Primo Levis eindrucksvolle und originelle Autobiographie

Von Rolf Grimminger

Primo Levi, Turiner Jude und einer der wenigen, die Auschwitz überlebten, begann zu schreiben, um die Erinnerung daran loszuwerden. „Ich glaubte, ich könnte mich durch Erzählen reinigen und kam mir vor wie der alte Seemann von Coleridge, der auf der Straße den zum Fest geladenen Gästen über den Fluch berichtet, der auf ihm lastet. Ich schrieb knappe, in Blut getauchte Gedichte.“

Allmählich legte sich der Schmerz, den der Terror des Konzentrationslagers hinterlassen hatte. Zunächst habe er beim Schreiben nur für kurze Zeit Frieden gefunden, teilt Levi mit. Dann blickte er allmählich wieder in die Zukunft und nicht nur nach rückwärts, und schließlich wurde es zum Vergnügen, die Vergangenheit aufzurühren, sie „mit größter Strenge und geringstem Ballast“ zu beschreiben: „So paradox es klingen mag, meine Bürde grausiger Erinnerungen wurde zu einem Reichtum, zu einem Samen; mir schien, als wüchse ich beim Schreiben wie eine Pflanze.“

Der Autor als Chemiker

Seine beiden Erstlinge, vor einem Vierteljahrhundert erschienen („Ist das ein Mensch?“, „Atempause“), berichten über seine Häftlingszeit in Auschwitz und die Arbeit in den Buna-Werken, über die Befreiung durch russische Truppen und einen Rücktransport, der quer durch Osteuropa irrte, bevor er in Italien ankam. Sie berichten eindringlich und emotional, dicht und genau, doch ohne das Pathos der Empörung, das leicht zu haben gewesen wäre, ohne Selbstmitleid und mit nur geringen Anflügen moralischer Verurteilung.

Levi schreibt lebendig und aus der Distanz der Erinnerung über sich selbst und das Geschehen, dessen Opfer er war. Als literarischer Geschichtsschreiber von Auschwitz galt er in Italien; bei uns war er bisher weitgehend unbekannt, obwohl oder gerade weil seine beiden Erstlinge sehr schnell übersetzt wurden. Denn wer wollte damals schon etwas von diesem Teil der „nationalen Identität“ wissen – und wer will es heute, zur Zeit des Historikerstreits. Levi gilt unterdessen in Italien nicht nur als autobiographischer Geschichtsschreiber, sondern auch als Erzähler von literarischem Rang. Il sistema periodico, 1975 erschienen, trug entscheidend dazu bei.