Gedern/Vogelsberg

Es klingt wie ein historisches Zitat, was Dan Kiesel, seit fünf Jahren Landarzt im hessischen Vogelsberg, sagt: Erst in Gedern sei er „zum Juden geworden“.

Dan Kiesel, Sohn deutscher Juden, die vor der Deportation geflohen waren, lebt seit 1960 in der Bundesrepublik. Nach dem Medizinstudium in Israel und England war er seinen Eltern und Geschwistern hierher gefolgt. 1982 verließ der Arzt Frankfurt, um in dem 60 Kilometer entfernten Gedern eine Landarztpraxis zu übernehmen.

Als Dan Kiesel 1938 in Israel geboren wurde, im Jahr des November-Pogroms („Reichskristallnacht“), war die ungewöhnlich große jüdische Gemeinde in Gedern – unter 2300 Einwohnern 130 Mitglieder mit Synagoge, Schule und zwei Friedhöfen – bereits vertrieben. Eine Aktionsgemeinschaft aus SA-Männern, Sympathisanten und schweigender Mehrheit hatte der jüdischen Minderheit im Dorf jahrelang das Leben zur Hölle gemacht. Ende 1937 war die letzte jüdische Familie aus Gedern geflohen. Im Gebäude der ehemaligen Synagoge an der Hauptstraße wurde eine Kneipe eingerichtet.

Daß der Arzt aus Israel sich hier angesiedelt hat, mußte die Einheimischen, ob Zeitgenossen oder Nachgeborene, an die verdrängten Jahre erinnern, über die längst Gras gewachsen zu sein schien. Nicht anders ist zu erklären, warum Kiesel seit seiner Ankunft in ein Fadenkreuz von Gerüchten geriet. Die Kolportage, Kiesel sei kein Arzt, weil er weder einen Doktortitel hat noch das Heil seiner medizinischen Betreuung bei Tabletten sieht (sondern lieber der Chirotherapie und Akupunktur vertraut), war eher unpolitisch. Ein anderes, hartnäckiges Gerücht bewies indessen, mit welcher Dynamik verschütteter Rassenwahn wirksam werden kann. Kiesel, so heißt es bis heute in Gedern und Umgebung, habe einen Patienten aus der Praxis geworfen, als er durch dessen Arm-Tätowierung ihn als ehemaligen SS-Mann erkannte.

Dieser Patient ist der Rentner Willi Hof. Einst bei der Waffen-SS, dementiert er den Rausschmiß heftig und fügt hinzu, mit dem „Doktorsche“ duze er sich sogar. Und seine Frau hebt an zu einer Hymne auf Dan Kiesel und fände eine Unterschriftensammlung für ihren verfolgten Hausarzt sinnvoll, der immer da sei, wenn man ihn rufe.

Eine „Sauerei“ sei, was ihm angetan werde. Damals, entsinnt sie sich, habe sie doch auch mit den jüdischen Nachbarn gut zusammengelebt, bei ihnen Matzebrot gegessen oder mit den Kindern gespielt.