Von Robert Frank

Sehr geehrter Herr Baurat! ... Von der Besichtigung kehrte ich tiefbewegten und dankerfüllten Herzens zurück in dem Bewußtsein, daß das Rudolf-Virchow-Krankenhaus das herrlichste Denkmal, auch ganz im Sinne des Verstorbenen bleiben werde, welches ihm jemals gesetzt werden kann.“ Diesen Dankesbrief schrieb die Witwe Rudolf Virchows nach der Einweihung der Anlage im September 1906 an den Architekten, den Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852-1932). Das Denkmal dieses verdienstvollen Arztes wurde in den letzten Jahren furchtbar zugerichtet. Erst in letzter Zeit drang der beklagenswerte Zustand dieser einmal berühmten Krankenstadt im Berliner Wedding ins öffentliche Bewußtsein. Besonderer Anlaß dazu war die vorgesehene Verlegung des zweiten Berliner Klinikums vom Charlottenburger Westend in den Wedding, also der Ausbau des Rudolf-Virchow-Krankenhauses zum Rudolf-Virchow-Klinikum als „Kernpunkt des neuen Krankenhausplans“. So hatte es der Senat im März 1986 beschlossen.

Neben der andauernden Debatte über die Verminderung der Zahl städtischer Krankenhausbetten (zwischen den Parteien), heben dem Streit um Stellenbesetzungen und Tarifverträge bei der Verlegung (mit dem DGB), neben der Forderung (der Architektenkammer) nach einem offenen Wettbewerb für das Bauvorhaben von veranschlagten 826 Millionen Mark, geht es hier nicht zuletzt um den Denkmalschutz.

Ludwig Hoffmann war Stadtbaurat Berlins von 1896 bis 1924. „Die Schönheit seiner Schulen, Bäder, Krankenhäuser war Teil der sozialen Reform“, schrieb Julius Posener. Der Beirat für Baudenkmale beim Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz befand: „Das Virchow-Krankenhaus ist in West-Berlin die bedeutendste der von Ludwig Hoffmann geplanten und ausgeführten Gebäudegruppen und galt als ein Markstein des Fortschritts im Krankenhausbau.“

Seit 1897 plante und baute Ludwig Hoffmann diese „größte und modernste Anstalt ihrer Zeit“ auf 26 Hektar eines aufgelassenen Artillerie-Übungsplatzes. Schon ehe mit dem Bauen begonnen wurde, ließ er die große, vierreihige Allee anlegen, die 425 Meter lange Längsachse, „gewissermaßen das Rückgrat der ganzen Anlage“. Die Linden wurden größtenteils aus dem Tiergarten hierher umgepflanzt, wo sie in der neuen Siegesallee – der „Puppenallee“ – den Blick auf die von Wilhelm II. gewünschten Denkmäler verstellt hatten. Bei der Einweihung des Krankenhauses bemerkte der Kaiser: „Das ist ja eine herrliche Schloßanlage, und dabei ganz einfach und schmucklos.“ Die „herrliche Schloßanlage“ mit Ehrenhof, turmgekröntem Mittelrisalit und überwölbter Durchfahrt bildete den prächtigen Eingang zur „Gartenstadt für Kranke“. Eher „einfach und schmucklos“ waren dann die 21 Krankenpavillons zur Rechten und zur Linken der Allee, aber – so schrieb der Architekt – „die Kranken sollten, soweit dies möglich ist, angenehme Eindrücke haben ... Die Eingangstür zeigt schon einen kleinen liebenswürdigen bildhauerischen Schmuck gleichsam als Willkommensgruß“.

In der großen Längsachse war – überdeutlich – ein Lebensweg abzuschreiten: Im Osten, hinter Eingang und Ehrenhof, das Entbindungshaus; entlang der sich breit hinziehenden Allee waren die Stationen aufgereiht, aus der brunnengeschmückten Mitte ging der Blick in die Querachse, nach Norden auf das Badehaus und den Wasserturm, nach Süden auf Apotheken- und Operationshaus; am Ende der Allee dann, im Westen, die Pathologie, überragt von der Kapelle. Von dort führte die weidengesäumte Trauerhalle zum Friedhof. Der Geheime Baurat Hoffmann hatte 53 Gebäude für zweitausend Kranke und fünfhundert Angestellte ganz und gar hierarchisch, ja wilhelmisch aufgebaut, doch in sich völlig harmonisch gegliedert und mit vollendet aufeinander abgestimmten Funktionen. Die Zerstörung begann bereits vor Jahrzehnten: Jede Epoche hat hier rücksichtslose Markierungen in das einst so sorgsam abgewogene Bau-Ensemble gesetzt: vor allem – nach Kriegszerstörungen und Wiederaufbau – der rigide und platte Funktionalismus der sechziger und der ungefüge Beton-Brutalismus der frühen siebziger Jahre. Seit 1974 aber wird nun durchgreifend saniert. „Aus Gründen eines rationalen Betriebsablaufes lassen sich die veralteten Pavillonbauten nicht mehr in eine Gesamtkonzeption einbauen. Sie sind durch neue Bettenhäuser zu ersetzen“, so lautete damals die entscheidende Vorgabe für einen Architekten-Wettbewerb.

Geht der Besucher heute durch die „herrliche Schloßanlage“, so findet er dann zu beiden Seiten der großen Allee eine völlig aus dem Gleichgewicht geratene Anlage: rechts die Reihe der bis jetzt übriggebliebenen ursprünglichen Pavillons, links mehrgeschossige Neubauten, von denen die Planer behaupten, sie seien dem historischen Erscheinungsbild angepaßt. Und der Landeskonservator, der noch 1974 gefordert hatte, „die Pavillons der ursprünglichen Anlage so weit wie möglich in die Neuplanung“ zu übernehmen, hat selbst jahrelang mitentworfen und mitgeplant. Angesichts der gänzlich verloren gegangenen Balance mag der flüchtige Besucher erst einmal resignieren: Hier ist alles hin!