„Jumpin’ Jack Flash“ von Penny Marshall

Ach, wie schade. Nach „Die Farbe Lila“, bei dem man sich noch richtig ausflennen durfte, ist Whoopi Goldbergs zweiter Film wirklich zum Heulen. Whoopi Goldberg spielt eine Computer-Operatrice, deren öder Arbeitsalltag durch einen britischen Agenten aufgehellt wird, welcher hinter dem Eisernen Vorhang um sein Leben ringt und sich deshalb bei ihr ins Terminal geklinkt hat. Whoopi Goldberg spielt ein betont selbständiges Mädchen. Sie rutscht Treppengeländer herunter und hat dreadlocks auf dem Kopf. Aber wenn sie den Mund aufmacht, hat sie nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie schreit wie am Spieß und zeigt ihre Amalgam-Füllungen bis hinten zu den Mandeln, oder sie macht Witze, deren Dürftigkeit dem Marasmus der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst ähneln. Frankreich?-: Vive l’amour, oh là là. Japan?-: Roher Fisch, igitt. Rußland?-: Wodka, hahaha. Als ihr ein Wahrheits-Serum injiziert wird, läuft sie vollends zu Hochform auf und macht Passanten an, die von der Norm abweichen. Ein Punker-Pärchen?-: „Ihr seid wohl ein tropischer Fisch und seine Frau.“ Eine alte Dame mit Wollmützchen?-: „Eierwärmer.“ Wir kennen diese Leute, deren kommunikatives Spektrum von Ersatzjesus aus Oberammergau (liberal) über Geht doch nach drüben (konservativ) und So was hätte es früher nicht gegeben (wert-konservativ) bis Arbeitslager! (neo-wertkonservativ) reicht und noch ein bißchen weiter. Aber diese Leute waren nie schwarz im Gesicht.

Warum muß eine so begabte Live-Entertainerin Texte sprechen, die ihr vier verschiedene Drehbuch-Autoren in den Mund gelegt haben? Weil sie noch neu ist; da darf sie keine Wellen machen. Aber „Jumpin’ Jack Flash“ ist gottlob ein so lausiger Film, daß er großen Erfolg haben wird. Und danach ist sie dann nicht mehr neu und darf eigene Texte sprechen und Wellen machen und viele schöne Filme. Denn bisher ist sie nicht das weibliche Gegenstück zu Eddie Murphy, sondern das amerikanische Pendant zu Didi Hallervorden.

Harry Rowohlt

„Gnadenlos“ von Richard Pearce

Es sind vor allem Kim Basingers aufrechte Brustwarzen (immer wieder unter nassen Hemden und Blusen zu sehen), um die, nach Verlassen des Vorführraums, der Gedanke kreist. Er kreist auch darum, ob Richard Gere in „Gnadenlos“ besser aussieht als in, sagen wir, „American Gigolo“, und ob der Film tatsächlich in New Orleans gedreht wurde, wo er spielt, oder in einem Studio. Fragen, die das Äußere von Richard Pearces Arbeit ergründen wollen, aber nicht ihre Substanz, ihren Inhalt. Das hat seine Richtigkeit, und der Regisseur wäre einem deshalb gewiß nicht böse. Schließlich hat er, gut ausgeleuchtet und mit einem erotischen PR-Blick für Gegenden, Körper, Gesichter, eine Geschichte verfilmt, die bestimmt nicht Sinn stiften will, sondern Unterhaltung. Bedienen Sie sich also: Der Chicagoer Polizist Jilette (Gere) fährt nach Louisiana, um den Mörder eines Kollegen aufzuspüren. Sein Gegenspieler Losado (Jeroen Krabbe) ist ein archaisch-gemeiner Gangsterboß im weiten schwarzen Gaultier-Trenchcoat und mit Lagerfeld-Zöpfchen. Den blutigen Showdown entscheidet Jilette für sich und die Cajun-Blondine Michel (Basinger). Von der eigenen Mutter an den übermächtigen Kriminellen verkauft, hatte sie keine andere Wahl, als Analphabetin zu bleiben und eine urwüchsige Schönheit zu werden. Aber jetzt, endlich, gehört sie nicht mehr Losado, sondern Jilette – und der bekommt sie umsonst. Das alles sieht wirklich prächtig und modern aus und ist spannend-unterhaltsam. Nur fragt man sich – Basingers Brüste und Geres Nase mal ausgenommen –, weshalb das alles eben so passieren mußte, wie es passierte, warum diese Story als filmische Allerwelts-Story so absolut austauschbar ist und, vor allem, wieso man heutzutage im Kino entweder zu Tode amüsiert (und optisch geblendet) oder aber zu Tode intellektualisiert wird. Maxim Biller

„Die Chinesen kommen“ von Manfred Stelzer