Briefe und anderes von, an und über Boris Pasternak

Von Felix Philipp Ingold

Gleich mit vier deutschsprachigen Titeln – drei Brief- und Erinnerungsbänden sowie einem erweiterten Nachdruck des „Geleitbriefs“ aus dem Jahr 1931 – wurde im vergangenen Herbst an Boris Pasternak (1890-1960) erinnert, der hierzulande als Verfasser des autobiographisch grundierten Romans „Doktor Schiwago“ und als (verhinderter) Nobelpreisträger zu fulminantem, wenn auch durchaus widersprüchlichem Ruhm gelangt ist, der aber – trotz zahlreicher Übersetzungen – vor allem für sein lyrisches und poetologisches Schaffen noch keineswegs die ihm gebührende Anerkennung gefunden hat. Ob die nun vorliegende Neuerscheinung hier helfen kann, bleibt zweifelhaft, da Pasternak durch sie eher als historische Person denn als literarischer Autor präsent wird. Doch lassen sich durch die Lektüre seiner Korrespondenzen wie auch des „Geleitbriefs“ (einer hochartifiziellen „Selbsterlebensbeschreibung“, die gewiß zu den größten Leistungen moderner russischer Prosa gehört) aufschlußreiche Durchblicke und Einsichten in sein dichterisches Universum gewinnen – abgesehen davon, daß dieses künstliche, mit der schlechten Alltäglichkeit vielfach verschränkte Paradies auch von Pasternaks Briefpartnern immer wieder – bald kritisch, bald interpretativ – reflektiert wird.

„Das heißt den Sinn der Dichtung überhaupt, aller großen Dichtung zu verstehen und selbst Dichter zu sein, unterscheiden zu können, was belebend wichtig, was unbedeutend nebensächlich ist in den Werken der Poesie, die doch keine festen Notarialakten sind, sondern sozusagen zuerst noch entstehende, sich bewegende Schaffenserscheinungen.“ Dies hält Pasternak in einem späten (deutsch geschriebenen) Brief an seinen Übersetzer Rolf-Dietrich Keil fest, und er macht damit noch einmal deutlich, was für seine Poetik schon immer bestimmend gewesen ist, die Gewißheit nämlich, daß die „wahren“ Wortkunstwerke – als fortwährend im Entstehen begriffene, niemals abschließbare, ständig „sich bewegende Schaffenserscheinungen“ – dem „wirklichen“ Leben nicht nach-, sondern zugeordnet, ihm also gleichrangig sind; daß der Dichter nicht etwa die Konfrontation mit der Wirklichkeit zu suchen hat, um sie, wie auch immer, widerzuspiegeln, sie abzuwandeln oder abzuhandeln; sondern daß er vielmehr – „in Zusammenarbeit mit dem wirklichen Leben“ – etwas zu schaffen vermag, das größer, dauerhafter und letztlich „lebendiger“ ist als das Leben selbst: Scribere necesse est, vivere non est.

Von daher ist wohl auch Pasternaks Gleichmut, die Gleichgültigkeit angesichts der desolaten politischen und sozialen Wirklichkeit seiner Zeit – Bürgerkrieg und Weltkrieg, Massenterror und Hungersnot, Antisemitismus und Kulturvernichtung – zu verstehen, aber auch sein extremer „Produktionsegoismus“, der ihn bisweilen (ähnlich wie Rilke) gegenüber seiner Umwelt zum „Schurken“, zum „Schwein“ hat werden lassen, und dies um den Preis eines gelungenen Gedichts, einer gelungenen Übersetzungs- oder Prosaarbeit, kurz: um den Preis der Schönheit, der seine ganze Liebe galt und der er sein ganzes Leben widmete, da er einzig in der immer wieder neu zu erschaffenden Schönheit – in der Kunst – „die Wahrheit zu erkennen und auszusprechen“ vermochte.

Pasternak war sich seiner Auserwähltheit und damit auch seiner Verantwortung als Künstler bewußt. Auserwähltheit – das bedeutete für ihn, im Namen der Kunst zum Leiden auserwählt zu sein, um dem Leben durch eine Wahrheit, die größer als das Leben ist, gerecht zu werden: „...die Kultur wirft sich nicht dem ersten besten in die Arme. Alles mußte im Sturm erobert werden.“ So heißt es im „Geleitbrief“. „Daß die Liebe als Zweikampf zu verstehen ist, trifft auch hier zu. Nur der Kampfinstinkt, der als persönliches Ereignis durchlebt wurde, konnte die Kunst in den jungen Menschen eindringen lassen.“ Hier – wie bei Majakoswskij, wie bei Jessenin – manifestiert sich ein romantizistisches Verständnis von Auserwähltheit, das den Dichter dazu anhält, „sich für das Maß des Lebens zu halten und dafür mit dem Leben zu bezahlen.“

Deine geflügelte Handschrift