Von Erich Fried

Unsere Demokratien leiden an empörenden Gerichtsurteilen keinen Mangel. In letzter Zeit fand ich das deutsche Urteil gegen den Arzt Peter Augst besonders arg, der für seine Behauptung, jeder Soldat sei kraft seiner Schulung ein potentieller Mörder, zu 10 500 Mark Strafe verurteilt wurde. Welche Strafe wegen „Volksverhetzung“ hätte da erst Einstein für seine berühmten Worte über Soldaten abbekommen, fragte ich mich. Nun aber empört mich ein Urteil in England fast ebensosehr.

Mitte März wurde ein 17jähriges Mädchen vom Gericht zur Sterilisation verurteilt. Das Urteil gegen die geistig zurückgebliebene „Jeanette“ wurde eiligst durch alle Instanzen gebracht, weil sie im Mai 18 Jahre alt wird und dadurch der Vormundschaft über Jugendliche entgehen würde. Ein von der Behörde bestellter Jurist übernahm für die Zwecke des Verfahrens gegen das Mädchen, das natürlich „nur zu ihrem eigenen Besten“ stattfand, die Rolle des Vormunds. Das Urteil ist rechtskräftig, das oben erwähnte deutsche Skandalurteil einstweilen noch nicht.

Die Unwiderruflichkeit einer Zwangssterilisation hat in England immerhin größere Empörung ausgelöst als das an andere Zeiten erinnernde bundesrepublikanische Urteil. Die Verachtung für die Freiheit des einzelnen Menschen haben beide miteinander gemein, ebenso, daß in beiden Fällen die Richter vermutlich glauben, aus den besten erdenklichen Gründen zu ihrem Spruch gelangt zu sein.

Es scheint, daß die Empörung in England zu spät kommt. Das Mädchen, von dem es heißt, es habe ein geistiges Alter von ungefähr fünf Jahren (eine Definition, die übrigens nach Mei-

Die Sterilisation eines geistig

behinderten 17jährigen Mädchens hat das