Kurios, furios: Alexander Lang inszeniert an den Kammerspielen Racines „Phädra“ und Kleists „Penthesilea“

Eben spielten sie noch Verstecken und Fangen nach schwer durchschaubaren Regeln, und mit einem Mal ist einer von ihnen tot; das Spiel wurde Ernst, die Ebenen verschoben sich, die Kategorien sind in Verwirrung geraten. Am Ende Staunen: nanu, wir hatten uns doch trefflich amüsiert, wer hat da falsch gespielt?

Zwei Theaterabende und jedesmal am Ende ein umgebrachter Held und eine selbstgemeuchelte Liebhaberin. Und jedesmal war da ein dichtes Netz von Regeln und waren folglich Fallen, Tricks und Täuschungen (so wie uns das schon seit dem Baum im Paradies geläufig ist). Staunend schaut man zu, wie die sich um Kopf und Kragen reden, in fabelhaften Versen, wie sie Tiraden stemmen, unter deren moralischem Gewicht sie zerbröckeln; und kaum verlassen sie den Panzer ihrer Regeln, sind sie auch schon dem Untergang geweiht, am liebsten riefe man von drunten ein „Vorsicht, hinter dir!“ zur Bühne rauf. Zu spät. Droben liegen bereits die Leichen, und trost- und ratlos gehen die Verbliebenen nach Hause, während Sturmwind die Bühne freifegt für den nächsten Abend. Da läuft eine Maus, das Märchen ist aus – aber es war die Wahrheit.

Metaphern-Amazone

Es gibt diese wahnsinnigen Spieler, die alles um sich her vergessen, beinahe sich selbst, sobald erst die Feder in ihnen aufgezogen ist; als Partner gänzlich unbrauchbar, eher zu Aggressionen reizend, rotieren sie, in sich selbst – bis zum Umfallen. Kleists Penthesilea ist so jemand. Da soll sie also, Königin der Amazonen, mit ihrem Weibervolk ein paar Helden fangen, wie alljährlich, zum Rosenfest (so nennen sie das Zeugungswochenende). Und nun verliebt, vernarrt, verrennt sie sich in Achill, der just (und wie bekannt) vor Trojas Mauern steht und schon seit Jahren mit tausend anderen Griechen Helena herausholen möchte.

Schon wahr, wie immer gesagt wird: „Penthesilea“ ist eine der furiosesten Liebenden des Theaters, so hemmungslos, so alle Gesetze niederrasend und so schlaftrunken ihren Brünsten hingegeben wie sonst keine. Schäumend – doch heißt dies auch: da ist viel Schaum. Der sonderbare Kleist, der seine Verlobte zu sprachlichen Übungen anhielt, statt ihre Liebe zu lobpreisen, jagt auch die Amazone in stilistische Exzesse, und nun schlagen ihr als Liebesflammen Metaphern aus dem Hirn, die Raserei keucht durch das Synonymen-Lexikon und ihre Brunft wird Logorrhöe. So liebt man nicht Seele und Fleisch des anderen, so nur berauscht man sich am eigenen Wort.

Mehr noch als Verletzerin von Stammesregeln ist Penthesilea eine Spielverderberin. Das merkt nun selbst Achill. Eben hatten sich die beiden in einem graziösen Pas de Deux getroffen, sich einander ausgeliefert, indem sie sich vom anderen „gefangen und gefesselt“ erklärten (und Manfred Zapatka wurde da ganz sanft und weich, sprach wie auf Zehen, wärend Gisela Stein fast weggeschmolzen war in ihrem federleichten Glück) – doch schon schraubt sich ihre gemeinsame Seligkeit zum einsamen Triumph hoch, wird aus der Liebe ein Sieg, aus heiterem Ernst das kindische Spiel: Den Geliebten völlig vergessend, schwadroniert sie von ihm und regelt mit kräftigen Worten ihr Liebesglück wie einen gelungenen Feldzug, nach dem nun die Siegesfeier zu ordnen sei. Unvermutet am Ziel der Träume, münzt sie den Traum in Taten um: Die Stein (und das ist so kühn wie komisch und völlig richtig) hat den Geliebten während der ganzen wortseligen Szene nicht ein einziges Mal angeblickt – sie redet zu ihrer Freundin oder kreist in sich selbst, und nun gar, da sie nach Rosen sucht, ihm einen Kranz zu flechten, schiebt sie den störenden (noch immer, ohne ihn wahrzunehmen) zur Seite, redet, redet, flicht Rosen mit Entschlossenheit, und er nun, dergestalt aus ihrem Spiel genommen, lehnt sich melancholisch an die Felsenwand, holt aus der Tiefe seines Burnus ein güldenes Zigarettendöschen und steckt sich eine an, lehnt wie Rudolf Valentino als Araberscheich, sieht, wie die Freundinnen an ihm vorbei die Rosen und die Worte flechten, und fragt in einer Redepause: „Sprich, wohin führt mich dies?“