen anderen Frauen im Ersten Weltkrieg durchlebt und durchlitten wurden.

Das fängt schon mit dem vielzitierten "Augusterlebnis" von 1914 an. Im Gegensatz zur offiziellen Legende, die sich hartnäckig in den Geschichtsbüchern hält, zeigen diese Briefe, wie brüchig die Kriegsbegeisterung war und wie schnell sie Ernüchterung Platz machte. Sorgfältig registriert Hannchen zwar alle Siegesnachrichten und Extrablätter, und sie ist auch keineswegs unempfänglich für die patriotischen Rauschzustände, in die Hamburgs Bürger sich tagtäglich versetzten. Doch zugleich bemerkt sie auch das andere Gesicht des Krieges: die mit Kriegsbeginn schlagartig einsetzende Massenarbeitslosigkeit, die Verteuerung der Lebenshaltungskosten, den Rückgang des Geschäftsumsatzes. Gedämpft wird ihre Kriegsbegeisterung aber vor allem durch die Sorge um das Schicksal des Mannes. Inständig bittet sie ihn immer wieder, seinen Tatendrang im Felde zu zügeln und nicht den Helden zu spielen. Jeden Tag dasselbe zermürbende Warten auf Nachricht, der Blick zum Briefträger. Ob er diesmal etwas dabei hat?

Die Ängste wachsen, je deutlicher wird, daß der erwartete Blitzsieg im Westen ausbleibt. Die Verlustlisten in den Zeitungen werden immer länger, bald sind Krankenhäuser und Lazarette mit Verwundeten überbelegt. Bereits Anfang Oktober 1914 ist von Kriegsbegeisterung in Hamburg nichts mehr zu spüren: "Die Stimmung ist so gedrückt, keine Fahne, kein Extrablatt – man weiß nicht, was noch werden mag." Und Ende Oktober 1914 lesen wir in einem Brief den Stoßseufzer: "Wenn doch dieser schreckliche Krieg erst zu Ende wäre! Nichts wünschen die Menschen mehr herbei als das Ende dieses unseligen Krieges."

Diese Briefe dokumentieren nicht nur den Einstellungswandel zum Krieg, sie werfen zugleich Licht auf die Veränderungen, die sich im Alltag von Frauen im Ersten Weltkrieg vollzogen. Nach dem Weggang ihres Mannes übernimmt Johanna Boldt die Leitung des Geschäfts. Sie muß in kürzester Zeit das Einmaleins einer Geschäftsfrau lernen: Waren bestellen, Preise kalkulieren, sich mit unzufriedenen Kunden herumschlagen, die Angestellten bei Laune halten, Bücher führen. Mit erstaunlicher Sicherheit bewegt sie sich bald in der ungewohnten "Chef"-Rolle, und manchmal gewinnt man den Eindruck, daß ihr Mann ganz überflüssig geworden ist, weil der Laden auch ohne ihn läuft. So ganz nebenbei bringt sie im September 1914 noch eine zweite Tochter zur Welt, der sie – wie sie ihrem Mann stolz berichtet – alle vier Stunden die Brust gibt. Und trotz dieser Belastungen findet sie abends noch die Kraft, seitenlange Briefe zu schreiben.