Die vertrackten Regeln des Familienspiels – Seite 1

Von Edith Zundel

In Mailand fahren die Züge pünktlich. Aber die "Preußen Italiens" nehmen sich auch südländisch freundlich und hilfsbereit einer radebrechenden Ausländerin an. Man ist elegant in der industriellen Hauptstadt Italiens. Die Schöpfer der Alta Moda residieren in alten Adelspalästen mit wunderschönen Innenhöfen im "Goldenen Dreieck" und geben Feste, die denen ihrer Vorgänger nicht nachstehen. Man hat viel Sinn für Darstellung und Selbstdarstellung in der Stadt der Scala, viel Sinn auch für Macht. Mailand war schon Zentrum der Lombardei, als die Gegend noch Gallia Cisalpina hieß und der Stadtheilige Ambrosius mit den traurigen Augen sein Christentum als alleinseligmachende Lehre etablierte; er zwang sogar einen Kaiser zum Kniefall. In Mailand schlug auch die Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre hohe Wogen. Und die Stadt liegt in dem Land, in dem der Psychiater Basaglia mit dem Schlachtruf "Freiheit heilt" die Schließung der großen psychiatrischen Anstalten bewirkte. Schließlich ist Mailand, trotz Nebel, Regen und Smog, eine Stadt von lateinischer Klarheit.

Von all dem ist etwas in der systemischen Familientherapie, wie sie Mara Selvini Palazzoli zusammen mit Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata in Mailand entwickelt hat: Präzision, rationale Klarheit, Freude an der Darstellung, Emanzipation und gewiß das Spiel mit der Macht. Es ist eine Therapie, in der die psychische Störung eines Familienmitglieds als Anpassung an ein gestörtes Umfeld, meist an die Familie, gilt. Die Heilung wird durch eine Veränderung der Verhaltensregeln dieses Systems bewirkt. Elemente systemischen Denkens finden sich in allen Formen der Familientherapie; so konsequent und ausschließlich wie die Mailänder arbeitet in Europa jedoch niemand damit.

Es ist eine umstrittene Therapie. "Die Entstehungsgeschichte psychischer Störungen ist den Systemikern uninteressant, schlimmer noch, psychische Krankheit eines einzelnen gibt es für sie eigentlich überhaupt nicht, sondern nur gestörte Systeme, pathologische Verhaltens- und Kommunikationsmuster. Die Psyche des einzelnen kommt dabei entschieden zu kurz", sagen die Analytiker und die Humanisten, und sie tadeln "man bringt die Klienten damit nicht zur Einsicht und zu eigenständiger Verhaltensänderung, sondern bearbeitet sie hinterrücks mit paradoxen Interventionen. Was kann dabei anderes herauskommen als .Funktionieren?’"

Meine erste Begegnung mit der Praxis der Systemiker hatte ich bei einem Ausbildungsseminar für Fortgeschrittene der "Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie" in Wiesloch bei Heidelberg. Es war schon merkwürdig, mit einer Gruppe von Ausbildungskandidaten hinter einem Einwegspiegel zu sitzen – das Geschehen wird außerdem noch auf Video aufgenommen und von einem Monitor übertragen – und im Nebenraum die Therapie einer Familie zu beobachten. Die Regeln der Kunst, wie man sie bei Rogers oder den Freudianern lernt, beachtete der Therapeut so gut wie gar nicht. Wenn einer weinte, achtete er vor allem auf die Reaktionen der anderen Familienangehörigen. Statt nach Gefühlen fragte er nach Verhalten: "Was macht deine Mutter, wenn dein Vater betrunken nach Hause kommt? Was macht dein Bruder? Was machst du selbst?" Erst langsam begriff ich, welche Gesetze hier gelten: die Neutralität des Therapeuten – er ist unparteiisch und vermeidet nach Kräften, sich in das Familienspiel verwickeln zu lassen; die Zirkularität der Fragen – erst wenn die gleichen Fragen allen Familienmitgliedern gestellt werden, entdeckt man Unterschiede, Muster; und schließlich die Bildung von Hypothesen – ohne diese geht hier gar nichts.

Als der Therapeut herauskam, entstand in der beobachtenden Gruppe, überwiegend jüngere Männer, ein Wettstreit um die klügste und treffendste Hypothese, was denn nun die pathologischen Spielregeln eben dieser Familie seien und wie ihnen zu begegnen sei. Die Familie wartete indessen im Behandlungsraum, Mutter und Tochter eng beieinander, der Vater, zum Platzen geladen, im Raum hin- und hertigernd. – Eine kühle, intellektuelle Methode?

An Intelligenz fehlt es Mara Selvini Palazzoli gewiß nicht, intellektuell aber wirkt sie nicht. In ihrem Nuovo Centro per lo Studio della Famiglia in Mailand empfängt sie mich auf die Minute pünktlich in eleganter, modisch grüner Seidenbluse und schick aufgestecktem graumeliertem Haar. Lebhaft zeigt sie mir das Centro, dann verschwindet die kleine Dame fast in dem tiefen Sessel hinter einem riesigen Barockschreibtisch.

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Mara Selvini Palazzoli stammt aus einer sehr wohlhabenden Mailänder Familie. Sie wurde, wie es damals in der Oberschicht Italiens noch üblich war, nach der Geburt einer Amme übergeben, die – ihre eigenen Kinder waren gestorben – ihre ganzen Gefühle auf die kleine Mara konzentrierte. Es war gegen Ende des Ersten Weltkriegs. "Meine Eltern haben mich dann fast vergessen"; die kleine Mara kannte sie kaum. Als die Dreijährige zurückgeholt wurde, verkroch sie sich in der elterlichen Wohnung unter einem Schreibpult und war mehrere Tage lang nicht zu bewegen, diesen Zufluchtsort zu verlassen. In einem unbeobachteten Moment brannte sie durch und flehte vom Balkon aus die Leute auf der Straße an, sie zu ihrer "Balia Rosa" zurückzubringen. Das taten die Eltern dann auch. Es blieb ihnen nichts anderes übrig.

Als Sechsjährige begriff Mara dann schon, wieviele Vorteile es brachte, die Tochter reicher Eltern zu sein, und wurde eine stolze Mailänder Schülerin. Reuig erzählt sie, wie sie sich als Teenager ihrer bäuerlichen Balia schämte und sie zurückwies, als diese sie von der Schule abholen wollte. "Ich hatte dann erst wieder Kontakt zu ihr gesucht und gefunden, als ich selber Kinder kriegte. Sie war meine wichtigste Bezugsperson."

Zur eigenen Familie behielt sie immer etwas Distanz. Sie und ihre drei älteren Geschwister wurden meist einer wechselnden Reihe von Gouvernanten überlassen. Es gab auch Klavier-, Tanz- und Tennislehrer und eine Menge Dienstboten. Aber "unsere Familie war nicht glücklich": Die Mutter war streng religiös, dem Vater waren seine Rennpferde wichtiger als Frau und Kinder; beide hatten in ihren Geschäften zu tun und waren viel weg. "Ich denke oft an diese Familie, wenn ich therapiere."

Ihre eigentliche Heimat wurde die Klosterschule, in die man sie schickte, ein Institut für Töchter reicher Familien. Die Lehrerinnen dort, alle Nonnen, wurden zu Maras wichtigsten Vertrauten. Umgekehrt war das brillante kleine Mädel für die Nonnen der Star. Die Prüfungen mußten an staatlichen Schulen absolviert werden, und die kleine Mara glänzte dort sozusagen für die ganze Klosterschule. Auch die Klassenkameradinnen mochten sie, denn "ich ließ großzügig abschreiben und half ihnen bei den Schulaufgaben".

Eigentlich wollte sie dann – nicht umsonst in der Stadt der Scala geboren – Ballerina werden. Das scheiterte natürlich am Veto der Eltern. Für die Mutter war Ballerinasein gleichbedeutend mit Prostitution. So beschloß Mara, alte Sprachen zu studieren. Die Mutter erlaubte aber nur den Besuch der katholischen Universität. Dort gab es auf hundert Frauen einen Mann – eine sehr langweilige Angelegenheit für eine Neunzehnjährige. Im Kriegsrat mit dem älteren Bruder entstand darum der Plan, Medizin zu studieren, denn das ging nur an der staatlichen Universität. Mit funkelnden Augen beschreibt sie, wie sie der Mutter in bewegten Worten von ihrer Berufung berichtete, der leidenden Menschheit zu dienen, und wie sie daraufhin mit Gottes und der Mutter Segen die staatliche Universität bezog. Fortan gab es für Mara Palazzoli unter hundert Studenten nur vier Frauen, von den Professoren gar nicht zu reden. "So kam ich zur Medizin; von Berufung keine Spur."

Bei den Medizinern hat sie auch ihren Mann kennengelernt. Er ist drei Jahre älter und war damals Stationsarzt an einer ihrer Praxisstellen. Als Kardiologe wurde er später Klinikchef, mittlerweile ist er pensioniert – ein "gentiluomo" der alten Schule. Mit mir unterhält er sich in gutem Deutsch – er hat es aus Studientagen in München behalten. Die beiden haben drei Kinder; zwei haben Medizin studiert, der jüngste Philosophie. Er engagierte sich sehr in der Studentenbewegung und arbeitet jetzt im Therapeutenteam mit seiner Mutter zusammen.

Mit ihrer eigenen Familie war und ist Mara Selvini Palazzoli sehr glücklich. Anders als ihre Mutter hat sie sich Zeit dafür genommen. Solange die Kinder klein waren, arbeitete sie nur, wenn diese in der Schule waren. Das bedeutete Verzicht auf ihre Tätigkeit in der Klinik, Verzicht auch auf eine reguläre Universitätskarriere.

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In der Klinik hatte sie das Problem der Magersucht kennengelernt. Es sollte sie ein Leben lang nicht mehr loslassen. Nicht, weil sie selbst dazu tendierte; schmunzelnd weist sie auf ihre angenehme Molligkeit: "Ich esse gern und trinke auch gern mal eine gute Flasche Wein." Zunächst brachten sie ihre frustrierenden Erfahrungen mit den Magersüchtigen in der Klinik zur Psychiatrie und zur Psychoanalyse. "Ich weiß nicht, ob mich ein echter Wunsch, diesen Patientinnen zu helfen, dazu getrieben hat oder eher das Bedürfnis, das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden."

Ihre Lehranalytiker waren Benedetti, Cremerius und Medard Boss, der spätere Daseinsanalytiker. Sie ist eine sehr gute Psychoanalytikerin geworden und eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Anorexia nervosa, der Magersucht. Dogmatisch war sie allerdings nie. Schon Anfang der sechziger Jahre entwickelte sie für ihre Magersüchtigen Therapieformen, wie sie moderne Autoren heute für die Störungen der Ichentwicklung und die Grenzfälle zwischen Psychose und Neurose vorschlagen.

Mit unendlicher Geduld warb sie um das Vertrauen ihrer Patientinnen, suchte sie von innen her zu verstehen; in schweren Fällen bis zu fünf Jahre lang. Ihr Buch über die Magersucht enthält bewegende Selbstschilderungen dieser meist hochintelligenten jungen Frauen und eine neue Sicht ihrer Störung: Magersüchtige leben, als ob alle Schwierigkeiten, alles Mißgeschick ihres Daseins einzig und allein ihrem Körper anzulasten seien. Unterdrückt man den Körper, indem man seine Nahrung aufs äußerste reduziert, stärkt man den Geist und gewinnt Sicherheit und Macht, Macht auch über die Familie.

Von den 13 Patientinnen, die in einem frühen Stadium zu ihr kamen, konnte sie neun heilen, von den neun chronischen drei. Das ist eine stolze Bilanz. Sie selbst jedoch fand das Verhältnis zwischen Aufwand und Erfolg unbefriedigend. "Es gab stürmische Sitzungen über lange Zeitspannen hinweg, und es bedurfte heroischer Anstrengungen. Solche Anstrengungen, die in der frühen, enthusiastischen Phase der beruflichen Laufbahn häufig sind, lassen sich auf lange Sicht schwer aufrechterhalten. Und so wies sie eines Tages ihre Haushälterin an, falls sich jemand bei ihr zur Therapie neu anmelden wolle, zu sagen: "Frau Selvini hat ihren Beruf aufgegeben." Sie suchte nach neuen Methoden.

Zunächst hatte Wynne und Singers "Denkstörung und Familienbeziehung bei Schizophrenen" bei ihr "eingeschlagen". Dann entdeckte sie Haley ("Die Familie des Schizophrenen") und Watzlawick ("Menschliche Kommunikation"), und über die beiden entdeckte sie Gregory Bateson, einen universellen Forscher, den nicht nur systemische Familientherapeuten zu den bedeutendsten Denkern unseres Jahrhunderts zählen. Persönlich hat Mara Selvini Palazzoli ihn nie getroffen, aber: "Er wurde zu meinem Mentor", manchmal sagt sie sogar "zu meinem Gott".

Einige Grundannahmen Batesons und der Gruppe von Wissenschaftlern und Therapeuten, die sich in Palo Alto/Kalifornien um ihn versammelt hatten:

  • Die Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext; ist eine Kranke wie zum Beispiel eine Magersüchtige schwer zu verstehen und zu behandeln, betrachte man den größeren Zusammenhang, in diesem Fall die Familie.
  • Die Familie ist ein selbstregulierendes System, das von eigenen Gesetzen regiert wird, die es sich im Lauf der Zeit durch Versuch und Irrtum erarbeitet hat. Die Regeln betreffen verbale und nonverbale Transaktionen (Beziehungsmuster).
  • Familien, die Angehörige mit pathologischem Verhalten haben, regulieren sich durch Transaktionen, die genau auf die Art dieser Störung zugeschnitten sind. Sie halten die Störung damit aufrecht.
  • Lebendige Systeme wie die Familie haben zwei sich widersprechende Tendenzen, einmal die zur Homöostase, zum Gleichgewicht, zum andern die zur Veränderung. Normalerweise hält das Zusammenspiel dieser beiden Tendenzen das Familiensystem im provisorischen Gleichgewicht. Pathologische Systeme jedoch haben sehr starre Regeln und ständig sich wiederholende Verhaltensweisen.
  • Therapie muß diese starren Verhaltensweisen und Regeln ausfindig machen und den Punkt finden, von dem aus sie sich verändern lassen.

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Es ist ein völlig anderes Bezugssystem als das der Psychoanalyse. Das Individuum wird darin behandelt wie die "Black Box" der Fernmeldetechnik, einem Apparat, der so kompliziert ist, daß man sich nur noch mit dem beschäftigt, was er aufnimmt und von sich gibt, mit der Funktion also. Auf die Familientherapie übertragen: Nicht mehr die Psyche des Individuums steht im Mittelpunkt, sondern die Kommunikation verschiedener Individuen im System Familie. Dabei ist jedes Verhalten eines einzelnen gleichzeitig Reaktion auf ein Verhalten und Anstoß eines anderen. Statt einliniger Ursache-Wirkungs-Verhältnisse gibt es nur noch Wechselwirkungen, statt linearem Denken zirkuläres.

"Wie konnte der Mann bloß eine so schreckliche Frau heiraten", denkt man und merkt nicht, wie er sie provoziert, sieht nicht den Kreislauf von Provokation und Gegenprovokation. Es ist kein einfaches Bezugssystem, zumal unsere Sprache eigentlich nicht dafür geschaffen ist. Nach vielen Jahren der Übung meint Mara Selvini Palazzoli: "Man kann eigentlich nur für Momente systemisch denken."

1967 gründete sie das erste familientherapeutische Zentrum in Italien. Nach einigem Hin und Her fand sie auch ein Team, Boscolo, Cecchin und Prata; als Analytiker ausgebildet wie sie selbst und bereit, dieses Bezugssystem hinter sich zu lassen und Neues zu erarbeiten, bereit auch, dieses auf eigene Kosten und in eigener Regie zu tun. Sie verzichteten bewußt auf eine Finanzierung ihrer Forschung von außen. Unabhängigkeit war allen Beteiligten wichtig. Sie verschrieben sich auch keinen der neuen amerikanischen Familientherapeuten als Lehrer (Watzlawick hat sie nur kurz ein paarmal besucht). "Wir wollten aus eigenen Erfahrungen, aus eigenen Fehlern lernen und dazu unser eigenes Gehirn benutzen." So haben sie fast zehn Jahre miteinander gearbeitet und ungemein lebendig und ehrlich darüber berichtet. "Diese Freiheit hat man nur in Italien", sagt Giuliana Prata.

Zunächst untersuchten sie Familien mit einem magersüchtigen Mitglied. Die haben oft die Normen von Bauernfamilien, die in der ersten Generation in der Stadt wohnen und das Gefühl haben, um jeden Preis zusammenhalten zu müssen. Ihre Kommunikation ist schwierig. Man sagt, was man denkt, aber das Gesagte wird mit schöner Regelmäßigkeit vom Gegenüber abgelehnt. Die Eltern pflegen die Führung nicht zu übernehmen. Man handelt stets voller Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer ("ich lasse sie keine Miniröcke tragen, ihr Vater kann das nicht leiden") und vermeidet damit eigene Verantwortung. Oft eskaliert beim Elternpaar ein Wettstreit der Selbstaufopferung. Nur von der Patientin ist diese Rücksichtnahme nicht zu erwarten, die Symptome ihrer Krankheit sind zu gefährlich und überwältigend. Das gibt ihr viel Macht in der Familie und macht sie zum gesuchten Bündnispartner. Diese Bündnisse sind das zentrale und wichtigste Problem und Gegenstand vieler geheimer Regeln, denn die Liaison zwischen zweien gilt als Verrat am dritten und als Bedrohung der Pseudosolidarität der Familie.

Wenn eine solche Familie behandelt werden will, muß man sie sehr genau kennen. Schon bei der Anmeldung sitzt deshalb grundsätzlich einer der Therapeuten am Telephon. Er nimmt nicht nur die Daten der Familie auf und erfragt die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienangehörigen, sondern achtet auch auf die Art, wie das Problem präsentiert wird, von wem und warum. Das Team liest vor der ersten Sitzung mit der Familie dieses Aufnahmeformular durch und bildet eine erste Hypothese über das Regelspiel der Familie. Die eigentliche Sitzung dauert dann etwa zwei Stunden. Das Gespräch wird von einem Therapeutenpaar geführt, das andere Paar beobachtet hinter dem Einwegspiegel. Nach der Stunde diskutieren Therapeuten und Beobachter Regeln und Hypothesen und formulieren den Kommentar oder die Verschreibung, die der wartenden Familie zum Schluß mitgeteilt wird.

Rechnet man für diese Prozedur drei Arbeitsstunden von vier Therapeuten, so ergeben sich pro Sitzung 12 Therapeutenstunden, für 15 Sitzungen also 180. Nach der Forschungsphase wurde dieser Aufwand etwas reduziert, meist arbeiten jetzt nur ein Therapeut und ein Beobachter mit der Familie. Sehr wesentlich ist aber noch immer die Arbeit vor und nach den Sitzungen. Selvini selbst sieht sich noch heute stundenlang Videobänder an und besteht auf peinlich genau ausgefüllten Anmeldungsformularen und Sitzungsprotokollen: "Da bin ich preußisch."

Die praktische Arbeit mit einer Magersuchtsfamilie sieht dann so aus:

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Der Familienclan Casanti besteht aus fünf Söhnen eines Halbpächters in Mittelitalien. Dort hingen Überleben, Sicherheit und Würde des einzelnen von der Familie ab. Wer sich absetzte, war verloren. "Es gibt keine Familie in der ganzen Region, die so zusammenhält wie die Casanti, eine so große Familie, in der sich alle gern haben, ohne je zu streiten!" hieß denn auch der Familienmythos, den die "wahren Casanti", die Männer, gegen etwaige Klagen und Streitereien der Frauen durchzusetzen hatten. Auch die Kinder "waren alle gleich" und mußten gleich behandelt werden. In den sechziger Jahren waren die Brüder in die Stadt gezogen und hatten mit ihrem – natürlich gemeinsam geführten – Transportgeschäft vom Bauboom profitiert. Der Clan wohnte jedoch auch hier in einem großen Haus zusammen, zwar in getrennten Appartements, aber die Tür mußte stets allen Verwandten offenstehen. Der Mythos wurde extrem starr.

Die Tochter des jüngsten Bruders Siro und seiner Frau Pia, Nora, hatte wenig Interesse an der Schule, entwickelte sich aber mit 13 Jahren zu einer Schönheit. Bald reagierte sie jedoch auf alle Bemerkungen darüber nervös, begann, Nahrung zurückzuweisen, und war nach einigen Monaten zum Skelett abgemagert. Krankenhausaufenthalte und Individualtherapie blieben ohne Erfolg. Als sie mit Eltern und Schwester ins Mailänder Zentrum kommt – sie müssen dafür eine ganze Nacht fahren und nach der Sitzung direkt wieder zurück – wiegt sie nur 33 kg (sie ist 175 cm groß) und stöhnt nur noch: "Ihr müßt mir zu mehr Gewicht verhelfen, aber ihr dürft mich nicht zum Essen zwingen." Es wird, wie üblich, ein Maximum von 20 Sitzungen in Abständen von drei bis vier Wochen vereinbart.

In den ersten Stunden versucht das Team, die Beziehung zwischen der Kernfamilie und dem Clan zu erforschen und dem Mythos zu Leibe zu rücken. Das Symptom verschwindet, aber der Erfolg bleibt äußerlich. Nach einem dramatischen Suicidversuch Noras erscheint die Familie etwas offener. Noras Schwester verrät, Nora habe ihr gestanden, daß sie sich seit zwei Jahren von Luciana, ihrer gleichaltrigen, ehrgeizigen aber wenig hübschen Cousine verfolgt fühle. Sie verwischt das aber gleich wieder: "Vielleicht ist das nur so eine Einbildung." Und die Eltern verteidigen die Cousine: "Sie ist wie eine Schwester zu Nora." Nora selbst schweigt.

Das Team verschreibt ein Ritual, das die Treue zum Mythos wahrt und zugleich die Familie in eine paradoxe Situation versetzt: In den 14 Tagen bis zur nächsten Sitzung soll sich die Familie bei verschlossener Wohnungstür jeden Abend an den Eßtisch setzen, einen Wecker in der Mitte, und jeder bekommt, in der Reihenfolge des Alters, eine Viertelstunde Zeit, ohne Unterbrechungen und Kommentare über die anderen Clanmitglieder zu reden. Außerhalb der Sitzungen soll Stillschweigen bewahrt, und die Clanmitglieder sollen mit verdoppelter Höflichkeit und Hilfsbereitschaft behandelt werden.

In der nächsten Sitzung war die Familie kaum wiederzuerkennen. Nora berichtete von den massiven Schuldgefühlen, in die sie ihre Cousine Luciana ständig gestürzt habe, die Mutter Pia hatte entdeckt, wie das Konkurrenzdenken und der Neid von Tante Emma, Lucianas Mutter, allen das Leben unerträglich mache, und Vater Siro fügte hinzu, es handle sich hier mehr um Dummheit als um böse Absicht. Nachdem die Regel zerbrochen war, konnte man endlich über sie reden und sie definieren: "Wer schlecht über Verwandte redet, ist böse." Das öffnete den Weg für umfangreiche und diesmal effektive Veränderungen.

Die eigentliche Herausforderung für das Team waren jedoch die Familien Schizophrener. Ihre "Spiele" sind wesentlich komplizierter, ihre Widerstände gegen Veränderung viel einfallsreicher und effektiver als bei Magersuchtsfamilien. Es dauerte eine ganze Weile, bis das Team in der Lage war, nicht mehr mit Frustration und internen Auseinandersetzungen auf sie zu reagieren, sondern ihnen gegenübertrat wie ein Schachspieler einem versierten Gegner; bis es Zorn, Depression oder Gleichgültigkeit von Familienmitgliedern als Schachzüge erkennen und aus den Reaktionen der anderen ihre Bedeutung erschließen konnte.

Der Hauptwiderstand bei Schizophreniefamilien ist die Weigerung jedes Mitglieds, anzuerkennen, daß andere sein Verhalten beeinflussen und umgekehrt; ihr Spiel ist ein unterschwelliger, erbitterter Wettbewerb um die Definition der Beziehungen, wobei jeder Partner die Definition des anderen abweist. Noch so schmerzhafte Niederlagen führen nicht zur Aufgabe des Spiels, sondern dienen als Stimulans zu Gegenschlägen. Nur eines ist unerträglich: Das Ende des Spiels. Es ist ein Spiel, bei dem es weder Sieger noch Besiegte geben kann. Würde sich einer als Verlierer definieren – wie ein Wolf zum Beispiel, der dem andern seine Kehle darbietet und damit die Verhältnisse ein für allemal klärt –, würden die andern diese Definition der Beziehung sofort verwerfen und entwerten. Das verrückte ist, daß jeder das Spiel aufrechterhält in der uneingestandenen Hoffnung, schließlich doch Sieger zu bleiben.

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Es gibt viele taktische Züge in diesem Spiel: Bitten um Hilfe, denen man mit keiner Handlung genügen kann, Unbeteiligtsein, Depression, Vergessen oder das berühmte "Double Bind". Eine vergleichsweise harmlose Form dieser "Beziehungsfalle": Ein Psychologe fordert eine Gruppe auf, spontan zu sein. Die Gruppe kann versuchen, diese Aufforderung zu befolgen oder auch nicht, auf keinen Fall kann sie dabei spontan sein. Oft verwirren auch Widersprüche zwischen verbalen Aussagen und Verhalten. Wie soll man reagieren, wenn einer sagt: "Ich hasse dich", und gleichzeitig durch Tonfall, Blicke oder Gesten das Gegenteil zu verstehen gibt? Wenn man über eine solche Kommunikation nicht sprechen und auch das Feld nicht verlassen kann – das ist oft die Situation von Kindern ihren Eltern gegenüber – ist das "zum Verrücktwerden". Tatsächlich findet sich diese Art der Fehlkommunikation häufig in Familien Schizophrener.

Das Mailänder Team nahm die Herausforderung an, lernte die Spiele begreifen und den Punkt finden, von dem aus die Regeln zu zerbrechen waren. "Mitleid hilft keinem, man muß etwas Nützlicheres tun!" Etwas Nützlicheres – das hieß, Interventionsstrategien zu finden. Mit diesen Strategien sind die Mailänder berühmt geworden.

Ihr Grundprinzip: Sie kontern das paradoxe Verhalten mit einer paradoxen Verschreibung. Paradebeispiel dafür ist die Symptomverschreibung: Der designierte Patient (so vorsichtig wird im systemischen Bereich der Symptomträger umschrieben) bekommt viel Anerkennung dafür, mit welcher Sensibilität für die Bedürfnisse der Familie und mit welcher Opferbereitschaft er sein Symptom auf sich genommen habe. Es wäre gut,. wenn er noch eine Weile so weitermache. De facto ist das nach einer solchen Verschreibung kaum mehr möglich. Andere Methoden sind Rituale, wie sie etwa bei der Familie Casanti angewandt wurden, oder Briefe wie diese (ein Ehepaar soll sie sich zu Hause gegenseitig vorlesen):

Die Frau: Luigi, ich sehe Dich nicht, ich höre Dich nicht, ich bin nicht da, weil ich bei S. bin. Das tue ich für Dich, denn wenn ich Dir sagen würde, wie sehr ich Dich liebe, würde ich Dich in eine unerträgliche Situation bringen.

Der Mann: Jolanda, ich darf nicht sagen, daß ich feindliche Gefühle gegen S. habe. Falls ich sie hätte und sie aussprechen würde, wäre das, als ob ich Dir sagen würde, ich liebe Dich. Das würde Dich in eine unerträgliche Situation bringen.

Manchmal erklären die Therapeuten sogar ihre Unfähigkeit, eine Familie zu therapieren, und bewegen sie damit nicht etwa zum Widerspruch, sondern zum Zuwiderhandeln. Diese und andere Strategien sind im bekanntesten Buch Selvinis und ihres Teams, "Paradoxon und Gegenparadoxon", zusammengefaßt. Eine Warnung: sie funktionieren nur, wenn sie für die Familien maßgeschneidert sind und ein therapeutischer Zusammenhang gegeben ist. Eines haben die Mailänder jedoch niemals verschrieben: wie die Familien sich verhalten sollten. Waren die krankmachenden Regeln erst einmal erledigt, fanden sie allein neue, kreativer als jeder Therapeut.

Mara Selvini Palazzoli hat die Einzeltherapie nie ganz aufgegeben. Nun eroberte sie sich noch ein neues Gebiet. Eine Professur an der Universita Cattolica, der sie in ihrer Jugend wegen des damaligen Männermangels den Rücken gekehrt hatte, führte zur Supervision einer Gruppe junger Schulpsychologen, die systemisch arbeiten wollten. Die Institution Schule war sehr anders als die private therapeutische Praxis, die sie gewohnt war: man konnte Schüler ausweisen, Lehrer entlassen, ohne daß die Institution dadurch Schaden litt. Wer oder welches System war hier eigentlich Klient? Und was waren die Psychologen: Therapeuten, Schiedsrichter, pädagogische Berater? Systemisch dachte hier .niemand; und ganz sicher hatten die Schulpsychologen nicht die selbstverständliche Autorität des Teams in der Familientherapie.

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Mara Selvini Palazzoli ließ sich von all dem nicht schrecken, verband wieder Forschen mit Tun und lernte aus Fehlern. Fast irreparabel war zum Beispiel das Versäumnis, den Tätigkeitsbereich der Psychologen in der Institution gleich zu Anfang vertraglich festzulegen; einmal eingefahrene Spielregeln ließen sich kaum noch verändern. Wichtig war auch, daß die Psychologen sich kooperationsbereit zeigten und nicht als überlegene Fachleute. Vor allem aber wurde das Ziel klar definiert: Aufgabe des Psychologen ist es, funktionale Kommunikation zu schaffen. Und: Als Klient gilt, wer ein Problem meldet – meist die Vertreter der Institution.

Diesem Ziel diente sicher nicht die Abwertung der Institution, die den radikalen Reformern der sechziger und siebziger Jahre nahe lag. Wie bei der Familie erzeugte sie auch in den Institutionen nur Abwehr. Ähnlich schlechte Erfahrungen machte man mit den paradoxen Symptomverschreibungen, die in der Familie so wirksam waren. Insgesamt war es in der Institution nicht nur viel schwieriger als in der Familie, den Punkt zu finden, von dem aus ein schlecht funktionierendes System aus den Angeln zu heben war; dasselbe galt auch für die Interventionsstrategien. Aber Mara Selvini Palazzoli und ihre Gruppen lernten, nicht nur in Schulen, auch in anderen Institutionen. Sie taten hier eine neue Dimension systemischen Denkens und Tuns auf, die ihrerseits wieder auf die Arbeit mit den Familien zurückwirkte.

Das ursprüngliche Viererteam hat sich nach fast zehn Jahren der Zusammenarbeit getrennt. Boscolo und Cecchin bilden im alten Centro Milanese Di Terapia Della Famiglia zusammen mit sechzehn weiteren Trainern junge Familientherapeuten aus. Es gibt interessante neue Theorieansätze in diesem Institut; was praktisch gemacht wird, könnte man – das liegt in der Natur der Situation – prêt-à-porter nennen, während Mara Selvini Palazzoli sich noch immer mit Haute couture beschäftigt.

"Sie ist sehr wißbegierig", sagt Boscolo von ihr, "sie muß immer etwas Neues machen." Das Lehren hat sie nie sonderlich interessiert. Sie gründete mit Giuliana Prata zusammen ein neues Institut. Ihre Form, dort mit Familien zu arbeiten und dabei zu lernen, begreift sie als differenzierteste klinische Forschung – als Schizophrenieforschung bitter nötig in einem Land, in dem die psychiatrischen Kliniken geschlossen wurden und die Versorgung ihrer ehemaligen Insassen anderswo keineswegs überall gesichert ist.

Das Neue ist zunächst die "unveränderliche Verschreibung": Jede Familie präsentiert eine neue Welt, und es war immer sehr anstrengend gewesen, das jeweilige Familienspiel gut genug zu begreifen, um Wirksames verschreiben zu können. Familie Marsi war besonders schwierig. Klar war hier nur, daß die drei Töchter, darunter auch die 21jährige Maria, magersüchtig seit ihrem 16. Lebensjahr und schwer psychotisch, die Eltern kräftig tyrannisierten. In einer Sitzung ohne die Töchter bekamen die Eltern die geheimzuhaltende Verschreibung, hin und wieder abends auszugehen und nur einen Zettel zurückzulassen: "Wir sind heute abend nicht zu Hause." Über die Reaktionen der anderen Familienmitglieder sollten sie geheime Notizen machen. Die Folgen dieser Verschreibung waren umwerfend. Nach einigen Wochen gab die Patientin ihre Symptome auf, besuchte eine Krankenpflegerinnenschule und wurde sehr sportlich. Mittlerweile ist sie glücklich verheiratet. Das Team war frappiert. Es hatte ein chronisch psychotisches Spiel aufgebrochen, ohne es zuvor verstanden zu haben. Natürlich experimentierte man weiter mit dieser unveränderlichen Verschreibung. Die "Versuchsanordnung" brachte stets wertvolles Material und, wo die Verschreibung befolgt wurde, gab es regelmäßig Erfolge.

Inzwischen gibt es ein neues, junges Team im Nuovo Centro. Es half, die "schmutzigen Spiele" zu entdecken: Lügen, Rache, Manipulation, dubiose Versprechen und Verrat; und das alles in soliden, meist mittelständischen Familien, deren Mitglieder sich allem Anschein nach sehr zugetan waren. Solche schmutzigen Spiele finden sich in der Umgebung psychotischen Verhaltens offenbar immer.

Und bei der Beschäftigung mit den Familienspielen wurde fast unmerklich etwas Altes wiederentdeckt: das Individuum. Die Spiele haben nicht nur Regeln, sondern jeder Spieler hat auch eine Rolle und einigen Spielraum für ihre Interpretation. Das gilt vor allem für die Hauptrolle, die in der Regel dem Patienten zufällt. "Wir waren, wie alle Neubekehrten, zunächst katholischer gewesen als der Papst", sagt Mara Selvini Palazzoli und nennt die neue Verbindung von systemischem und individualpsychologischem Denken den "komplexen Ansatz". Ihre neue, vorläufig (das betont sie lachend) letzte Theorie zur Entstehung von Psychosen sieht so aus: Es begann mit Giusi, einem chronisch magersüchtigen, psychotischen Mädchen von 20 Jahren, das seine Mutter mit so ausgesuchter Grausamkeit quälte, daß Mara Selvini Palazzoli fand: da muß noch jemand dahinter stecken. Giusis Mutter war stolz auf ihre Karriere als Geschäftsfrau; der Vater, beruflich weniger erfolgreich, rächte sich mit beharrlichem Schweigen – eine Pattsituation gegenseitiger Provokation. Das ist gewöhnlich die Ausgangssituation. Das Kind beobachtet sie, liiert sich mit dem vermeintlichen "Verlierer" gegen den vermeintlichen "Gewinner". Es fängt an, sich auffällig zu benehmen, macht zum Beispiel keine Schulaufgaben mehr, um die Mutter zu zwingen, früher nach Hause zu kommen. Der "Verlierer" versteht das in der Regel nicht, verbündet sich mit dem "Gewinner", und beide bestrafen das Kind. Dies, mißverstanden und zurückgewiesen, verstärkt sein abweichendes Verhalten zur Psychose, von der zum Schluß alle Familienmitglieder annehmen, daß sie unheilbar sei. Damit wird sie zementiert.

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Auf meine Bitte zeigt mir Mara Selvini Palazzoli das Videoband einer Familiensitzung vom Vortag. Designierte Patientin ist die dreizehnjährige Federica, ein dunkellockiges Mädchen mit stumpfem Gesichtsausdruck und albernem Gehaben. Sie gilt seit ihrer Kindheit als schizophren. In der ersten Sitzung erforschte Selvini das Familienspiel. Sie definiert es so:

1) Die Familie ist glücklich auf einem Sonntagsausflug. 2) Federica ist beim Picknick provokativ albern. 3) Der Vater schimpft mit Federica. 4) Die Mutter schimpft mit dem Vater, weil er mit der armen Federica schimpft, die ja nichts für ihren Zustand kann.

In der zweiten Stunde geht es um die Familiengeschichte. Der Vater ist körperbehindert und erheblich älter als seine hübsche Frau, für die diese Heirat ein sozialer Aufstieg war. Sie hat, selbst noch ein halbes Kind, schnell hintereinander zwei Mädchen geboren. Anna und Federica, und war mit ihnen und dem Haushalt überfordert. Die Beziehung zu ihren eigenen Eltern war schlecht, ihre Schwiegereltern kritisierten ihre Haushaltsführung, obwohl sie sich viel Mühe gab, ihnen alles recht zu machen. Sie wurde nervös, bekam Schlafstörungen. Der Mann, anstatt zu helfen, machte Vorwürfe, daß das jüngste Kind nicht normal sei. Der eheliche Kampf begann, und Federica wurde langsam wirklich verrückt.

Dann führt Mara Selvini Palazzoli ihre Schlußintervention vor. Dramatisch, sarkastisch, aber ohne alle Umschweife und Kniffe macht sie Federica im Beisein ihrer Eltern klar: "Deine Mutter benimmt sich fast wie eine Heilige, um deinen Großeltern zu gefallen. Sie haßt deinen Vater, aber sie kann’s ihm nur sagen, wenn du die Blöde spielst und er dich schimpft; dann kann sie Dampf ablassen. – Und für deinen Vater tust du auch etwas ganz Wichtiges. Deine Mutter ist eine schöne Frau und dein Vater ein Krüppel, alt und eifersüchtig. Deine Mutter würde so gern mal rauskommen und Freunde haben, aber sie muß zu Hause bleiben, weil sie ein verrücktes Kind hat. – Du bist ja so dumm, daß du dich in die Probleme deiner Eltern mischst. Du bist dumm, nicht, weil dir ein Psychiater gesagt hat, du seist verrückt, sondern weil du beschlossen hast, verrückt zu sein, um so mächtig zu sein. – Deine Schwester wird bald einen Freund haben und dann in einem weißen Schleier mit ihm in der Kirche stehen. Und du? Machst du dann immer noch ein blödes Gesicht und äh, äh?"

Federica wirkt auf einmal ganz wach, ein hübsches kleines Teufelchen neben der engelhaften blonden Schwester. Sie sieht den Vater an. "Sehen Sie die Liaison zwischen den beiden?" sagt Mara Selvini Palazzoli, "so etwas ist immer sehr wichtig" und "ich würde mich wundern, wenn sich bei denen nicht einiges verändert". Zur nächsten Sitzung will sie die Eltern allein bestellen, vermutlich bekommen sie dann die "unveränderliche Verschreibung". Wenn es sich nicht um Mara Selvini Palazzoli handelte, könnte man sagen: sie schnurrt über diesen Fall wie eine sehr zufriedene Katze. "Unglaublich, daß die Familie diese Direktheit nicht übelnimmt. Der Vater hat mich in der ersten Stunde völlig abgelehnt. Jetzt liebt er mich!"

Mir wird schwindelig bei der Vorstellung, daß diese Schizophrenie in zwei Sitzungen fast geheilt sein soll. Mara Selvini Palazzoli sagt: "Bei Magersuchtsfamilien gelingt mir die Heilung jetzt meist in ein bis zwei Stunden, bei Schizophrenie dauert es manchmal etwas länger." Wie lange halten solche Heilerfolge an? Giuliana Prata hat eine ganze Reihe von Familien einige Jahre nach der Behandlung angerufen. Mara Selvini Palazzoli hat jedoch Bedenken wegen der Methode: "Es kommt sehr darauf an, wen man am Telephon erwischt; eigentlich müßte man die ganze Familie noch einmal da haben. Aber das wäre zu aufwendig."

Giuliana Prata hat inzwischen ein eigenes Zentrum: "Es war an der Zeit; aber Mara Selvini und ich kommen nach wie vor gut miteinander aus." Auch von ihr bekomme ich keine Zahlen. In Einzelfällen ist jedoch dokumentiert, daß die Heilerfolge erstaunlich beständig sind, selbst bei manchen zunächst als ungeheilt entlassenen Familien. Giuliana Prata supervisiert unter anderem eine Berliner Therapeutengruppe, die systemisch arbeitet. Sie findet keine prinzipiellen Unterschiede zwischen italienischen und deutschen Familien. Allerdings sind die Verhältnisse wesentlich verwickelter, wo Scheidungen und Neuheiraten möglich sind. (In Italien kann man sich erst seit kurzem scheiden lassen).

Die vertrackten Regeln des Familienspiels – Seite 9

Ballerina wollte sie einmal werden. Eine Ballerina der Familientherapie ist Mara Selvini Palazzoli gewiß geworden: "man muß sie sehen", sagt ihr Publikum, nicht "man muß sie hören". Aber sie schreibt ihre Erfolge nicht ihrem Charisma zu, sondern erzählt von Mitarbeitern, die "ganz aristokratisch ruhig" dasselbe bewirken. "Es reicht auch durchaus nicht, kreativ und erfinderisch zu sein. Das richtige Bezugssystem ist wichtig, dann die Methode und Technik und vor allem Disziplin und Genauigkeit. Es ist ein schwieriger Beruf. Nach zwei Sitzungen ist man erschöpft. Aber man kann tief in die Geheimnisse der Familien, der Menschheit, eindringen. Ich habe meine moralistische Haltung dabei verloren. Menschliche Existenz ist manchmal sehr tragische"

In einem Punkt ist Mara Selvini Palazzoli mit Gregory Bateson nicht einig. Er hält Macht für eine Illusion. Sie hatte immer einen Blick für Machtverhältnisse in Familien, bei ihren Magersüchtigen, in Institutionen; der Kampf um Macht ist für sie etwas höchst Reales. Vielleicht liegt die menschliche Tragik darin, daß beide recht haben.

Die Serie wird Ende Juli/Anfang August unter dem Titel "Leitfiguren der Psychotherapie, Leben und Werk" im Kösel-Verlag, München, als Buch erscheinen (ca. 232 Seiten, ca. DM 29,80).