Ein Liebesroman" wird dieses schmale Buch in seiner deutschen Ausgabe genannt, und das ist mit Sicherheit das einzige, was Enquist nicht geschrieben hat. Denn schwer – nein, unmöglich läßt sich genau ausmachen, auf was er es angelegt hat: auf einen Essay, auf drei bis vier ineinandergeschossene Novellen, auf einen Gesang aus irdischen Paradiesen und Höllen?

Seine Sprache jedenfalls erzählt, zitiert, reflektiert, aber sie versucht auch, auf halber Höhe sozusagen über dem Prosaniveau zu singen und aus Motiven, Leitmotiven, mit Variationstechniken und Kontrapunkten eine Partitur zu zaubern, Musik zu machen. In einen "Vorgesang" und eine "Koda" als Anfang und Ende und in vier verschiedene "Gesänge" dazwischen ist der Text tatsächlich gegliedert. So viel Aufwand und Anstrengung auf so knappem Raum, diese Dichte und Weite deuten schon darauf hin, daß hier etwas im alten schönen Wortsinn "Unsägliches" verhandelt wird.

Und dieses Generalthema verbirgt sich auch gar nicht als waberndes Geheimnis, sondern wird in immer neuen Variationen freimütig verkündet: "Man soll nicht versuchen, Liebe zu erklären. Aber wenn man es nicht versuchte, wo stünden wir dann?" Enquist, der seine Erkundungen mit Traumfragmenten, Todesbildern und einer ersten Erinnerung an die von Bert Brecht verlassene Ruth Berlau beginnt ("... plötzlich war sie nur eine Schlangenhaut, zurückgelassen auf einer Waldlichtung"), er läßt gleich mit diesem Einsatz keinen Zweifel daran, daß der Durchschnittsfall Liebe, dieses patente Hans-will-Grete-und-auch-Grete-will-Hans-Glück, bei ihm nicht gemeint ist, Die radikale Wahrheit der Liebe erfüllt sich für ihn in einem Skandal, dem mit Verständnis nicht gut beizukommen ist.

Enquist versucht also nicht zu "erklären", nicht einmal unbedingt zu verstehen, sondern durch ein geduldig-ungeduldiges Umschreiben des dunklen Skandalkerns diesen immer schmerzhafter fühlbar zu machen. Zwei extreme Liebesbeispiele führt er – außer der in immer nur kurzen, emphatischen Schüben erinnerten Berlau-Brecht-Katastrophe – in seinen Erzähl-Essay-Gesang ein, eine mörderische Dreiecksgeschichte aus seiner schwedischen Gegenwarts-Umgebung und den Fall eines Monsters aus den zwanziger Jahren, dem ein kleiner Frauenkopf aus der Stirn gewachsen war: "So trug er sie, sein ganzes Leben lang: wie der Kupfergrubenarbeiter in dem Dunkel, in dem zu leben er selbst gewählt hat, seine Stirnlampe trägt, so trug er sie durch das unerhörte Licht des Lebens. Aber aus seiner Lampe fiel kein Licht."

Das Monster Pinon mit seiner Kopfgeschwulst und Grubenlampe, der ihm lieblich und schrecklich aus der Stirn gewucherten Maria, stellt die fleischgewordene Metapher für einen Sachverhalt dar, der in unserer psychologischen Leidverwaltungssprache Symbiose heißt. Zu solcher Symbiose hatte es Ruth Berlau erst gebracht, als Brecht sie durch seinen Tod endgültig verlassen und sich damit endgültig an sie ausgeliefert hatte. Nun trägt sie eine Totenmaske, wie Enquist im Kontrapunkt zur Pinon-Geschichte erzählt, ständig in einer Hutschachtel bei sich. Endlich kann sie auf diesen unendlich Schweigenden ununterbrochen einreden. Der tote Brecht ist stumm wie der Puppenkopf Maria auf Pinons Stirn. So schwingt sich Enquists Prosagesang tatsächlich immer wieder hinaus ins nicht mehr Verständliche und kaum noch Erzählbare, in eine Gegend, wo sie das Ende aller ihrer Fragen vermutet: "an der letzten Grenze des Menschen."

Dort hausen die Monster, jene Mißgeburten einer launischen Natur (der Mann mit der Krokodilhaut, die Affenfrau, der Mensch mit Hundekopf), die heute sorgfältig von der Gesellschaft isoliert werden, aber dort an der Menschengrenze existieren für Enquist eben auch die Sterbenden und die extrem, die "unverständlich" Liebenden.

Zum Beispiel K und seine Frau: erst geschieden, dann durch Haß verbunden, weil ein junger Kindermörder, mit dem die Frau sich einläßt, ihre gemeinsame Tochter erwürgt, fast ohne Motiv ("Sie vertraute mir ja so. Deshalb war ich gezwungen."), und schließlich trotz Haß und Fremdheit wieder symbiotisch aneinandergekettet, nachdem auch der junge Mörder sich nach vielen vergeblichen Versuchen selbst ermordet hat. "Man kann Liebe nicht erklären", schreit die Frau dem Erzähler und damit dem Leser ins Gesicht.