Von Dorothea Hilgenberg

Nirgends steht geschrieben, wie eine Stadt ihre Feste zu feiern hat. Für ein Jubiläum, auch wenn es sich nur um den 750. und dürftig verbürgten Geburtstag handelt, könnte man sich einen Umzug, ein Feuerwerk, einen feierlichen Staatsakt, viel Reden und viel Musik vorstellen. Bei einer geteilten Stadt, in der beide Seiten ihr Eigenleben führen, würde man sich das Ganze gleich zweimal denken.

Daß der Trubel in Berlin nicht auf eine plumpe Doppelung der Feierlichkeiten hinausläuft, ist einem Mann zu verdanken, dessen Name mit Feinsinn und Fingerspitzengefühl, keineswegs aber mit grell erleuchteten Spektakeln assoziiert wird. Ulrich Eckhardt, Intendant und Geschäftsführer der (West-)Berliner Festspiele GmbH, zieht es vor, mit seinen Entwürfen gegen den Strom zu schwimmen, ihnen ein Thema zu unterlegen und es dann bis zum Schluß eines Festivals durchzuziehen.

Ein Umzug hätte da nicht hineingepaßt, „dafür gibt es in Berlin auch überhaupt keine Tradition“. Aber der, bekennt der Beauftragte für die 750-Jahr-Feier, „ist mir zum Glück auch erspart geblieben“. An die Stelle wird nun ein im Vergleich lautloser Wasserkorso gesetzt. Alles, was die durch Paraden, Märsche und Festzüge beherrschte 700-Jahr-Feier der Nazis konterkariert, kann dem 53jährigen nur recht sein. Die damalige Schau, zu einer Zeit, als der Exodus schon begann, „diesen Makel konnte die Stadt nicht auf sich sitzen lassen. Die 750-Jahr-Feier ist auch eine Reaktion auf die 700-Jahr-Feier.“

Als „Rummelplatz-Organisator“ hätte er diese Aufgabe nicht übernommen. Wie die Ausstellungen über die zwanziger Jahre, die Gründerzeit und (1981) die Preußen bewiesen, kommt es ihm darauf an, die Phänomene in ihren politischen, sozialen und kulturellen Verflechtungen zu zeigen, ihnen das Pathos zu nehmen, sie zu entmystifizieren und einer neuen Betrachtung zu öffnen. Kernige Präsentationen führen am Wesen und an der Geschichte der Stadt vorbei. So mag der Senat einer weisen Eingebung gefolgt sein, als er den kulturellen Sachwalter aus sozial-liberaler Zeit mit dem heiklen Unterfangen betraute.

Dem Volljuristen und ehemaligen Kapellmeister, den vor 14 Jahren der sozialdemokratische Kultursenator Werner Stein in die Stadt geholt hat, wird von allen Seiten Gespür für neue Strömungen und Talente nachgesagt. Und – was Berliner im Moment besonders schätzen – über all die Jahre hat er sich und sein kleines Team aus allen Skandalen und Affären herausgehalten.

Keineswegs ging es ihm um die 750 Jahre, von denen „500 höchst durchschnittlich waren“. Er findet es viel faszinierender, über den mit Erwartungen betrachteten Fixpunkt eine neue Ära des Bewußtseins einzuläuten. Ihn zum Anlaß zu nehmen für einen neuen Abschnitt, der da heißt: Ende der Nachkriegszeit, Ende der Tabus und der Verdrängungen; Verschüttetes soll nach oben gekehrt und Schluß gemacht werden mit der Vergeßlichkeit der letzten 40 Jahre. „Das macht die Bedeutung eines solchen Jahres aus.“