Warum und wie Willy Brandt seinen Abschied nahm

Von Gunter Hofmann

Bonn, im März

Ich stehe für diese Abart von Auseinandersetzung nicht mehr zur Verfügung ... ich verlasse die Brücke, aber ich gehe nicht von Bord." Es war am Sonntag in Unkel, als Willy Brandt solche Sätze niederschrieb, mit denen er am Tag darauf seinen vorzeitigen Abschied vom Amt des Parteivorsitzenden im Vorstand der SPD begründen wollte. Ein großer Schritt, auch und vor allem aus Brandts Sicht, denn er hatte sich den Abschied im kommenden Jahr anders vorgestellt, ja ihn selber gestalten wollen. Eine Zäsur sollte das sichtbar machen, für ihn ohnehin nach 25 Jahren im SPD-Vorsitz, aber auch für seine alte, 125jährige Partei.

Irgendwann am Wochenende muß es geschehen sein, daß er sich überlegte, nun Schluß zu machen. Vielleicht war es der Verlauf der Gespräche mit einer kleinen Schar der "Enkel" am Samstag in Norderstedt, vor allem der Eindruck, Oskar Lafontaine werde den Sprung zum Anspruch auf den Parteivorsitz nicht wagen. Vielleicht hat ihn auch am Sonntagmorgen beim Rückflug nach Bonn die Lektüre der Hamburger Morgenpost gewurmt, wo über den neuen Zeitplan der SPD-Spitze in Sachen Führungswechsel gerätselt wurde: "Der Wechsel von Brandt zu Vogel soll nach den drei Landtagswahlen im ersten Halbjahr 1987 – Hessen, Hamburg und Rheinland-Pfalz – öffentlich sichtbar gemacht werden." Saß die "Quelle" für diese Information nicht unmittelbar an der Parteispitze? Waren es "Freunde"?

Möglich, daß Willy Brandt das alles einmal aufschreibt. Seit Tagen jedenfalls, das wußte er, handelte die "Krise" um die Berufung von Margarita Mathiopoulos zur Vorstandssprecherin der SPD von Brandt. Oder, wie er selber das formulierte, davon "die programmatische und personelle Erneuerung der Partei als Marotte des Vorsitzenden abzuhandeln". Allein schon, wie er knapp und mit kaum unterdrücktem Stimmbeben in der vergangenen Woche in die Mikrophone des Fernsehens hineinzürnte, ließ ahnen, was er dachte.

Das Vermächtnis ordnen