Peter Schneiders Novelle „Vati“ ist ins Gerede gekommen – bevor sie erscheinen konnte:

Wehe, wenn man den Schriftstellern auf die Finger schaut! Der Spiegel hat Schauerliches enthüllt: Peter Schneider, einst bekannt geworden durch die Erzählung „Lenz“, soll für seine neue Novelle „Vati“ eine Illustrierten-Serie geradezu geplündert haben.

Da hat man doch seine diebische Freude! Stück für Stück werden uns die Zitate aufgeblättert, die Schneider – so faul sind die Schriftsteller! – einfach übernommen hat; besonderen Tadel erhält er aber dafür, daß er nicht genau abgeschrieben oder gar eigene Zusätze gewagt hat: „Josef Mengele bringt das im O-Ton viel präziser“, heißt es dann in dem Artikel, in dem Schneider nichts weniger als ein „Unterton von Mystifizierung“ des Nazi-Verbrechers vorgeworfen wird.

Mengele? Im Sommer 1985 veröffentlichte die Bunte einen mehrteiligen, gut dokumentierten Bericht über das Leben und den (angeblichen) Tod des fürchterlichsten Lagerarztes von Auschwitz. Der Clou der Artikelserie bestand darin, daß sie auf Gesprächen mit Mengeles Sohn Rolf beruhten, der seinen Vater acht Jahre zuvor in seinem südamerikanischen Versteck besucht hatte – einen Mann, für dessen Ergreifung damals die wohl höchste Belohnung aller Zeiten ausgesetzt war.

Aus diesem Bericht hat Peter Schneider in der Tat einiges zitiert, genauer: er hat ihn und die darin gegebenen Informationen zur Grundlage einer Ich-Erzählung gemacht, in der jener Besuch in Südamerika aus der Sicht des Sohnes geschildert wird. Der Name Mengele fällt in der ganzen Novelle kein einziges Mal. Einen Hinweis auf die Zitate und ihre Quelle gibt es nicht. Er selbst sagt dazu: „Ich habe nicht die gestalterischen Einfälle oder Formulierungen eines Journalisten geklaut, sondern Aussagen und Dokumente verwandt, die Rolf Mengele öffentlich zugänglich gemacht hat.“

Vergleicht man Schneiders Text mit der Illustrierten-Serie, dann zeigt sich eine ganze Reihe von Parallelen (die Familiengeschichte der Mengeles ist getreulich übernommen), Formulierungen aus Briefen des Vaters und wörtlichen Äußerungen des Sohnes tauchen auf – doch das alles macht nur einen Teil der Novelle aus, die völlig fiktive Passagen enthält und, wie Schneider sagt, ein „Produkt meiner Vorstellung und Teilnahme ist“. Keineswegs ist Schneider seitenlang zitierend einer Vorlage gefolgt.

Ob die Juristen trotzdem eine Verletzung von Urheberrechten ausmachen könnten, bleibe dahingestellt – von der Literaturgeschichte wird das Verfahren Schneiders mehr als gedeckt.

Eine andere Erzählung mit dem Titel „Lenz“, jene von Büchner, enthält wörtliche Übereinstimmungen mit Briefen des Dichters Lenz und dem Tagebuch des Pfarrers Oberlin. Brecht war stolz auf seine „grundsätzliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums“; Döblin schrieb „ganze Aktenstücke“ ab („Ich sank manchmal zwischen den Akten bewundernd zusammen und sagte mir: besser kann ich es ja doch nicht machen“); Thomas Mann liebte das „Aufmontieren von faktischen, historischen ... Gegebenheiten“.

Ärger gab es immer einmal – auch für den Autor des „Doktor Faustus“. Arnold Schönberg reklamierte geistigen Diebstahl. Thomas Mann schrieb ihm: „Wer der Schöpfer der sogenannten Zwölf-Ton-Technik ist, weiß heute jedes Mohrenkind. Ganz bestimmt aber weiß es jeder, der ein Buch wie den ‚Doktor Faustus‘ in die Hand nimmt.“

Ähnlich bei Schneiders „Vati“-Novelle: Die Anklänge an die Realität und den Fall Mengele, wie er in dem Bunte-Bericht dargestellt worden ist, sind dermaßen eindeutig, daß hier von einem nahezu offenen Zitat die Rede sein kann. Leider kursiert der Text zur Zeit nur in ein paar Druckfahnen. Der Verlag der Bunten hat gleich nach dem Spiegel-Bericht Schneiders Verlag darum gebeten, die Auslieferung des Buches zu unterbinden. Vorschlag von Burda: Man würde auf einen Prozeß verzichten, wenn Luchterhand und Peter Schneider den Gewinn aus dem Buch an eine jüdische Hilfsorganisation abführen. Bei Luchterhand ist man dazu bereit – der Autor ist es nicht. Kein Wunder: es müßte wie ein Schuldeingeständnis wirken.

Trotzdem scheint sich nun eine Einigung zwischen den beiden Verlagen anzubahnen. Denn niemand wird der Geschichte ganz froh. Nur der Spiegel scheint stolz auf seinen Erfolg zu sein, mit der Kritik eines noch nicht publizierten Buches die Publikation zunächst verhindert zu haben. Die Notiz im „Rückspiegel“ dieser Woche klingt wie eine Siegesmeldung. Neue Maßstäbe für Literaturkritik? Volker Hage