Von Benjamin Henrichs

Gestern noch hatten auf dieser Bühne, der Burgtheaterbühne, die Könige und die Prinzen regiert, die Menschen und die Menschendarsteller; hatte Richard nach einem Pferd gebrüllt und Hamlet vom Nichtsein gesungen. Und als die Prinzen und Könige geschlachtet waren, war der Vorhang gefallen und waren die Leute zufrieden nach Hause gegangen.

Heute abend ist die Bühne am Anfang und am Ende menschenleer; gehört sie den Geräuschen, den Klängen, den (verzauberten) Gegenständen. An eine Fahnenstange schlägt eine Eisenschnur, vom Winde bewegt. Ein riesiger Schmetterling kriecht langsam über den Bühnenboden, einer Sonnenuhr entgegen. Das Skelett eines Fisches und der Schädel eines Stieres ziehen gemächlich ihre Bahn. Eine große und eine winzige Steinkugel und eine hölzerne Schneiderpuppe verharren reglos an ihren Plätzen. Wind heult, Hunde jaulen, eine Streichermusik spielt. Wenn der Schmetterling die Sonnenuhr erreicht hat, schiebt sich von links eine Wand herein, senkt sich von oben ein Vorhang.

Kein König stirbt, kein Prinz geht zugrunde. Dabei sind wir im Wiener Burgtheater, wo doch immer noch die Könige am schönsten sterben, die Prinzen am edelsten zugrundegehen sollen. Doch heute abend ist das ganze Theater verwandelt, verwunschen – wenn der große Schmetterling nach 150 Theaterminuten endlich auf der Sonnenuhr sitzt, ist eines der wundersamsten Schauspiele der letzten (wunderarmen) Zeit vorüber. Sein Titel ist so rätselhaft und so erlesen wie das ganze Spektakel: "Metamorphosen des Ovid oder Die Bewegung von den Rändern zur Mitte hin und umgekehrt."

Die Autoren des Abends heißen Achim Freyer, Dieter Schnebel, Urs Troller – wobei man der Einfachheit halber wohl behaupten darf, daß Achim Freyer der Bilderdichter, Dieter Schnebel der Tonsetzer und Urs Troller der Dramaturg (in des Wortes edelster Bedeutung) gewesen ist.

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Bewegt man sich nun vom Ende des Schauspiels über die Mitte hin zu dessen Anfang, so sieht man scheinbar das schon bekannte Bild: die klappernde Fahnenstange, Schmetterling und Sonnenuhr, Stier und Fisch, Kugel und Kugel. Doch die Musik ist jetzt, am Anfang, noch keine Musik, sondern ein leises, fernes Hämmern, wie ein Herzschlag. Über den Lautsprecher zählt eine Männerstimme gleichmütig die Minuten.