Eine Pharma-Katastrophe durch Aids – wer zahlt den Schaden?

Von Wolfgang Gehrmann

Geld? Für keinen Betrag der Welt kann Andreas kaufen, was ihm fehlt. Was ist der bedenkenlose Handschlag wert von den Leuten, die ihm nun allenfalls zögernd noch die Hand geben mögen? Wieviel zählt es denn, wenn man unbeschwert mit einem Mädchen anbandeln kann – ohne sich vorsorglich zu fragen, wie sie wohl reagieren würde, wenn man ihr offenbarte, man sei leider HIV-positiv? "Wie will man ein Kind bezahlen, das man nicht zur Welt bringen kann?" fragt der Student. Nein, Geld ist keine Lösung für seine Probleme, hat Andreas sich anfangs gesagt.

Dann aber hat er sich gefragt, wer weiß, was alles noch kommen mag. Wenn man zum Beispiel keinen Job bekommt, weil man positiv ist. Eigentlich, fand Andreas dann, sollten sie doch zahlen. Jahrelang haben sie schließlich ein Schweinegeld verdient, die Pharmafirmen. Hätten sie ihre Gewinne nicht einsetzen können, um sichere Produkte herzustellen? "Seit ich weiß, daß es seit Jahren möglich ist, ein sauberes Serum zu machen, bin ich schon sehr traurig", sagt Andreas.

Denn die sauberen Produkte kommen nun zu spät für ihn. Seit gut einem Jahr weiß Andreas, daß er infiziert ist mit dem Virus HIV, das die todbringende Immunschwäche Aids auslöst. Das Virus war in einer der Ampullen mit dem Serum Faktor VIII gewesen, auf das der 22jährige angewiesen ist.

Andreas leidet an der Bluterkrankheit Hämophilie. Seinem Blut fehlt ein Eiweißstoff, der die Gerinnung regelt, der Faktor VIII. Ohne regelmäßige Injektionen dieses Stoffs liefe er Gefahr, durch innere Blutungen in seinen Muskeln und Gelenken zu verkrüppeln und früh zu sterben. Die Behandlung mit dem Serum, als medizinische Methode erst seit 1970 bekannt, ermöglichte dem sportgestählten Mann ein unbeschwertes Dasein. Bis Aids kam. Das unbeherrschte Virus hat das lebenbringende Hämophilie-Präparat zur tückischen Todessubstanz gemacht: Faktor VIII wird aus gespendetem Blut gewonnen, und irgendwann haben Aids-kranke Spender, vermutlich in den USA, die Pharmaindustrie mit HlV-verseuchtem Blut versorgt.

Die Folgen sind furchtbar, das Virus hat sich auf diesem nicht gleich erkannten Weg weltweit verbreitet. So wie Andreas sind schätzungsweise schon 2000 der rund 6000 Bluter in der Bundesrepublik mit dem Aids-Virus infiziert. Bei knapp sechzig von ihnen ist die Immunschwäche-Krankheit bereits offen ausgebrochen.