Das neue Hellas und die alten Geschichten der „Andarten“

Von Ruth Dießel und Claus Leggewie

Rethimnon ist eine kleine Urlaubs- und Universitätsstadt an der nordkretischen Küste. Unweit von dem staubigen Platz, auf dem die Rucksacktouristen auf ihre Busse warten, steht ein schäbiger Hochschulbau. Im zweiten Stock unterrichtet Yannis Motsios, ein weißhaariger Dozent für neugriechische Sprache und Literatur. Was seine Studenten wohl kaum wissen: Motsios ist ein Andarte – ein kommunistischer Partisan, der Griechenland 1949 mit seinen geschlagenen Kampfgenossen verlassen mußte und erst vor gut zehn Jahren aus dem sowjetischen Exil heimgekehrt ist.

Emigration in jungen Jahren und Rückkehr im Alter – das ist in Griechenland seit Jahrhunderten nichts besonderes. Neun Millionen Griechen sollen im Ausland leben, genauso viele Hellenen wie daheim. Doch die prosfígi, die politischen Flüchtlinge, bilden eine besondere Gruppe im Auswanderungsland Hellas.

Yannis Motsios ist einer von fast 100 000 Partisanen, die damals flüchten mußten, und einer von 35 000, die – erst zögernd und tröpfchenweise, dann massenhaft – seit Ende der 70er Jahre in ein verändertes Griechenland zurückgekehrt sind.

„Im August 1949 mußte ich mit meinem Bataillon vom Grammos-Massiv, hoch im Nordosten des Landes, über die albanische Grenze fliehen. Albanien war eine junge sozialistische Volksrepublik. Wir lagen in Kasernen, die die Italiener im Zweiten Weltkrieg gebaut hatten, Boureli hieß der Ort. Da lebten wir noch im Armee-Rhythmus: Appell, Essen, Zapfenstreich. Unsere Kommandeure behaupteten, wir seien nur vorübergehend hier, wir würden bald wieder nach Griechenland zurückgehen und weiterkämpfen. Aber wir wußten natürlich, daß wir verloren hatten.“

Drei Jahre lang, von 1946 bis 1949, hatte ein blutiger Bürgerkrieg vor allem in den unwegsamen Gebirgszügen Nordgriechenlands gewütet. Die Kommunistische Partei, vor dem Krieg eine bedeutungslose Sekte, hatte sich im nationalen Widerstand gegen Hitler und Mussolini großes Prestige erworben. Nach dem Waffenstillstand verlangten viele Griechen soziale Reformen und setzten auf die damals eine halbe Million Mitglieder zählende Partei. Doch die wurde in den Bürgerkrieg hineingezogen; Todesschwadronen verfolgten die „Roten“.