Von Iring Fetscher

Selbst in den ausführlichsten und progressivsten Darstellungen der Französischen Revolution findet man kaum mehr als eine Spur von Olympe de Gouges. Die „Marktweiber“ des Faubourg Saint Antoine werden zwar mit kräftigen Farben geschildert und auch Madame Roland, die Girondistin, taucht auf, aber die eindrucksvolle Gestalt der Stückeschreiberin, politischen Rednerin und Verfasserin einer „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ (1791) fehlt einfach. Es sieht beinahe so aus, als wolle die (männliche) Geschichtsschreibung die Hinrichtung noch einmal vornehmen, die das Revolutionstribunal am 3. November 1793 vollziehen läßt.

Im Herbst 1986 erschien nun erstmals eine kleine Auswahl der Schriften und Reden Olympe de Gouges mit einer nützlichen Einleitung, die knapp über Leben und Werk der Vorkämpferin für Frauenrechte in einer patriarchalischen Welt berichtet:

Benoîte Groult (Hrg.): Olympe de Gouges, Œuvres; Mercure de France, Paris 1986; 238 S., 139 Francs.

Benoîte Groult, der wir diese Auswahledition verdanken, geht auch kurz der Frage nach, warum nicht nur Olympe de Gouges, sondern auch Theroigne de Mericourt, Claire Lacombe, die Schwestern Fernig und Anne Quatresols, sowie Madeleine Petitjean, die sich alle leidenschaftlich für die revolutionäre Sache engagiert haben, in den üblichen Geschichten der Französischen Revolution nicht vorkommen. Die meisten wurden einfach vollständig verleugnet.

Olympe de Gouges jedoch, 1748 geboren, 1793 hingerichtet, die man nicht ganz ignorieren konnte, wurde schon zu Lebzeiten Opfer von Verleumdungen. Man scheute sich nicht, ihre Schönheit als einzigen Vorzug hinzustellen und ihre Autorschaft an den Theaterstücken anzuzweifeln. Rétif de la Bretonne nimmt sie sogar in seine „Liste der Pariser Prostituierten“ auf. Vielleicht gibt es – außer dem Neid und der Konkurrenzangst der Männer – auch noch einen zusätzlichen Grund, der Olympe de Gouges inmitten der Fronten isoliert sein ließ. Sie ist nämlich zugleich eine Anwältin der konstitutionellen Monarchie, eine Gegnerin der Todesstrafe (auch im Falle des königlichen Verräters), eine Föderalistin – könnte insofern zur Partei der „Gemäßigten“ gehören, wenn sie nicht zugleich für die Abschaffung der Sklaverei in den überseeischen Gebieten und für die vollständige Gleichberechtigung der Frauen wäre.

Robespierre hat einen Augenblick mit diesem Gedanken geliebäugelt, Condorcet ist für die Gleichberechtigung der Frau in seinem Manifest „über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht“ eingetreten, hat aber in seinem „Projekt über den öffentlichen Unterricht“ wenig später diese Forderung schon wieder fallengelassen. In der Ablehnung der Gleichberechtigung der Frau waren sich aber letztlich Konservative und Radikale weithin einig. Sylvain Maréchal, der als einer der Theoretiker des Babeuvistischen Egalitarismus bekannt ist, geht sogar so weit, den Frauen das Erlernen des Lesens verbieten zu wollen und betont; „Ihr Universum ist der Haushalt, der Ehemann, die Menschheit“.

Vor dem Hintergrund dieser Einstellung der meisten Zeitgenossen kann man die Reaktion abschätzen, die jene „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ auslösen mußte, die Olympe de Gouges 1791 veröffentlicht und der Königin gewidmet hat. Im Vorwort drückt sie die rührende Hoffnung aus, Marie Antoinette werde sich an die Spitze ihres Geschlechtes stellen und damit die Sache der Gleichberechtigung zum Siege führen:

„Diese Revolution wird nur stattfinden, wenn alle Frauen von ihrem beklagenswerten Schicksal und von den Rechten, die s.ie verloren haben, tief durchdrungen sind. Unterstützen Sie, Madame, eine so schöne Sache; verteidigen Sie dieses unglückliche Geschlecht und Sie gewinnen mit einem Schlag die Hälfte des Königreichs und ein Drittel von der anderen.“ Die Erklärung folgt dann Artikel für Artikel der „offiziellen“ Declaration von 1789, nur daß jedesmal anstelle des „homme“ (was ja französisch zugleich Mensch und Mann bedeutet) „femme“ oder auch „femme et homme“ steht. Am Ende der Präambel heißt es selbstbewußt: „Infolgedessen erklärt das an Schönheit und Mut während der Geburtswehen überlegene Geschlecht, im Angesicht des Höchsten Wesens, die folgenden Rechte der Frau und der Bürgerin“.

Gegen die Tyrannei der Männer

Der dritte Artikel lautet jetzt „der Ursprung jeder Souveränität ruht letztlich in der Nation, die nichts anderes als die Vereinigung von Frau und Mann ist“. Die Nation, das ist das Neue, wird als die Vereinigung von Mann und Frau bezeichnet. Dieser Satz fehlt 1789. Im vierten Artikel wird der Satz hinzugefügt „die Ausübung der natürlichen (Freiheits-)Rechte der Frau hat ihre Grenze nur an der kontinuierlichen Tyrannei, die die Männer ihr setzen. Diese Grenze muß durch die Gesetze der Natur und der Vernunft revidiert werden“. In den folgenden Artikeln wird lediglich jedesmal anstelle „Bürger“ „Bürgerin und Bürger“ gesetzt.

Der zehnte Artikel hebt die Ungerechtigkeit hervor, die darin besteht, daß Frauen zwar (auch wegen politischer Verbrechen) aufs Schafott, nicht jedoch auf – die Rednerbühne steigen dürfen. Im sechzehnten Artikel, der 1789 die „Verbürgung der Menschenrechte und die Gewaltenteilung“ als Grundbedingung jeder verfassungsmäßigen Ordnung bezeichnet hatte, heißt es nun „die Verfassung ist nichtig, wenn die Mehrheit der Individuen, die die Nation bilden, an ihrer Redaktion nicht mitgewirkt hat“. Eine Verfassung, an deren Ausarbeitung, und Verabschiedung die Frauen nicht teilnehmen konnten, wird nicht anerkannt.

Etwa 30 Theaterstücke

Interessant ist auch, wie Olympe de Gouges aus dem Artikel elf, der die „Freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen“ stipuliert, das Recht der Frau ableitet, sich frei zur Mutterschaft zu bekennen und den Vater des (un- oder außerehelichen) Kindes zu benennen. Ein Recht, das bekanntlich im bürgerlichen Code Napoleon ausdrücklich negiert wird („die Suche nach der Vaterschaft ist verboten“). Olympe de Gouges wußte, wovon sie sprach. Sie hat selbst in dem Schüsselroman „Madame de Valmont“ ihr Schicksal als außereheliches Kind eines adligen Herren geschildert, der wenige Jahre nach der Geburt des Kindes, auf das er anfänglich stolz war, sich seinen Verpflichtungen entzog, um eine wohlhabende Erbin zu heiraten.

Im Nachwort zur Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin (citoyenne) fordert Olympe de Gouges die Frauen auf, ihre Rechte zu erkennen: „die Herrschaft der Natur wird nicht mehr von Vorurteilen, Fanatismus, Aberglauben und Lügen verhüllt. Die Fackel der Wahrheit hat die Wolken der Dummheit und der Usurpation – vertrieben...“. Angesichts der Unterdrückung durch die Männer, die nur sich selbst und nicht auch die Frauen befreit haben, bleibt lediglich „die Überzeugung von der Ungerechtigkeit des Mannes und die Rückforderung Eures auf die weisen Dekrete der Natur gegründeten Erbes“.

Entsprechend ihrem Herkunftsmilieu und den Vorurteilen der Zeit hat Olympe de Gouges eine höchst unvollkommene Erziehung erhalten. Sie bekennt sich auch offen zu ihrem mangelnden Wissen. Sie muß sich aber – im Umgang mit gebildeten Zeitgenossen – rasch eine umfassende historische, politische und literarische Bildung angeeignet haben, wie ihre zahlreichen Dramen bezeugen (von den etwa 30 Theaterstücken sind offenbar nur wenige erhalten geblieben). 1785 bietet sie der Comédie Française das Stück „Zamore et Mirza“ an, das aber – infolge des Widerstands der Leitung des Hauses – erst während der Revolution (unter dem Titel „die Negersklaverei“) aufgeführt werden kann. Es ist – wie fast alle ihre Stücke – ein politisches Tendenzdrama, das der Emanzipation der Neger dienen soll. Die organisierten Sklavenhalter lassen die Premiere (1790) zu einem Skandal werden und prügeln sich mit den Anhängern der Abschaffung der Sklaverei. Das Stück muß nach wenigen Aufführungen abgesetzt werden.

In ihren „Reflexionen über die schwarzen Menschen“ (les hommes negres) 1788 argumentiert Olympe de Gouges eindrucksvoll: „Wodurch unterscheiden sich denn die Weißen von dieser Gattung? Durch die Farbe ... Warum sollte dann nicht auch die fade Blonde einen Vorzug gegenüber der Brünetten haben, die der Mulattin ähnelt? ... Die Farben der Menschen sind unterschiedlich wie die aller Tiere, die die Natur hervorgebracht hat ... darin besteht die Schönheit der Natur, warum also ihr Werk zerstören?“ Würde man die Sklaverei abschaffen, so könne man damit rechnen, daß sich die Neger zu ebenso treusorgenden Eltern und gewissenhaften Arbeitern entwickeln, wie es die Weißen sind. Sie würden ihr Land (im Gegensatz zu französischen Bauern) nicht verlassen, um „als Lakaien oder Verbrecher in der Stadt zu leben“.

In einem anderen, weniger umstrittenen, Stück bringt die Verfasserin den erzwungenen Klostersintritt eines adligen Mädchens auf die Bühne. In einem Theaterstück „Mirabeau in den Elysée ischen Gefilden“ – läßt sie zahlreiche Gestalten der französischen Geschichte auftreten und über die Französische Revolution diskutieren. Heinrich IV. gelingt es am Ende sogar, Ludwig den XIV. von der Notwendigkeit der Revolution und der Gleichberechtigung aller Franzosen zu überzeugen.

Augenmaß und Weitblick

Olympe de Gouges – so viel wird schon aus den wenigen Texten deutlich, die jetzt endlich einem größeren Publikum zugänglich gemacht worden sind – war weder eine fanatische Exzentrikerin noch gar wie ein Autor des 19. Jahrhunderts meinte – von „paranoia reformatoria“ (einer eigens von Dr. Guillois erfundenen Krankheit) geplagt. Sie war, wie alle ihre Reformvorschläge zeigen, an der Verbesserung des Schicksals der Franzosen (und aller Menschen) interessiert, und sie bewies dabei Augenmaß und Weitblick. So hat sie die Hinrichtung des Königs abgelehnt, weil sie überzeugt war, daß auf diese Weise der Nimbus der Monarchie nicht beseitigt wird, der weit eher unter einem entmachteten und „veralltäglichten“ König verloren gegangen wäre.

Sie lehnte die Todesstrafe ab, an der noch heute manche unaufgeklärte Konservative festhalten, sie trat für Verbesserungen der hygienischen Verhältnisse in den städtischen Hospitälern ein – lange bevor es die Hygiene als eine wissenschaftliche Disziplin gab und sie erkannte die Gefahr des Ultrazentralismus, unter dem Frankreich noch heute leidet. Ihr letztes politisches Plakat, in dem sie das Konzept einer Föderalisierung des Landes entwarf, wurde zum Anlaß für ihren Prozeß und ihre Hinrichtung. Sie starb für ihre Überzeugungen und verdient nicht nur aus diesem Grunde, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Wenn man bedenkt, wie viel Scharfsinn von Historikern für die Verteidigung des Maximilien Robespierre aufgewandt worden ist und wie wenig Federn sich seiner Kritikerin Olympe de Gouges angenommen haben, wird noch einmal die Einäugigkeit der bisherigen Historiographie deutlich. „Robespierre erschien mir immer als ein Ehrgeizling ohne Genie und ohne Seele. Ich sah, wie er stets bereit war, die ganze Nation zu opfern, nur um Diktator zu werden; ich konnte diesen irren Ehrgeiz nicht ertragen und habe ihn ebenso verfolgt wie ich die Tyrannen verfolgt habe ...“ Mit diesen mutigen Worten ihrer Verteidigungsrede vor dem Revolutionstribunal besiegelt Olympe de Gouges ihr Schicksal. Der Artikel sieben der Verfassung, der Meinungsfreiheit garantiert, hätte sie vor der Hinrichtung bewahren müssen. Ihr Plakat (das der Drucker nicht anschlagen ließ) wurde als Aufruf zum Hochverrat hingestellt.