Friedrichsdorf

Friedrichsdorf am Taunus, Nachbarort der Bäderstadt Bad Homburg und Endstation einer S-Bahnlinie von Frankfurt am Main. In Friedrichsdorf wohnt eine polnische Familie. Vater, Mutter, eine sechsjährige Tochter. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Dennoch durften sie sich einstweilen sicher fühlen: Sie hatten Beschwerde eingelegt und können nach dem Asylverfahrensgesetz nicht eher abgeschoben werden, bis eine unanfechtbare Entscheidung vorliegt.

Es kam anders: Am 3. Dezember 1986, nachmittags gegen 16 Uhr, verschaffte sich Oberinspektor Schenk von der Ausländerbehörde des Hochtaunuskreises Zutritt zur Wohnung. Er hatte zwei Schutzpolizisten dabei. Der Oberinspektor erklärte den Polen, sie sollten die Koffer packen. Eine Maschine der Luftfahrtgesellschaft Quantas fliege sie in zwei Stunden nach Australien. Sie würden abgeschoben.

Nach Darstellung der Eheleute schrie der Beamte herum und warf ihnen vor, nur vom Sozialamt zu leben. Wenn sie nicht nach Australien wollten, könnten sie ja nach Polen zurück: die Eltern ins Gefängnis, die Tochter ins Kinderheim. Das Kind, das alles verstand, weinte.

Der Zeitpunkt des Auftritts war für eine reibungslose Abschiebung günstig: Mittwochnachmittag. In der Regel ist da kein Rechtsanwalt zu erreichen. Doch die Familie hatte Glück. Ihr Anwalt arbeitete noch in der Kanzlei. Er versuchte, den Oberinspektor ans Telephon zu bewegen, um ihm mitzuteilen, daß die Familie nach der Rechtslage nicht abgeschoben werden dürfe. Der Beamte weigerte sich jedoch, den Anruf (und die Rechtsbelenrung) entgegenzunehmen.

Doch auch der Anwalt hatte Glück: Er erreichte am späten Mittwochnachmittag noch einen Vorsitzenden Richter des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes in Kassel, der für Asylrechtsstreitigkeiten zuständig ist. Der Oberinspektor wagte es nicht, das Telephonat mit dem Richter auch zu verweigern. Er ließ sich belehren, zumal er erfahren hatte, daß die Ehefrau schwanger war und ein Flug ans andere Ende der Welt gesundheitlich problematisch erschien.

Eine deutsche Bekannte, die der polnischen Familie in der Zwischenzeit zu Hilfe geeilt war, hat über das Auftreten des Oberinspektors ein Gedächtnisprotokoll angefertigt. Darin heißt es: "Vor dem Hintergrund unserer jüngsten Geschichte habe ich mich als deutsche Staatsbürgerin mehr als geschämt. Ich hatte bisher in der Illusion gelebt, daß derart übles Auftreten von deutscher Staatsgewalt ausgerechnet gegenüber Menschen polnischer Nationalität nicht mehr denkbar sein würde."