Umberto Eco: Streichholzbriefe

Anno 1908 lebten in Trento zwei wenig bekannte Journalisten. Der eine, Alcide De Gasperi, gab die Zeitung Il Trentino heraus, der andere, Cesare Battisti, die Zeitung Il Popolo. Die erstere war natürlich katholisch, die letztere antiklerikal.

Im selben Jahr wird ein dritter, noch unbekannterer Journalist nach Trento berufen, um die Leitung der örtlichen Camera del Lavoro sowie des sozialistischen Blattes L’avvenire del lavoratore zu übernehmen, ein gewisser Benito Mussolini. Er hat sich den Ruf eines Pfaffenfressers erworben; eines Abends in Lausanne, während einer Debatte, hatte er seine Uhr auf den Tisch gelegt und gesagt: „Wenn Gott existiert, soll er mich in den nächsten fünf Minuten mit einem Blitzschlag niederstrecken.“ Weniger reizbar als der Colonnello Valerio, hatte Gott fürs erste darauf verzichtet.

Nach kurzer Zeit ist Mussolini, der sich inzwischen durch seine revolutionäre Intransigenz einen Namen gemacht hat, zuerst Mitarbeiter und dann Chefredakteur des Popolo von Battisti geworden. Doch einige Monate später wird er verhaftet und aus Trento ausgewiesen. Sein Abgang stürzt die Zeitung in eine Krise, Battisti muß die Zahl der Abonnenten vergrößern und erinnert sich, daß Mussolini einmal von der Idee gesprochen hatte, einen historischen Roman über Carlo Emanuele Madruzzo zu schreiben, einen Trentiner Fürstbischof im 17. Jahrhundert, der eine singuläre Prälatengestalt war und eine leidenschaftliche Liebesgeschichte mit einer gewissen Claudia Particella hatte. Mussolini, der dringend Geld braucht, macht sich sofort an die Arbeit.

Am 20. Januar 1910 beginnt Il Popolo mit dem Abdruck des Romans „Claudia Particella oder die Geliebte des Kardinals“. Das Blatt kündigt an: „Benito Mussolini schildert uns eine der spektakulärsten Episoden des Fürstbistums Trento, er versetzt uns mitten, in die grassierende Korruption am fürstlichen Hofe und dokumentiert eine Serie von Intrigen, Verrat und Leidenschaften, in deren Mittelpunkt die füchsische Gestalt des Kardinals Madruzzo steht.“

Bisher war das Opus nur greifbar als Band 32 der Gesammelten Werke des Duce, herausgegeben von Duilio Susmel. Nun erscheint es jedoch als Einzelband bei Reverdito, mit einer gehaltvollen Einleitung von Sinti Corvaja, der die historischen Voraussetzungen des Romans und die Umstände seiner Publikation darlegt.

Ich werde hier nicht die Handlung nacherzählen, in der auch ein prachtliebender und mehr als füchsischer Prälat vorkommt, der – sieh da, welch ein Zufall – Don Benizio heißt. Der Roman war kein Meilenstein, weder in der Geschichte der italienischen Literatur noch in der des Unterhaltungsromans, aber er wirft ein Schlaglicht auf den fernen Ursprung von Mussolinis Stil. Ich begnüge mich daher mit einigen Kostproben.