Von Michael Sontheimer

Ein paar hundert Meter südlich des Berliner Hauses, aus dem am 23. Oktober 1923 die erste deutsche Radiosendung erschallte, tönen am 1. März 1987 wieder Premierenklänge, diesmal aus der Potsdamer Straße Nummer 131. Ein Trommelwirbel, dann ein Sprecher: „Achtung, Achtung, hier spricht Radio 100, der erste unabhängige, private Rundfunksender Berlins.“ Eine Frauenstimme: „Musik von Radio 100 wird nicht nur heute zu euch kommen, euch aufwühlen, freuen, berühren, prügeln.“ – Kick out the jams, motherfuckers, dröhnt es los. Die „MC 5“ aus dem Jahre 1969; eine Rockgruppe aus Detroit, die Pink machte, zehn Jahre bevor Punk erfunden wurde.

In der Etage über dem Studio – unter Stuckdecken mit Jugendstilornamenten – knallen die Sektkorken. Die Gäste: Musiker, Künstler, alternative Prominenz, einstige Hausbesetzer, ein paar Punks. Bereits nach acht Minuten treffen die ersten Hörer ein, um zu gratulieren.

Illegale Piratensender hatten seit 1968 immer mal wieder im Äther herumgespukt. Auf der Flucht vor den Peilwagen der Post hielt damals in Berlin Ulrike Meinhof eine Ansprache an die Siemensarbeiter, später rief Radio Tupamaro zum Aufstand auf. Wieder und wieder versuchten seitdem linksradikale, autonome und später grüne Schwarzsender das öffentlich-rechtliche Rundfunkmonopol zu unterminieren. Doch Radio Utopia, Radio Schwarz Kanal, Radio Banane oder wie immer sie hießen, gaben meist nach kurzer Zeit den Kampf gegen Ausgewogenheit und Parteienproporz wieder auf, zu kostspielig und riskant wir das illegale Treiben. Mitarbeiter des besonders zähen Radio Dreyeckland in Freiburg wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Während in den letzten Jahren Springer, Bertelsmann und andere Mediengiganten schon die Claims für die Einführung privaten Fernsehens und Hörfunks aufteilten, dominierte in alternativen Kreisen noch die vollkommene Ablehnung der Verkabelung und der Privaten. Darum überrascht es, im Party-Gedränge Thomas Thimme zu treffen, der noch bis Anfang dieses Jahres als Medienbeauftragter der Bundestagsfraktion der Grünen den Kampf gegen die Privatisierung von Funk und Fernsehen vorantrieb. Heute ist er der Geschäftsführer von Radio 100. „Wir haben bei den Grünen darauf spekuliert“, begründet er diesen radikalen Schwenk, „1985 in Nordrhein-Westfalen in den Landtag einzuziehen und dann den Staatsvertrag zu kippen, eine Reform des öffentlichrechtlichen Systems voranzubringen. Nachdem dieser Plan gescheitert war, sind wir eingestiegen und haben versucht, uns einen Platz zu sichern, bevor der Äther zubetoniert ist.“ Wie „alternativ“ Radio 100 nun wirklich ist, wird man erst hören müssen. Altgediente Piratensender-Pioniere glauben, daß ein vorwiegend durch Werbung finanzierter Sender nie wirklich alternativ sein könne.

Radio 100 trägt ein politisches Spektrum, das von ehemaligen FDP-Abgeordneten über Sozialdemokraten bis zu Autonomen reicht. Auch mit dabei: Musikavantgarde, Schwule, Kabelradio-Macher, Feministinnen, grüne Europa-Abgeordnete, ehemalige Hausbesetzer. „Ein Wunder, daß die alle sich zusammengerauft haben“, staunt Geschäftsführer Thimme. Heftig wurde darüber gestritten, wer eine Sendung absetzen darf.

Vier GmbHs halten die Gesellschafteranteile, darunter sind die tageszeitung und der Alternativfonds „Netzwerk“. Bei ernsteren Konflikten tritt ein Aufsichtsrat in Aktion, in dem Vertreter der GmbHs, der Belegschaft und des Fördervereins vertreten sind. Der Aufsichtsrat ist zu hundert Prozent weiblich, die Belegschaft zur Hälfte. „Frauen“, sagt Judith Piontek, „sind in der Lage, sich im Konfliktfall schneller zu einigen.“ Sie arbeitet zusammen mit rund dreißig Frauen für die Sendung „Dissonanzen“, die wochentags von 19 bis 19 Uhr 45 auf dem Programm steht. „Wir machen keinen Hausfrauenfunk à la Brigitte, sondern aktuelles politisches Radio von Frauen“, verspricht sie. „Ein Schwerpunkt ist die alternative Frauenszene, aber wir wollen auch feministische Widersprüche zu Ende denken und uns keinen Tabus unterwerfen.“

Neben den „Dissonanzen“ gibt es Sendungen wie „Bezirksradio“, „Bürgerradio“, ein Politmagazin, ein Literaturmagazin, „Nachtflug“, „Großstadtfieber“, eine Sendung für Ausländer, Hörspiele ... und jede Menge Musik, aber nicht den Disco-Schleim der Hitparaden oder die ewig gleichen „golden Oldies“, mit denen die Masse der bundesrepublikanischen Privatradios bislang ihre Hörer beglückt. Ansprüche über Ansprüche, deren Realisierung wohl nicht sofort zu erwarten ist.

Das Programm wird von einer noch unüberschaubaren Zahl von unbezahlten Pionieren gemacht, die Frauenredaktion beispielsweise verfügt über ganze anderthalb von vierzehn bezahlten Stellen. Das Geld wird nach geleisteter Arbeit und den Bedürfnissen verteilt. „Es herrscht natürlich die absolute Selbstausbeutung“, räumt Judith ein. „Logisch, das Geld ist unser größtes Problem“, sagt auch Geschäftsführer Thimme. „Die Radio 100 Betriebsgesellschaft mbH hat sogenannte atypische stille Gesellschafter geworben, und wir sind weiterhin auf der Suche nach solchen.“ Mit rund 200 000 Mark dieser steuersparenden Einlagen sowie Spenden wurde das Funkhaus an der Potse eingerichtet, rund 65 000 Mark erfordert der Sendebetrieb im Monat. „Für den Anfang haben wir Geld, dann müssen die Werbeeinnahmen fließen.“

Doch woher? Der Kabelrat teilte Radio 100 die tägliche Sendezeit von 19 bis 23 Uhr zu. Nur, wer hört zu dieser Zeit schon Radio? Die werbeträchtigen Sendezeiten auf der UKW-Welle 100,6 sprach der Kabelrat der „Schamoni Medien GmbH“ zu. Der in die Jahre gekommene Jungfilmer Ulrich Schamoni bekam zwar schon knapp einen Monat vor Radio 100 seine Lizenz, doch wann sein „Heimatprogramm“ erstmalig ausgestrahlt werden kann, ist noch nicht bekannt.

Hinter Schamoni stehen 39 Gesellschafter, viele keine Unbekannten in der Stadt. Nachtclubbesitzer Rolf Eden etwa, ein CDU-Mann aus dem Vorstand der Schering AG, sowie eine ganze Phalanx von Bauunternehmern, die ihre bei der Stadtsanierung kassierten Subventionen bei Schamoni anlegten.

Im Kuratorium des Schamoni-Senders sitzt auch der Hausanwalt des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen sowie anderer Spitzenpolitiker, Peter Raue. Rechtsanwalt Raue wird demnächst wohl vor dem Verwaltungsgericht erscheinen müssen, denn Radio 100 hat gegen die ungerechte Aufteilung des von der CDU beherrschten Kabelrats Klage eingelegt. „Die Wirtschaftskraft darf nach dem Kabelpilotgesetz nicht entscheidend sein“, erläutert Radio-100-Anwalt Johannes Eisenberg, „es muß vielmehr die Meinungsfreiheit und -vielfalt gewährleistet sein.“ Und dies sei bei Schamoni nicht der Fall. „Wer soll denn da die Interessen der Arbeitnehmer und der Mieter beispielsweise repräsentieren?“, fragt Eisenberg.

Sambi, ein junger Ex-Hausbesetzer, steht mit blasser Miene und in die Höhe gerauften Haaren mitten im Gewühl, nicht mehr ganz von dieser Welt. In zehn Tagen und Nächten hat er zusammen mit vier anderen das Studio hingestellt. „Es funktioniert alles“, sagt er, etwas verwundert. Nachdem die ersten vier Stunden Sendung ohne Pannen gelaufen sind, wird ihm und den anderen Radio-100-Akteuren erst richtig klar: „Das werden wir jetzt jeden Tag machen, jeden Tag vier Stunden Sendung, morgen geht’s weiter.“ Die Lizenz währt sieben Jahre – das Geld?