Seit einer Woche läuft das Nato-Manöver „Winter-Exercise“ („Wintex“). Von Norwegen bis zur Türkei (nur Griechenland Abt Enthaltung) sind die Nato-Stäbe für 14 Tage in ihre verbunkerten Befehlszentralen eingerückt.

Alle zwei Jahre probt das westliche Bündnis in einer „Stabsrahmenübung“ den Krisen- und Verteidigungsfall. Dabei knallen weder Platzpatronen noch verläßt auch nur ein einziger Panzer die Kasernen. „Wintex“ ist ein „Schreibtischmanöver“. Die Regierungen, militärischen Stäbe und zivilen Dienststellen üben die Kooperation für den Ernstfall. Schwachstellen in der Befehlsstruktur sollen aufgedeckt, Entscheidungsabläufe gestrafft werden.

„Wintex“ läuft nach einem ausgeklügelten Drehbuch ab. Darin sind Szenarien beschrieben, wie sie kurz vor oder während eines Krieges denkbar sind: Grenzprovokationen, Sabotage, Demonstrationen, aber auch Hamsterkäufe und Massenflucht der Bevölkerung.

Die Bundesregierung zieht sich während der Übungen in ihren atombombensicheren Bunker in der Eifel zurück. Das Kabinett wird dabei von höheren Beamten vertreten; in diesem Jahr heißt der Übungs-Bundeskanzler Waldemar Schreckenberger. Rund um die Uhr arbeitet das fiktive Kabinett an den Lagekarten, entwirft Rundfunkansprachen, depeschiert Anweisungen.

Für die zivilen Stellen in den Ländern und Kommunen ist dieses Manöver die einzige Möglichkeit, ihre Einsatzbereitschaft für Krisensituationen zu erproben. Geübt wird die Einrichtung von Notkrankenhäusern, die Beschlagnahme von Lastwagen oder die Ausgabe von Lebensmittelkarten. Großcomputer im Brüsseler Nato-Hauptquartier simulieren die militärische Lage wie bei einem normalen Manöver.

Ablauf und Ergebnisse der Übung sind streng geheim. Als der Spiegel 1962 unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ die Auswertung eines ähnlichen Nato-Manövers veröffentlichte, führte das damals zur „Spiegel-Affäre“, an deren Ende der Rücktritt von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stand. Burkhard Kieker