Mangelnde Kontrollen und überalterte Betriebsanlagen haben die amerikanischen Plutoniumfabriken zum Sicherheitsrisiko werden lassen. Für die Regierung Reagan hatte die Aufrüstung Vorrang vor dem Umweltschutz.

Das Energieministerium der Vereinigten Staaten hat angeordnet, die Leistung der drei Reaktoren der Savannah-River-Anlage, die waffenfähiges Plutonium herstellen, auf weniger als die Hälfte ihrer Kapazität zu drosseln. Die Akademie der Wissenschaften hatte gewarnt, die vorhandenen Kühlsysteme reichten nicht aus, um bei einem Reaktorunglück die zusätzliche Hitze abzuführen und ein Schmelzen des Reaktorkerns zu verhindern. Die Kapazität der Vereinigten Staaten zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium hat sich damit in den letzten drei Monaten um 60 Prozent verringert.

Bereits im Januar hatte das Ministerium den größten Plutoniumproduzenten, den N-Reaktor in Hanford im Staate Washington, vorübergehend stillegen müssen, da dieser Reaktor die veranschlagte Betriebszeit um drei Jahre überschritten hatte und wichtige Komponenten bis an die Grenze des Sicherheitsrisikos abgenutzt waren. Der N-Reaktor in Hanford arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie der Unglücksreaktor von Tschernobyl.

Die Anordnungen des Energieministeriums, dem die für die amerikanischen Nuklearstreitkräfte arbeitenden Kernenergiebetriebe unterstehen, fielen mit aufsehenerregenden Anhörungen im Senat zusammen. Zwei Jahre lang hatte die Revisionsbehörde des Kongresses die regierungseigenen Kernbetriebe untersucht. Jetzt schlug sie Alarm, weil sie zu dem Schluß gekommen war, die Betriebe seien überaltert, genügten den Sicherheitsvorschriften nicht und verursachten zum Teil bereits irreparable Umweltschäden.

Aus den Untersuchungsdaten der Revisionsbehörde geht eindeutig hervor, daß das Aufrüstungsprogramm Präsident Reagans seit Beginn der achtziger Jahre die zum Teil über 30 Jahre alten Produktionsanlagen unter Vernachlässigung von Umwelt- und Gesundheitsschutz zusätzlich belastet hat.

  • Die regierungseigene Kernanlage in Fernald/Ohio hat Ende 1984 134 Kilogramm leicht angereicherten Urans in die Atmosphäre entlassen. Unkontrollierte Abwässer führten zur Uranverseuchung von drei Quellen außerhalb des Betriebsgeländes.
  • Die Anlage Savannah-River weist innerhalb des Betriebsgeländes einen hohen Verseuchungsgrad von Boden und Grundwasser auf. Viele Behälter mit hochaktivem Atomabfall sind undicht, und es besteht die Gefahr, daß radioaktive Stoffe in die Wasserversorgung der nächsten Wohngebiete eindringen.
  • Aus Colorado und Tennessee werden Verseuchungserscheinungen außerhalb des Geländes regierungseigener Kernbetriebe gemeldet.
  • Im Hanford-Reservat wurden 1985 750 000 Hektoliter verflüssigten Atomabfalls in den Boden gekippt.

Das Energieministerium, das für die Kernenergiebetriebe zu Rüstungszwecken zuständig ist, hat sich bisher selbst kontrolliert; es unterliegt nicht wie die zivile Kernindustrie der Kontrolle durch die Nuklear-Aufsichtsbehörde. So sind über die Jahre mehr als eintausend Reparatur- und Verbesserungsanweisungen in regierungseigenen Anlagen unerledigt geblieben.

Ulrich Schüler (Washington)