In der Kirche des kleinen badischen Ortes Ettenheim. wurde im Jahre 1888 bei Bauarbeiten ein unscheinbares Grab geöffnet. Die Anwesenheit des Pfarrverwesers sowie von Gemeinde- und Staatsbeamten verdeutlichte, daß der Tote als außergewöhnliche Persönlichkeit gegolten hatte. Das Grab barg die Gebeine des Mannes, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur europäischen Skandalfigur geworden war. Es handelte sich um den letzten Fürstbischof von Straßburg, Kardinal Louis René Edouard, Prince de Rohan-Guemene. Noch heute geistert der Verstorbene im Vergangenheitsdenken der Ettenheimer Bürger. Die einen nennen ihn einen „Hurenbock“, die anderen verweisen auf barocke Pracht, auf Festglanz; beides habe der Kardinal einst dem Ort verliehen, nur durch ihn sei Ettenheim zur bedeutsamen Stätte in der Zeit historischer Umwälzung geworden.

Der Autor Jörg Sieber stammt selbst aus Ettenheim. Er studierte katholische Theologie. Mit seiner nun vorliegenden Veröffentlichung, für die er eine Fülle von Dokumenten heranzog, stieß er in eine Forschungslücke, denn die Geschichte des bewegten Lebens des Fürstbischofs war – abgesehen von der berüchtigten Halsbandaffäre um Marie-Antoinette – bisher weitgehend unbekannt.

Jörg Sieber: Kardinal im Schatten der Revolution; Mörstadt Verlag, Kehl 1986; 424 S., 48,– DM.

Prince Louis Rohan, geboren 1734 in Paris, hatte sich jahrzehntelang im Glück fürstlicher Geburt gesonnt, ihre Privilegien genossen. Seine Ahnen waren Herzöge und Könige der Bretagne gewesen. Verschrien als Lüstling, Sittenverderber, Verschwender wurde er dennoch – durch verwandtschaftliche Begünstigung – 1778 Kardinal und 1779 Fürstbischof von Straßburg.

Zuvor war er als ein in Prunk schwelgender Gesandter Frankreichs am Wiener Hof aufgefallen. Ein dort unglaublich leichtfertig verfaßter Brief an seinen Gönner in Paris, den Duo d’Aiguillon, stürzte ihn bei dem zukünftigen französischen Monarchen Ludwig XVI. und dessen Gemahlin Marie-Antoinette in Ungnade. Rohan hatte die Mutter der Dauphine, Österreichs Kaiserin Maria-Theresia, als ländergierige Regentin geschildert, die ihre Tränen zum Verhandlungstrick zu machen verstand. Der Briefinhalt war der Gräfin Dubarry zugespielt worden. Vermutlich hatte sie – als Mätresse Ludwigs XV. – dafür gesorgt, daß die Zeilen nicht unbekannt blieben.

Jetzt, da Marie Antoinette Königin war, verlor Rohan den Gesandtenposten. Dafür genoß er in seiner Residenz Zabern sinnenfreudige Feste. Es verlockte ihn, sich um Wiedergewinnung der verlorenen Gunst Marie-Antoinettes zu bemühen. Dabei sollte er zur Hauptperson in der Halsbandaffäre werden. Als Kenner des intrigenreichen Pariser Hofes ließ er sich mit erstaunlicher Naivität von dem gräflichen Betrügerehepaar de la Motte und von dem weltbekannten Abenteurer Cagliostro übertölpeln. Er bürgte für eine ungeheure Summe, um den Kauf des angeblich von der Königin begehrten Halsbandes zu ermöglichen. Doch Gräfin de la Motte, die sich als Überbringerin des Schmuckstückes an Marie-Antoinette ausgegeben hatte, brach die Juwelen aus dem Kollier und verscherbelte sie in England. Neun Monate dauerte der Kriminalprozeß, der dem Ansehen des französischen Königshauses, aber insbesondere der „Österreicherin“, nicht wieder gutzumachenden Schaden zufügte. Rohan, zwar freigesprochen, wurde dazu verpflichtet, den Schmuck in Raten zu bezahlen.

Lange Zeit bildete er den „Wetzstein der Lästerzungen.“ Zunächst in die Auvergne verbannt, durfte er bald auf seine Besitzungen zurückkehren. Als er im Jahre 1787 in Zabern (Elsaß) Einzug hielt, wurde er von der Bevölkerung enthusiastisch empfangen: „Am Bergtor, am Fuße der Zaberner Steige, spannten die Bürger die Pferde von der Kutsche aus und zogen dieselbe unter dem Geläute der Glocken und dem Donner der Geschütze in das bischöfliche Schloß.“ Was wieder einmal beweist, daß des Volkes Liebe sich nicht ausschließlich den Tugendbolden zuwendet.