"Umbau, Demokratie, Optimismus" – Eindrücke aus Michail Gorbatschows Moskau

Von Theo Sommer

Zum zehnten Mal binnen zwei Jahrzehnten diskutierten westdeutsche und sowjetische Politiker, Publizisten, Wissenschaftler und Militärs im Bergedorfer Gesprächskreis über die Zukunft des Ost-West-Verhältnisses. Im Mittelpunkt der Moskauer Erörterung: Gorbatschows umstürzende Reformpläne. Kann das Vorhaben gelingen?

Moskau, Ende März Über dem Kremlpalast flattert die rote Fahne im Frostwind. Am Spassky-Turm steht die Ampel auf Rot; nur ab und zu springt sie auf Grün, um eine jener großen schwarzen Limousinen durchzulassen, die den allerhöchsten Funktionären des Reiches vorbehalten sind. Scharen neugieriger Besucher aus allen Landstrichen der Sowjetunion drängeln sich zwischen der Kremlmauer und dem Kaufhaus Gum auf dem Roten Platz. Vom Spassky-Tor paradiert zu jeder vollen Stunde in strammem Stechschritt die Wachablösung zum Lenin-Mausoleum; unbeweglich, unbewegt, atmenden Bildsäulen gleich, stehen die blutjungen Posten vor dem Eingang Habacht. Es ist alles, wie es immer war.

In Wahrheit ist nichts in Moskau, wie es immer war. Die Kontinuität der Ansichtskarten-Motive und der Schnappschuß-Sujets trügt. Hinter den Zinnen der alten Zarenburg blieb nichts mehr unbeweglich und unbewegt, seit Michail Gorbatschow vor zwei Jahren die Führung angetreten hat. Verflogen ist die dumpfe Abgestandenheit der späten Jahre Breschnjews, überwunden die Kraftlosigkeit seiner siechen Nachfolger Andropow und Tschernjenko. Eine nervöse Unruhe strahlt vom Kreml aus. Die Vibrationen sind allenthalben zu spüren. Perestrojka, demokratija, optimism, verkünden die Plakate: Umbau, Demokratie, Optimismus. Wie sieht die Wirklichkeit hinter den Schlagworten aus?

Als sich der Bergedorfer Gesprächskreis vor drei Jahren das letzte Mal in Moskau traf, war der Eindruck deprimierend. Die Sowjets igelten sich ein. Sie warfen dem Westen Angriffsvorbereitungen vor, der Bundesrepublik Revanchismus. Wohl predigten die Sowjetwirtschaftler die Vorteile der Zusammenarbeit, aber die Argumente der Politiker liefen alle auf Abschottung hinaus. Des Kremls Diplomaten waren aus den Genfer Abrüstungskonferenzen ausgezogen. Die Sprache des Kalten Krieges beherrschte die Diskussion. Innere Schwächemomente der Sowjetunion? Notwendigkeit gründlicher Erneuerung? Die Moskauer Gesprächspartner leugneten beides. Nach Andropows kurzer und vergeblicher Reform-Anstrengung triumphierte aufs neue der Immobilismus.