Im leeren Biergarten saß der Dichter Herbert einsam da. Auf dem Tisch vor ihm stand neben dem Weißbierglas eine Schreibmaschine. Herbert, ganz in weiß, trug Jesussandalen und einen weißen Gletscherhut wie der Papst, wenn er in seine Sommerresidenz reist. Herberts Blick schweifte ahnungsvoll in die Ferne, wo er am Horizont möglicherweise Welten untergehen sah. Einsam war dieser Dichter, aber fürstlich, naiv, aber prophetisch. Der Dichter Herbert war ein Seher: Offenbarung und Überlieferung waren sein Amt. So erlebten wir Achternbusch in seinem Film „Servus Bayern“.

Inzwischen sind fast zehn Jahre ins Land gegangen. Im Werkraum des Bonner Stadttheaters sieht man in David Mouchtar-Samorais Uraufführung von Achternbuschs „Weißer Stier“ noch einmal einen Mann wie jenen Herbert (gespielt von Robert Hunger-Bühler) in der päpstlichen Montur des Dichtergottes von damals. Aber der weiße Anzug sieht inzwischen schäbig aus, zerbeult, verschlissen. Die Ruhe des Sehers von einst ist dahin. Der Dichter hat sich in einen hinkenden Nervösen verwandelt, der an einer Zigarette saugt und ein Seil mit sich herumschleppt. Man könnte ihn für eben Selbstmörder halten, aber in Wahrheit ist er der Jäger des weißen Stiers. Es geht ihm um den „Finderlohn“ von 50 000 Mark.

Schon seit „Servus Bauern“ wissen wir, daß der Dichter Herbert ein Wilderer ist. Frauen und Rehe jagte er gleichermaßen. Aufgebracht schoß er in den Fernsehapparat, auf einen Bären. Jetzt aber geht es nicht mehr um Jagd, sondern nur noch um Geld. Seit Bundesinnenminister Zimmermann nach Achternbuschs Jesus-Film „Das Gespenst“ die letzte Rate des Bundesfilmpreises einbehielt, habe der Dichtergott ein Loch in der Kasse, erfahren wir in Bonn. Sein Stellvertreter auf der Bühne, ganz Schmerzensmann, fixiert das Bonner Theaterpublikum mit vorwurfsvollen Blicken. Auch dazu wäre sich früher der Dichter zu schade gewesen. Nie hätte er in die Kamera geschaut und einen Blick an uns verschwendet. Zu viel sah er am Horizont untergehen.

Jetzt sieht er zu wenig in seiner Kasse. „Eisbrechen und Eisschmelzen“ – das machte in „Servus Bayern“ die Schönheit des Schreibens aus. Damals ging es noch großzügig zu: „Eigenheime haben wir vertrunken. Das war schön“, schwärmte die Mutter des Dichters in einer Lobrede auf den Exzeß. In Bonn wohnten wir jetzt einem Kassensturz bei. Würde seine Filmarbeit mehr unterstützt, „brauchte sich das Theaterpublikum nicht mehr durch meine Stücke quälen“, gestand das Achternbusch-Double in seinem eineinhalbstündigen Monolog, der nur durch den Auftritt zweier wie Hunde bellender Passanten unterbrochen wurde.

Für Achternbusch war das Theater schon immer eher ein Geschäftspartner als ein Liebesverhältnis. Daß er trotzdem Stücke schrieb, war früher dem Dichtergott Provokation genug. Jetzt, da wir ihn als verspäteten Sponti erleben, hören wir nur noch läppische Sprüche von ihm. Der Untertitel des „Weißen Stiers“ hätte uns warnen sollen: „Ein Theaterstück für Bonn.“ Das ist keine kleine Einschränkung.

Der weiße Stier zog an diesem Abend das Bonner Theater nicht etwa in kultische Verrichtungen. Das Auftreten des unheimlichen Tiers ist, ganz banal wie alles an diesem Abend, als eine (übrigens schwer nachvollziehbare) Intrige der CSU zu verstehen. Wie die Partei, so versetzt auch der Stier dem Dichter Stoß auf Stoß. Bald fühlt er sich wie es der Titel eines neuen Achternbusch-Films, der im April in die Kinos kommt, ankündigt: „Punch-Drunk.“ Das ist ein Begriff aus der Sprache der Boxer und heißt soviel wie „von vielen Schlägen benommen“.

„Punch-Drunk“, Achternbuschs 17. Film, erfährt der Theaterbesucher, mußte auf die „allerbilligste Weise“ produziert werden: mit Super 8-Kamera und ohne Originalton. Seinen Text sprach Achternbusch im Studio, während der Außenaufnahmen zählte er bloß vor sich hin, einfach, damit sich der Mund bewegt. Sein Double im „Weißen Stier“ kann sich jetzt von der Magie der Zahlen nicht mehr befreien. Mit ihnen verbindet er Erinnerungen, die den Achternbusch-Darsteller ständig in neue Exkurse hetzen. Das Double erinnert sich an Achternbuschs Leben und ganz nebenbei auch an alle seine Filme. So wird der Theaterabend zu einer Art Werbeveranstaltung für das Kino: „21,22,/da ist mein Onkel geboren/28,29/der vor 56 Jahren gestorben ist an Diphtherie, an der ich sterben sollte, aber nicht gestorben bin. 1944/48,49/so wie mein Onkel 1930/55,56/das Jahr meiner großen Liebe, meines Untergangs,/64,65/aber auch die Geburt meines künstlerischen Werdegangs./73,74/,Das Andechser Gefühl‘78,79/,Der Kommantsche‘/82,83,/da ich gleich drei Filme machte und meiner großen Pleite entgegensteuerte/95,96...“