Düsseldorf

Zufrieden ist keiner der beiden Kontrahenten mit dem Urteil. Hätte das Gericht sich die Mühe gemacht, den "Tatort" zu besichtigen, hätte es festgestellt, daß er keineswegs übertrieben habe; dann hätte er in allen Punkten Recht bekommen, sagt der Autor Günter Wallraff nach der Verkündung. "Wenig zufriedenstellend" findet auch Lutz Dreesbach, Sprecher der Thyssen AG, den Richterspruch: "Das ist sozusagen ein Punktsieg fünf zu zwei für Wallraff."

Im März vergangenen Jahres hatte der Duisburger Konzern beim Landgericht Düsseldorf eine Unterlassungsklage gegen Wallraff eingereicht. Nahezu ein Jahr zog sich die Verhandlung hin. Erst vor vier Wochen hatte Thyssen eine Reihe neuer Zeugen aufgeboten, die untermauern sollten, daß der Autor in seinem Buch "Ganz unten" unwahre Behauptungen über das Stahlunternehmen aufgestellt habe, vor allem hinsichtlich der Sicherheit am Arbeitsplatz.

So beteuerte ein bei Thyssen Beschäftigter vor Gericht, selbstverständlich hätten auch die sogenannten Leiharbeiter – entgegen Wallraffs Beschreibung – von Thyssen Sicherheitsschuhe und -helme sowie Staubmasken erhalten. In einem von Wallraff heimlich aufgenommenen Videofilm ließ sich der Mann jedoch ganz anders vernehmen: Sie sollten sich ihre Helme gefälligst selbst mitbringen, schnauzte er da die Kolonne an.

Nicht ohne Eindruck auf das Gericht blieb auch die Aussage eines von Wallraff benannten Zeugen, eines 18jährigen Türken. Er habe ohne Sicherheitshelm am Boden eines Schachts Eisenbrocken wegräumen müssen, die über ihm abgeschlagen worden und ihm um die Ohren geflogen seien. Damals war er erst 16 Jahre alt und hätte diese Arbeit noch gar nicht verrichten dürfen. "Ich würde da nicht mal mit Helm arbeiten", kommentierte der Richter die Schilderung.

Sieben Behauptungen waren es insgesamt, die weiter zu verbreiten Wallraff untersagt werden sollte. Jedoch nur in zwei Punkten gab die Zwölfte Zivilkammer des Düsseldorfer Landgerichts bei der Urteilsverkündung am vergangenen Montag dem Konzern recht. In fünf Punkten darf Wallraff bei seiner Darstellung bleiben. Nicht mehr behaupten darf er, daß Thyssen seine Stammbelegschaft abbaue und dafür immer mehr billige Leiharbeiter einstelle. Und nicht mehr verbreiten darf er, die Leiharbeiter müßten unter gesundheitsbedrohender Staubbelastung ohne Atemschutzmasken arbeiten.

Hingegen darf Wallraff weiterhin behaupten: Die Leiharbeiter müssen unter einer Staubbelastung arbeiten, der die Stammbelegschaft von Thyssen nicht ausgesetzt werden kann.