Von Egbert Baqué

Da ist nichts abzuwägen, zu analysieren, herumzukritisieren. Dieses Buch ist ergreifend, zum Schmunzeln, zum Jauchzen – es ist zum Heulen schön: Die deutsche Erstausgabe des autobiographischen Romans „Das nackte Brot“ des Marokkaners Mohamed Choukri ist Literatur pur, wahrhaft eine Entdeckung.

Wer ist Mohamed Choukri? Geboren 1935 als Sohn eines armen Bauern in einem Nest im Rif-Gebirge. Etwas vom Ende seiner Geschichte vorweg: Ein Zellengenosse kritzelt im Gefängnis Verse eines Dichters an die Wand und liest sie vor. Die Verse gefallen Choukri, doch muß er fragen: „Was ist denn die Bedeutung von dem, was er sagt? – Der Wille zum Leben, das ist die Bedeutung.“ Choukri beschließt Lesen und Schreiben zu lernen, mit einundzwanzig. Heute lebt er in Tanger, arbeitet als Schriftsteller und als Literaturredakteur für eine Rundfunkstation.

Was erzählt Choukri? Er malt, brennt, ätzt – es sei erlaubt, Camus zu zitieren: „das schändliche und begeisternde Bild des Lebens“. Choukri erzählt seine Kindheit und Jugend. Gleich auf den ersten Seiten geschieht ein Mord – aber wozu den Inhalt referieren? Lesen Sie selbst: Die Geschichte eines Heranwachsenden, ein Überlebenskampf im übelsten Elend (alltäglich in der „Dritten Welt“), die Geschichte eines herumgestoßenen Menschen, der sich beim täglichen Spießrutenlauf – um ein Stück Brot, ein Glas Wein eine Zigarette – mit Händen und Füßen, mit List und Tücke gegen eine erbarmungslose, gewalttätige Umwelt behaupten muß. Choukri erzählt von Hunger und Angst, von Liebe und Haß, von Polizeiwillkür und von der Blasiertheit der Besitzenden, von hilfloser Brutalität der Armen gegen die Armen.

Und doch: Noch im tiefsten Dreck erkämpft er seiner Phantasie einen Freiraum, erlaubt er sich Träume am hellichten Tag. Choukri erzählt von der Zärtlichkeit der Huren, von den großen Festen der kleinen Leute, von ihrer großen Freude an kleinen Dingen, von Solidarität.

Wie erzählt, schreibt Choukri? Ohne überflüssige Wörter, ohne Gestikulieren, absolut souverän. Mit Poesie und Härte, lakonisch und mit Lust. Umwerfend. Und unanständig auf zwinkernd entwaffnende Art...

„Das nackte Brot“, 1982 im Eigenverlag in Casablanca erschienen, ist heute in Marokko verboten. Weiß der Teufel, was die Herrschaften dort wohl obszön finden – den Hunger, das Elend oder die Lust am Leben...