Düstere Kapitel aus dem Buch der deutschen Verdrängungen. Neue Erkenntnisse zur Euthanasie im „Dritten Reich“.

Von Karl-Heinz Janßen

Eine schöne Festschrift sollte es werden, mit vielen Farbphotos auf Hochglanzpapier. Das Franz-Sales-Haus in Essen, eine der größten und fortschrittlichsten katholischen Bildungsanstalten für geistig-seelisch behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, feierte sein hundertjähriges Bestehen. Als der vorgesehene Autor, der Publizist Franz Lutzius, beiläufig nach den Vorgängen während der nationalsozialistischen Zeit fragte, stieß er allenthalben auf Schweigen oder Nichtwissen.

Er begann nachzuforschen, fand noch ehemalige Heiminsassen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, brachte Geistliche und Pflegerinnen zum Sprechen, grub mühsam Dokumente aus. Sein Fazit – ein Schönheitsfleck in der Festschrift: Von 1290 Zöglingen wurden zwischen 1941 und 1944 insgesamt 787 Behinderte von Sonderkommandos verschleppt; man muß annehmen, daß nahezu alle umgebracht wurden.

Das schreckliche Konvolut aus Tonbandprotokollen, Dokumenten und Sekundärliteratur hat Lutzius zu einem Tatsachenroman verdichtet, der dieser Tage in den Handel kommt. Zum erstenmal wird beispielhaft für ein berühmtes konfessionelles Behindertenheim dargestellt, wie sich Anstaltsleitung, Pflegepersonal und letztlich auch die staatlichen und kirchlichen Aufsichtsbehörden bis hin zum Erzbischof in den Massenmord an psychisch und körperlich Kranken schuldhaft verstricken ließen, ein Thema, das von den christlichen Kirchen noch weitgehend tabuisiert wird. Beim gegenwärtig in Frankfurt laufenden letzten großen Prozeß gegen ehemalige Euthanasieärzte, die durch die Jahrzehnte seit 1945 immer wieder außer Verfolgung gesetzt worden waren und weiter praktizieren durften, sind bezeichnenderweise keine kirchlichen Prozeßbeobachter erschienen.

Auch die Zeitgeschichtsforschung ließ dieses Thema links liegen; sie ist eigentlich erst 1983, beim öffentlichen Gedenken an Hitlers Machtergreifung fünfzig Jahre zuvor, aus dem Schlummer aufgewacht. Wäre da nicht der freie Journalist Ernst Klee gewesen, der sich die Mühe macht, Tausende von Prozeßakten zu lesen und die Anstaltsarchive zu durchwühlen, wüßte man noch heute fast nichts über eine der schauerlichsten Untaten dieses Jahrhunderts. „Die medizinischen und psychiatrischen Verbrechen der NS-Zeit“, so urteilt der Münsteraner Historiker Karl Teppe, selber Leiter eines regionalen Forschungsprojekts zum gleichen Thema, über die Verdrängung, „wurden als Exzesse pervertierter Einzeltäter begriffen und damit gesellschaftlich und politisch isoliert. Mit den Urteilssprüchen der Gerichte glaubte man das dunkle Kapitel der NS-Psychiatrie bewältigt zu haben.“

Historiker mögen es bedauern, daß Franz Lutzius die zum Teil überraschenden Ergebnisse seiner privaten Forschung in Form eines Romans an die Öffentlichkeit bringt. Aber es war immer legitim, daß Schriftsteller, sofern sie sich auf solide Akten- und Literaturkenntnisse stützen und in seriöser Weise Zeugen befragt haben, historische Tatsachen in populärwissenschaftlicher Art an ein Publikum herantragen, das weder Dokumentationen noch Monographien liest.

So kann Lutzius an belegbaren Einzelschicksalen schildern, was sich hinter den nüchternen Zahlen und Aktenvermerken verbirgt: die Ängste der im Stich gelassenen Anstaltszöglinge, die Gewissensqualen der Helfer, denen die Kranken anvertraut waren, den Zynismus und die Bedenkenlosigkeit der Nazi-Funktionäre und Ärzte. Er wagt es sogar, ein ganzes Kapitel über eine Liebesbeziehung zwischen zwei todgeweihten jungen Kranken zu schreiben.

Aber Lutzius will mehr als nur Mitgefühl bei seinen Lesern wecken. Er will auch das Versagen der gesellschaftlichen Eliten und Gruppen, ja, des ganzen Volkes anprangern. Darum hat er seiner Erzählung „Die sieben Kardinalfehler im Kampf gegen die Euthanasie in der Nazi-Diktatur“ vorangestellt:

  • „Die Eltern, die ihre behinderten Kinder nicht frühzeitig aus den Anstalten holten;
  • die Repräsentanten der Kirchen, die gar nicht, zu leise oder nur halbherzig gegen die Tötung des lebensunwerten Lebens protestierten;
  • die Richter und Staatsanwälte, die den Rechtsmißbrauch zuließen;
  • die Ärzte, die ihren Eid brachen, indem sie die Gasventile öffneten und die Giftspritzen anordneten;
  • das Pflegepersonal, das auf ärztliche Anordnung oder im eigenen Interesse die tödlichen Überdosen spritzte;
  • die Anstaltsleiter, die allein zu schwach und in ihrer Verantwortung überfordert waren;
  • das deutsche Volk, dem das Schicksal seiner Behinderten zu gleichgültig war.“

Autor Lutzius hat dem Roman eine komplette Liste der Deportationen aus dem Essener Franz-Sales-Haus angehängt. Insgesamt neunzehnmal sind die gefürchteten langen, graugestrichenen Postbusse mit den verhangenen Fenstern vorgefahren. Sie gehörten der NS-Tarnorganisation „Gemeinnützige Krankentransport-GmbH“ (Gekrat) – diese wurde wie die ganze Mordaktion von der „Kanzlei des Führers“ Adolf Hitler gesteuert. Aus Essen hat sie 561 männliche und 226 weibliche Zöglinge verschleppt; ein Drittel in den Jahren 1940/1941 unter dem Vorwand, man müsse für verwundete Soldaten Betten frei machen, die anderen 1943, angeblich, weil man sie vor dem Bombenkrieg in Sicherheit bringen wollte.

Als die SS im Frühjahr 1940 erschien, um die ersten 30 Kinder abzuholen, hat sich der Direktor, Kaplan Hermann-Josef Schulte-Pelkum, der seit dreißig Jahren der Erziehungsanstalt vorstand, zunächst geweigert, ohne Einwilligung der Eltern und Vormünder die Kinder herauszugeben. Eine gesetzliche Grundlage für die Aktion gab es ohnehin nicht, lediglich eine formlose Ermächtigung des Diktators. Der Essener Anstaltsdirektor versicherte sich des Beistandes des Kölner Erzbischofs Joseph Frings und des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Schwieriger wurde seine Position jedoch, als ihm die Aufsichtsbehörde, der Oberpräsident der preußischen Rheinprovinz, Fragebogen ins Haus schickte, mit deren Hilfe die 1290 Heiminsassen „planwirtschaftlich erfaßt“ werden sollten. (Lutzius hat im Archiv des heutigen Landschaftsverbandes Rheinland vergeblich nach den geheimen und vertraulichen Akten jener Zeit gesucht.)

Die Provinzialverwaltung hat sich, was bis heute noch kaum bekannt ist, zu einem willfährigen Werkzeug der Euthanasie-Behörde in Berlin, der „Zentralstelle“ am Tiergarten 4 („T 4“) in Charlottenburg, machen lassen. Der Kreis der Mitwisser war viel größer, als man es sich bislang vorgestellt hatte. So ist erst neuerdings entdeckt worden, daß auch die gesamte deutsche Kommunalverwaltung bis hin zu den Bürgermeistern eingeweiht wurde (siehe Kasten auf Seite 14).

Die Reichsmordbehörde war vor allem begierig, die Krankendiagnosen und die rassische Zugehörigkeit der Anstaltsinsassen zu erfahren. Im Essener Heim hatte man privat auch eine Reihe jüdischer Kinder untergebracht; sie sollten als erste in eine der damals sechs Vergasungsanstalten verschleppt werden. Schulte-Pelkum gelang es, einige dieser Kinder vor dem Zugriff der Nazis zu verstecken. Am gefährdetsten waren zunächst die hilflosen („die ganz tiefstehenden“, wie man damals sagte) und die nicht mehr arbeitsfähigen Kranken. Deshalb hat die Anstaltsleitung mit Hilfe des Chefarztes Dr. Hans Hegemann auf den Fragebogen fast alle Diagnosen zugunsten der Pfleglinge korrigiert („bedingt arbeitsfähig“, „bildungsfähig“), so daß die Gutachter und Obergutachter, eigens dafür besoldete Professoren, nicht ihr todbringendes Kreuzchen hinter die Namen der Erfaßten setzen konnten.

Aber die staatliche Mörderbande ließ sich nicht in die Irre führen. Bei Nacht und Nebel verschaffte sie sich Einlaß in das Heim und suchte sich die Kinder selber aus. Erst zwei Tage später durfte die Anstalt die Eltern von der Verlegung verständigen. Nur zu bald sickerten die ersten Nachrichten durch, daß die Kinder nicht mehr am Leben seien.

Von nun an breitete sich im Heim Todesangst aus, sobald die grauen Busse wieder im Gelände standen. Eine Betreuerin, Schwester aus dem Orden der Heiligen Elisabeth, erinnert sich: „Ich habe nichts gesehen, was mir so ans Herz ging wie dieses Geschehen an kleinen, intelligenten Kindern.“ Eine Mitschwester unter Tränen: „Die sind alle schreiend und jammernd ‚Wir wollen bei Ihnen bleiben‘ weggefahren. Das war derart schlimm, daß ich tagelang manchmal nichts essen konnte.“

Ältere Kinder und Jugendliche fingen an, die Hitler-Bilder von den Wänden zu reißen und sie am Boden zu zerstören, andere tobten gegen die Schwestern und den Direktor. Bisweilen kam es sogar zu regelrechten Jagden nach Ausreißern auf dem Anstaltsgelände. Direktor und Schwestern versuchten die Kinder zu beruhigen: „Ihr kommt ja alle bald wieder zu uns.“

Galen gegen Goebbels

All die Jahrzehnte danach hat die Ordensfrauen die Frage gequält, ob sie damals wirklich Nächstenliebe geübt haben, wie es doch ihr selbstgewählter Auftrag sein sollte. Wurden sie nicht mitschuldig, wenn sie die Spielsachen der Kinder einpackten und deren Kleiderbündel schnürten, wenn sie Kindern, die über sich keine Auskunft geben konnten, Leukoplaststreifen in den Nacken klebten, zur besseren Kennzeichnung? Ihr einziger Trost: „Das kann nur der Herrgott beantworten.“

Vom Direktor Schulte-Pelkum weiß man – er starb gegen Kriegsende an den Verletzungen, die er bei einem Luftangriff erlitten hatte –, daß er geholfen hat, soweit es in seinen Kräften stand. Auch er hat, wie so mancher Deutsche an verantwortlicher Stelle, auf seinem Posten ausgeharrt, „um Schlimmeres zu verhüten“ – nur zu gern hätten die Nationalsozialisten einen Parteigenossen an seine Stelle gesetzt.

Die Geheime Reichssache ließ sich natürlich nicht geheimhalten. Zu viele Einwohner in der Nähe der Vergasungsanstalt sahen die Busse vorbeirollen oder den Rauch aus den Schornsteinen der Krematorien aufsteigen; in den Tageszeitungen erschienen auffällig viele Anzeigen über den plötzlichen und unerwarteten Tod von Zöglingen; peinliche bürokratische Pannen sprachen sich herum. Ein paar Juristen versuchten, das Töten mit rechtlichen Mitteln zu unterbinden, scheiterten aber an der hohen Obrigkeit, die angewiesen war, in dieser Sache keine Anzeige zu verfolgen. Die „Feindsender“ und die Presse der neutralen Länder brachten Berichte. Auch kirchliche Autoritäten rührten sich hinter den Kulissen.

Den empfindlichsten Schlag versetzte den Nazis die berühmte Predigt, die Graf Galen, der Bischof von Münster, am 3. August 1941 in der überfüllten Lambertikirche gehalten hat. Er war die erste Persönlichkeit in Deutschland, die öffentlich das Euthanasie-Verbrechen anprangerte – wie berichtet wird, unter Pfui-Rufen aus der Gemeinde. Sein Anknüpfungspunkt war das Evangelium jenes Sonntags: „...als Jesu Jerusalem nahe kam und die Stadt sah, weinte er über sie.“ Am liebsten hätte Graf Galen schon ein Jahr früher sein Donnerwort von der Kanzel geschleudert, aber damals wiegelten die Berater der Bischofskonferenz noch ab. Nach den schweren Kirchenkämpfen der vergangenen Jahre wollte man jede unvorsichtige und überstürzte Reaktion vermeiden.

Doch für Graf Galen gab es kein Halten mehr, seit nun auch in den Heil- und Pflegeanstalten der Provinz Westfalen Listen aufgestellt wurden, um „unproduktive“ Volksgenossen zu erfassen und vom Leben zum Tode befördern zu können. Der Bischof nannte Mord Mord und verkündete, er habe deswegen Anzeige erstattet und, leider vergebens, Staatsanwaltschaft und Polizei gebeten, die Bedrohten zu schützen. Galen, eine charismatische Figur von hünenhafter Gestalt, den man seither den „Löwen von Westfalen“ nennt, fand Worte, die seine Predigt in den Rang der großen historischen Reden hob: „Wenn einmal zugegeben wird, daß Menschen das Recht haben, ,unproduktive’ Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt zunächst auch nur arme wehrlose Geisteskranke trifft –, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.“

Und weiter: „Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volke, wenn das heilige Gottesgebot: ‚Du sollst nicht töten‘, das der Herr unter Donner und Blitz auf Sinai verkündet hat, das Gott, unser Schöpfer, von Anfang an in das Gewissen der Menschen geschrieben hat, nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird.“

Wie Blitz und Donner traf es auch die Naziführer. Das sei eine „unverschämte und provozierende Rede“, ein „Dolchstoß in den Rücken der kämpfenden Front“, schrieb Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch. Aber mit Hitler war er sich einig, daß man mitten im Krieg – in jenen Wochen war die Ostfront bereits in unerwartet schwere Kämpfe mit den sowjetischen Armeen verwickelt – aus psychologischen Gründen die Herausforderung einstecken müsse. Aber nach dem Kriege werde man mit dem „Landesverräter“ abrechnen. Noch nach Monaten, gerade zurück von einem Besuch aus dem Führerhauptquartier, notiert Goebbels über Hitlers unbesänftigten Zorn: „Den Bischof Galen hat er auf dem Kieker.“

Der Text der Predigt – wie uns Lutzius berichtet, wurde sie von dem Dompropst Adolf Donders entworfen – ging sofort in Tausenden von Exemplaren hektographiert von Hand zu Hand. Britische Flugzeuge warfen den Text als Flugblätter ab.

Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Predigt hat Hitler am 24. August 1941 die Euthanasie gestoppt. Immer wieder kann man hören, damit sei die Tötungsaktion mehr oder weniger vorbei gewesen. Doch das ist Legende, wie schon Ernst Klee nachgewiesen hat und nun auch Lutzius mit seinem Bericht über das Franz-Sales-Haus wieder bestätigt. Nur eine einzige Gaskammer, die in Hadamar, wurd damals stillgelegt. Die Mörder von der „T 4“ hatten ohnehin ihr Plansoll erfüllt: Bis zum 1. September 1941 hatten sie 70 273 kranke Mitbürger „desinfiziert“, sprich ermordet. Von nun an jedoch wurden Kranke und Asoziale kaum noch mit Gas getötet – die SS brauchte die erfahrenen Vergasungskommandos für den Massenmord an den Juden.

Statt Gas wählte „T 4“ nun verfeinerte Methoden, die weniger spektakulär und auffällig waren: Todesspritzen und Hungerkost, medizinische Experimente und „Vernichtung durch Arbeit“.

Die Mörder organisieren den Tod

Am 20. April 1943 teilte der Oberpräsident der Rheinprovinz dem Franz-Sales-Haus in Essen mit, man müsse wegen des Luftkrieges, dem besonders das Ruhrrevier ausgesetzt war, 500 Kranke in andere Teile des Reiches verlegen. Die Begründung schien plausibel, so daß es diesmal den Kirchen schwer fiel, sich aufzulehnen. Ärzte und Pfleger des Heimes schöpften zunächst keinen Verdacht. Freilich hätte sie ein Passus in dem amtlichen Schreiben stutzig machen müssen: „Die Angehörigen sind von der Krankenverlegung zu benachrichtigen, jedoch erst nach Durchführung der Transporte.“ Das war noch das gleiche Schema wie 1940/41. Und es rollten auch wieder die berüchtigten Busse der Gekrat an.

Im März wurden die ersten hundert Zöglinge verlegt, und zwar in die sächsische Anstalt Altscherbitz bei Dresden. Schon nach kurzer Zeit waren sechzehn von ihnen tot, ohne daß die Todesursache angegeben wurde. Da machte sich der Essener Anstaltskaplan Paul Wolpers nach Sachsen auf den Weg – er lebt heute noch hochbetagt als Prälat am Niederrhein und ist Lutzius’ wichtigster Zeuge. Er traf sich damals mit dem aus Aachen stammenden Amtsbruder Dr. Otto Spülbeck, Pfarrer an der Leipziger Gemeinde St. Laurentius und Geistlicher an der Landesheilanstalt Dösen. Spülbeck, der 1958 zum Bischof von Meißen gewählt wurde, leitete einen kirchlichen Widerstandskreis, dem auch zwangsverpflichtete Ärzte und Betreuer angehörten. Von ihm erfuhr Wolpers die bestürzende Nachricht, daß im sächsischen Landeskrankenhaus täglich etwa 35 Patienten durch Spritzen oder medizinische Versuche umkamen. Nach dem Tod wurde den Opfern das Gehirn herausgenommen, zu wissenschaftlichen Zwecken; Präparate wurden beispielsweise von den Forschern des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts angefordert.

Spülbeck beschwor den Besucher aus Essen, sofort den Kölner Erzbischof Frings zu alarmieren. Frings erbat denn auch am 29. Juli 1943 Auskunft über den Tod der 16 Kinder. Man vermutete, „diese Kinder seien durch Unterernährung zu Tode gekommen, und den noch lebenden Kindern drohe ein ähnliches Geschick“.

Am 14. August zählte ihm der Reichsbeauftragte für die Heil- und Pflegeanstalten in seiner Antwort sieben verschiedene Krankheiten auf, denen die Kinder erlegen seien (dreimal wurde körperliche Erschöpfung als Grund angegeben). Die hohe Sterblichkeit könne allerlei Gründe haben: allgemeine Ernährungsschwierigkeiten (kein Wort von der Hungerkost, wohl aber davon, daß im Ersten Weltkrieg die Sterblichkeitsrate in den Anstalten viel höher war), angeblich fürchterliche Zustände im ausgebombten Sales-Haus, Strapazen der langen Reise, seelische Belastungen. Die Entsendung eines kirchlichen Beauftragten freilich wurde abgelehnt.

Doch Prälat Wolpers fuhr unerschrocken noch einmal nach Sachsen. Hatte er sich beim ersten Mal als Lehrer mit Parteiabzeichen Einlaß verschafft, so kroch er diesmal einfach durch ein Loch im Zaun. Er wollte einen hochintelligenten neunzehnjährigen jüdischen Jungen aus dem Sales-Haus, Karl Heinz Jordan, besuchen. Die Ärzte bedeuteten ihm, Jordan liege mit einer schweren Krankheit auf der geschlossenen Station. Aber vor dem selbstbewußten Auftreten des Besuchers wichen sie zurück. Allerdings mußte er drei Stunden warten; so lange brauchten die Pfleger, um den Mißhandelten wieder hochzupäppeln. Man präsentierte den Kranken in einem blitzeblanken Waschraum und sauber gewaschen in frischbezogenem Bett. Der Kaplan konnte unter vier Augen mit Jordan sprechen. „Und dann hat er mir auch seinen Körper gezeigt. Der war rot, blau, gelb unterlaufen. Und dann hat er gesagt, ja, ich habe also Spritzen bekommen, manchmal habe ich mich gut danach gefühlt, manchmal aber habe ich tagelang mich erbrechen müssen. Dann haben die Versuche mit mir gemacht.“ Jordan hatte intravenöse Injektionen erhalten; die Brechreize wurden mit chemischen Substanzen hervorgerufen; außerdem wurden Hautstücke (auch von Tieren) an ihm verpflanzt. Gegen Ende des Gesprächs verließen den Kranken die Kräfte. Der Kaplan spendete ihm die letzte Ölung. Jordan starb, noch ehe Wolpers nach Essen heimgekehrt war.

Dieses Erlebnis und neue Informationen vom Widerstandskreis Spülbeck veranlaßten Wolpers, Bischof Graf Galen in Münster aufzusuchen. Er hat anschaulich beschrieben, wie der temperamentvolle Bischof pfeiferauchend in seinem Arbeitszimmer an einem vollbepackten, unaufgeräumten Schreibtisch saß, während sein Ratgeber, der kleine Dompropst Donders, Zigarren rauchte. „Also, was können wir tun?“ habe Galen erregt ausgerufen: „Donders, wir müssen noch mal auf die Kanzel, vielleicht, daß wir auch mal durch unser Land gehen, in die Dörfer und Städte und dort predigen, das war so sein letztes Wort, das er sagte.“

Galen hat keine Rede mehr gehalten. Allerdings haben die deutschen Bischöfe am 26. September 1943 in den Kirchen einen gemeinsamen Hirtenbrief über die zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker verlesen lassen. Darin verurteilten sie die angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübte Tötung „an schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- oder Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung“.

Das Leben Zehntausender nach Ostdeutschland und ins ehemalige Polen verschleppter Kranker haben sie damit nicht retten können. Romanautor Lutzius ließ den Schutzumschlag seines Buches mit dem roten Kardinalsbarett des Grafen Galen schmücken (Galen wurde nach dem Krieg, ebenso wie Frings, zum Kardinal ernannt, ist aber schon 1946 gestorben). Er meint, Galen und der ganze Klerus hätten zu früh den Kampf um die Rettung der Euthanasie-Opfer aufgegeben, „wohl aus Angst oder aus taktischen Erwägungen, daß sie als Priester noch andere Aufgaben zu erfüllen hatten“.

Nun muß man jedoch dem Grafen Galen seine beherzte Rede von 1941 um so mehr zugute halten, als er von Haus aus ein Erzkonservativer war, noch fest in monarchisch-patriarchischen Prinzipien wurzelnd, sicherlich kein Freund der Weimarer Verfassung und ein wackerer Antibolschewik, also den Kreisen zuzuzählen ist, die im Anfang die Wiedererstarkung des Reiches unter Hitler begrüßten. Auch war die Haltung katholischer (wie evangelischer) Theologen zur Behandlung unheilbarer Geisteskranker (oder, wie die Naziärzte und die rassenhygienischen Ideologen sich ausdrückten, der „leeren Menschenhülsen“) eher ambivalent.

Bevor sich die Nationalsozialisten daran machten, ihre Ausmerzungspläne in die Tat umzusetzen, hatte sich das Reichssicherheitshauptamt bei dem katholischen Moraltheologen Professor Joseph Mayer ein Gutachten bestellt. Bislang kennen wir dessen Inhalt nur aus den Aussagen des ehemaligen SD-Kirchenreferenten und Ex-Priesters Albert Hartl vor einem Frankfurter Schwurgericht. Demnach hat Mayer, der selber über die gesetzliche Unfruchtbarmachung von Geisteskranken promoviert hatte, keine klare Stellung bezogen, sondern ausgeführt, es gebe in der Kirche verschiedene Lehrmeinungen über die Tötung von Geisteskranken. Vielleicht taucht das Gutachten noch irgendwo auf, denn die Aufarbeitung dieses Teils der braunen Vergangenheit fängt erst an.

So wie die SS die Vernichtungslager, in denen die Juden ermordet wurden, außerhalb der ehemaligen deutschen Ostgrenzen anlegte, so haben die Nazis zum Schluß des Krieges einen Teil des blutigen Euthanasie-Handwerks in ehedem polnische Gebiete verlegt – eine Tarnung, die so polnische gend funktionierte, daß erst Ernst Klee sie wieder der Vergessenheit entrissen hat. In seinem Buch „Euthanasie im NS-Staat“ berichtet er über die beim westpreußischen Gnesen liegende Tötungsanstalt Tiegenhof (Dzienkanka): „Getötet werden in Tiegenhof polnische und deutsche Kranke, alte Menschen, verbrauchte Zwangsarbeiter und vielleicht auch deutsche Soldaten. Man läßt sie verhungern, verabreicht tödliche Dosierungen von Medikamenten, hilft mit Spritzen nach oder von mengt Gift ins Essen.“ Manche der Ärzte und Pfleger dieser Anstalt arbeiteten nach dem Krieg in der Bundesrepublik wieder in ihren alten Krieg fen, als sei nichts gewesen.

Franz Lutzius hat bei seinen Recherchen auch einen ehemaligen Deportierten aus dem Franz-Sales-Haus entdeckt, der die Mordstätte Tiegenhof überlebt hat. Befreit von sowjetischen Soldaten, verschwand er dennoch ein paar Jahre in Sibirien, vermutlich weil die Befreier den noch kräftigen gelernten Schlosser für einen verkappten Nazi hielten. Zeitweilig hat er unter den Nazis als Grabschaufler und Leichenträger auf dem Anstaltsfriedhof von Tiegenhof arbeiten müssen. Er bezeugt, wie manchmal Angehörigen eines Getöteten ein Scheinbegräbnis vorgetäuscht wurde: man stellte einfach einen Klappsarg, worin die mit einem Papierhemd bekleidetet Leiche lag, auf zwei Bretter über ein leeres Einzelgrab. Nach der Totenfeier wurde der Sarg über dem Massengrab entleert.

Die Spuren von 144 Essener Zöglingen verlieren sich in Tiegenhof – am Ostersonntag 1945 wurden die letzten von ihnen verscharrt. Der Totengräber, der überlebt hat, ist vor ein paar Jahren noch einmal an die Stätte des Grauens gereist, verwundert und freundlich von den Polen begrüßt. Die Holzkreuze sind umgefallen oder verwittert. Und „über dem verwucherten Friedhof der umgebrachten deutschen Behinderten schwebt eine moderne Autobahnbrücke, deren hohe Pfeiler in den Massengräbern fest verankert sind“ (so beschließt Lutzius seinen Roman „Verschleppt“).

Bonn und der Schatten Hitlers

Während Unionspolitiker wie der Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger und der bayerische Ministerpräsident Franz Joseph Strauß fordern, das deutsche Volk müsse endlich aus dem Schatten Hitlers heraustreten, werden immer noch neue Leichen unter dem Teppich hervorgekehrt, unter den sie die Deutschen in der stillschweigenden Solidarität der Schuldigen haben verschwinden lassen. Erst vorige Woche kam in Braunschweig eine grausige Begebenheit ans Licht. Dort haben in einer sogenannten Ausländerkinderpflegestätte, die – so die Frankfurter Rundschau – von der Allgemeinen Ortskrankenkasse getragen wurde, zwischen April 1943 und April 1945 polnische und sowjetische Fremdarbeiterinnen 530 Kinder geboren. Die Säuglinge wurden in aller Regel den Müttern geraubt; binnen zwei bis drei Wochen ließ man die Neugeborenen sterben.

Neue Einzelheiten über die vielfältige Praxis der heimlich weiterlaufenden Euthanasie in den letzten Kriegsjahren darf man sich von einem großangelegten Forschungsprojekt erwarten, womit der Landschaftsverband Westfalen-Lippe 1983 eine Forschungsgruppe beim Provinzialinstitut für westfälische Landes- und Volksforschung in Münster beauftragt hat. Sie untersucht, gemeinsam mit Psychiatern, Medizin- und Sozialhistorikern, die leidvolle Geschichte der sieben westfälischen Heil- und Pflegeanstalten in der Nazizeit. Soviel stehe heute schon fest, schreibt Gruppenleiter Karl Teppe: „Es ist nicht mehr möglich, die aktenkundigen Verbrechen und medizinischen Experimente an Kranken und Häftlingen als dämonisch-destruktiren Einbruch zu isolieren und damit eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu negieren.“

Die Münsteraner Forscher setzen bei der Vorgeschichte der Euthanasie an, denn den Tötungen voraus ging die Selektion durch das schon im Frühjahr 1933 erlassene sogenannte Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. (Wie weit – bis in die Kaiserzeit – die scheinwissenschaftliche Rechtfertigung der „Rassenhygiene“ zurückreichte, hat DIE ZEIT bereits 1985 in einem Dossier – „Labor Auschwitz“ – dokumentiert.) Nachdem die Forscher in Westfalen 2500 Fallakten geprüft haben, ist es für sie eine zweifelsfreie Tatsache: Es handelte sich um ein Unrechtsgesetz. Die Mitwirkung von Richtern und Medizinern an den Erbgesundheitsgerichten, die über die Zwangssterilisierung befinden mußten, war bloße Fiktion. Aber immer noch gilt das Gesetz als rechtens. Als Sozialdemokraten und Grüne neue Wiedergutmachungsleistungen für eine Reihe Zukurzgekommener forderten, erwiderte die Bundesregierung, die geltenden Entschädigungsregelungen reichten für die ohnehin nur noch kleine Gruppe der Zwangssterilisierten aus. Geradezu zynisch klang der Bonner Bürokratenkommentar, Zwangssterilisierte seien ja nicht erwerbsgemindert.

Zur Euthanasie haben die westfälischen Forscher inzwischen Daten aus etwa 5500 Patientenakten erfaßt, außerdem die Verwaltungsakten und Aufnahmebücher der Anstalten geprüft, eine Quellenbasis, von der andere Zeithistoriker nur träumen. Anders als der Bahnbrecher Klee, der seine Dokumente „aus dem Blickwinkel des Staatsanwalts betrachtet“ (wie ein Historiker meint), anders als der Romanautor Lutzius, der die Herzen der Menschen anrühren will, beschränken sich die Forscher auf eine historische Darstellung „sine ira et studio“.

Gesundheitspolitik als Endlösung

Sie möchten ergründen, was denn in den Köpfen hochangesehener Gelehrter vorgegangen sein mag, die aus den Gehirnen ermordeter Kinder im Dienste des Fortschritts neue Erkenntnisse gewinnen wollten, oder in jenen Ärzten und Pflegerinnen, die, wie es einer der in Frankfurt angeklagten Ärzte behauptete, „aus Liebe zu den Menschen handelten“? „Es wird ja oft vergessen“, gibt ein Zeithistoriker zu bedenken, „daß die meisten Ärzte und Forscher, auch die mit der Euthanasie befaßten Nazifunktionäre, noch sehr jung, ehrgeizig und karrieresüchtig waren. Sie wollten und sie durften mit dem ‚unwerten Leben‘ experimentieren. Andere wiederum fühlten sich abhängig von ihren Auftraggebern, oder sie wollten sich als Nationalsozialisten loyal zum Regime verhalten.“

Bei der Spätphase der Euthanasie liegt noch manches im dunkeln. Die Verhältnisse waren von Anstalt zu Anstalt und von Region zu Region verschieden. Ein trauriges Kapitel sind die Kinderfachabteilungen, von denen es zuletzt im Reichsgebiet mehr als dreißig gab. Sie unterstanden dem „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“. Untersuchungsobjekte waren jene Kinder, die weder eine Schule besuchen noch mechanische Arbeiten verrichten konnten. In der Regel wurden sie mit dem Betäubungsmittel Luminal umgebracht. Wie Karl-Heinz Roth in der neuen sozialhistorischen Zeitschrift 1999 schreibt, verstanden Täter und Planer dieses Verfahren „als Pilotprojekt und Vorgriff auf die Einbeziehung der ,Euthanasie‘ in die Gesundheitspolitik nach dem ,Endsieg‘... Das Bild des erwachsenen Geisteskranken oder Behinderten sollte überhaupt aus der Gesellschaft verschwinden.“

Ähnlich wie bei den Nazi-Juristen ist auch Hunderten von Psychiatern und Medizinern, die mit der Euthanasie direkt oder indirekt befaßt waren, nach dem Krieg nichts passiert. Zum Beispiel wurde 1949 vom Hamburger Landgericht ein Verfahren gegen zwanzig Angeschuldigte, von denen einige im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort 56 Kinder getötet hatten, gar nicht erst eröffnet, da man den Tätern das Bewußtsein einer Rechtswidrigkeit nicht nachweisen könne.

Berüchtigt ist der Fall des Würzburger Professors Werner Heyde, der als ehemaliger Leiter der medizinischen Abteilung des T 4-Unternehmens nach dem Krieg untertauchte und als hochgeehrter und vielbeschäftigter psychiatrischer Gutachter in Schleswig-Holstein unter dem Namen Dr. Fritz Sawade wiederauftauchte. Eine Reihe von Honoratioren – Senatspräsidenten, Gerichtsdirektoren, Professoren – wußten von seiner Doppelexistenz. Nur wegen Kollegen-Kabalen flog er 1959 auf – kurz vor Beginn des geplanten großen Frankfurter Euthanasieprozesses nahm sich Heyde 1964 im Gefängnis das Leben.

Die Zeit, in der diese schwärende Wunde deutscher Zeitgeschichte vertuscht, verharmlost oder verleugnet wurde, scheint vorbei. Aufklärung ist dringend nötig, denn der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Selbst in liberalen Gesellschaftssystemen wie in Schweden oder im amerikanischen Bundesstaat Virginia sind Menschen bis in die vierziger, fünfziger Jahre hinein mehr oder weniger ungefragt sterilisiert worden, und eben nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus „sozialhygienischen“ Motiven (Verhütung von Alkoholismus, Prostitution, Landstreicherei). Minderheiten werden weiterhin ausgegrenzt und verfemt oder mit bürokratischen Schikanen verfolgt, wie manche Vorschläge zur Aids-Bekämpfung neuerlich drastisch vor Augen führen. Auch das Kosten-Nutzen-Denken, wodurch ganze Bevölkerungsgruppen zu unkonstruktiven Mitgliedern der Arbeitswelt, zu unnützen Essern abgestempelt werden, ist noch nicht verschwunden.

Es gibt zu denken, was sich Adolf Hitler noch im März 1945 für die Zeit nach dem Endsieg ausgedacht hatte: Alle bei der Röngenreihenuntersuchung festgestellten Lungen- und Herzkranken sollten ausgesondert und sterilisiert, ihre Familien aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Nur Phantasien eines todkranken, dem Untergang geweihten Diktators? •

Franz Lutzius: „Verschleppt. Der Euthanasie-Mord an behinderten Kindern im Nazi-Deutschland“; Tatsachenroman; Populär-Verlag, Essen 1987, 275 Seiten, 29,80 Mark