Der Johannistrieb und sein Pendant – oder: Die frohe Botschaft des „Tittensozialismus“

Wir wollen das mal klarstellen: Die SPD hat in ihrer fast 125 Jahre währenden Geschichte mit Frauen nie Probleme gehabt. Ferdinand Lassalle hat sich sogar wegen einer zu Tode duelliert, August Bebel pflegte mit Frau Julie öfter über Parteigeschäfte zu sprechen, und Rosa Luxemburg war zwar früher mal nicht so beliebt, aber heute wissen alle, daß sie als Frau auch Blumenliebhaberin war. Theoretisch hat der große Uhrenbesitzer der Partei schon vor hundert Jahren in aller Deutlichkeit erklärt, daß Frauen auch im Sozialismus sein müssen.

Wer der alten Tante SPD also diesbezüglich am Zeuge flicken will, sollte bedenken, daß sie immerhin nicht Onkel genannt wird und sich in den letzten Monaten als äußerst wandelbar erwiesen hat. Schließlich brachte sie das Kunststück fertig, erst einen Johannistrieb zu entfalten und kurze Zeit später das weibliche Pendant zu entwickeln: den „Tittensozialismus“, Übergangslösung für die Frauenfrage in der historischen Etappe der Unübersichtlichkeit.

Der Tittensozialismus, vor dessen Ausbreitung die ehemalige nordrhein-westfälische Frauenbeauftragte Friedhelm Farthmann noch warnen zu müssen glaubte, ist nicht nur ein ausbaufähiges Konzept, er entspringt einer handfesten Analyse realexistierender Gegebenheiten und vor allem den Bedürfnissen der Frauen.

Tittensozialismus, so interpretieren wir, bedeutet das unveräußerliche Recht der Frauen, nicht wegen dieser natürlichen Gegebenheiten bevorzugt zu werden. Frauen wollen es aus eigener Kraft zu etwas bringen, und bis sie soweit sind, begnügen sie sich lieber mit dem Betriebsrätinnenposten in einem mittleren textilverarbeitenden Unternehmen.

Tittensozialismus, positiv gewendet, verzichtet auf legitimatorische Angebote an das schöne Geschlecht – und knüpft sogar noch eine alte Forderung aus der Frauenbewegung an: das Private sei politisch, das Politische sei privat. Darin liegen echte Chancen.

Denn während Sozialdemokratinnen zwar für hohe politische Posten nie recht die entsprechende Qualifikation mitbringen – bei Anke Fuchs ist das anders, die lassen die Genossen als den besseren Mann durchgehen –, zeigen sie auf der Ebene der diversen Geschlechtsmerkmale erhebliche Wirkung.