Etwa zehn Millionen Menschen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, haben sich bisher weltweit mit HIV, dem Erreger der tödlichen Immunschwäche Aids, infiziert. Nach neuesten medizinischen Modellrechnungen werden diese Infizierten praktisch alle, wenn auch erst nach einer symptomfreien Inkubationszeit von durchschnittlich 15 Jahren, an Aids erkranken und voraussichtlich auch daran sterben – wenn die Mediziner nicht auf eine wirksame Therapie stoßen, die das Schlimmste verhindert. Doch ähnlich wie die Chemotherapie gegen Krebs, ist auch die Behandlung von Aids-Kranken mit erheblichen Nebenwirkungen belastet und sehr teuer.

Gesund ist bisher kein Aids-Kranker geworden. Bei einigen hat sich allenfalls der Verlauf des Leidens verzögert. Da es kaum Aussicht gibt, das HIV-Virus nach der Infektion wieder aus dem Organismus zu vertreiben, muß eine derartige Therapie vermutlich auch ein Leben lang fortgesetzt werden.

Bis zum Ende dieses Jahres werden viele amerikanische und auch bundesdeutsche Patienten Zugang zu dem bisher erfolgreichsten Mittel bekommen, zu Azidothymidin – kurz AZT genannt. Die Firma Burroughs Wellcome wird es unter dem Namen Retrovir auf den Markt bringen.

AZT hemmt die reverse Transkriptase, jenes für das HIV lebenswichtige Enzym, das die Erbsubstanz des Retrovirus, die Ribonukleinsäure (RNA) in Desoxyribonukleinsäure (DNA) umschreibt. Erst in dieser umgeschriebenen DNA-Form – als sogenanntes Provirus – kann sich das HIV im menschlichen Erbgut der Wirtszellen einnisten und dann vermehren.

AZT hat den Nachteil, daß es auch andere Enzyme, zum Beispiel die DNA-Polymerase hemmt und damit letztlich die Vermehrung aller Zellen des Patienten behindert. Die DNA-Polymerase sorgt für exakte Kopien menschlichen Erbguts bei Teilungs- und Wachstumsprozessen. So kommt es, daß die Behandelten vor allem an den sich rasch teilenden weißen Blutkörperchen verarmen und oft nur durch wiederholte Bluttransfusionen überleben können.

Suramin und HPA23, zwei ähnlich wie das AZT wirkende Medikamente, die zunächst als vielversprechend galten (Rock Hudson flog für eine HPA23-Therapie eigens nach Paris), zeigen noch schlimmere Nebenwirkungen. Foscarnet, ein Wirkstoff einer schwedischen Firma, scheint sich an die reverse Transkriptase zu binden und verhindert so die Übersetzung der Virus-RNA in das Provirus. Berichte über mögliche Therapieerfolge des Foscarnets liegen noch nicht vor. Wissenschaftler suchen weltweit nach weniger gefährlichen reverse Transkriptase-Hemmern. Aussichtsreiche Kandidaten, die derzeit die ersten Tests durchlaufen, sind die AZT-ähnlichen Substanzen Dideoxyadenosin und Dideoxycytidin. Forscher des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen experimentieren mit einer dritten analogen Verbindung, dem Azidoguanosin.

Derweil suchen die Molekularbiologen nach weiteren Achillesfersen des Aids-Erregers, zum Beispiel gleich zu Beginn der Infektion, jenem Moment, da sich das Virus der Wirtszelle nähert. Einspritzen von Antikörpern gegen das Erkennungsprotein des Virus (siehe auch nebenstehenden Bericht) könnten hier auch einen therapeutischen Effekt haben: Sie sollen verhindern, daß sich der Aids-Erreger an die Wirtszellen bindet und sie infiziert.

Damit sich das HIV in der Wirtszelle vermehren kann, bedient es sich meist der zellulären Maschinerie der T-Lymphozyten, einer bestimmten Klasse weißer Blutkörperchen. Das in diese Wirts-DNA eingebaute Provirus wird abgelesen und wiederum in RNA umgesetzt, um die Bausteine für ein neues Virus zu synthetisieren. Die Substanz Ribavirin verhindert diesen Schritt, wahrscheinlich indem sie falsche Einzelteile für den RNA-Aufbau liefert. Letztlich könnten auch virostatische Verbindungen, wie das Alpha-Interferon die HIV-Vermehrung hemmen. Im Reagenzglas läßt sich dieser Effekt nachweisen und klinische Studien versprechen Erfolge bei Behandlung des Kaposi-Sarkoms, einer mit Aids verbundenen Hautkrebs-Erkrankung. Wie das Alpha-Interferon auf molekularer Ebene wirkt, ist allerdings bisher unbekannt. R. K.