Berlin

Berlin-Kreuzberg. Schon der Blick auf den Stadtplan zeigt, der Bezirk „Südost“, kurz SO 36 genannt, ist bei der Verteilung der Grünflächen zu kurz gekommen. Dafür hat das ungezügelte Spekulantentum Spuren hinterlassen. Was nicht bebaut wird, liegt brach. Was brachliegt, verkommt über kurz oder lang zur Müllhalde.

Auf einer solchen Müllkippe – damals wie heute im Besitz einer Wohnungsbaugesellschaft – entstand 1981 ein „wilder“ Bauernhof. Ein gutes Dutzend Schweine, Ziegen, Schafe und diverses Kleinvieh nagten seitdem die spärlichen Halme zwischen Autoreifen, Ölfässern und anderem Gerümpel, argwöhnisch beäugt allenfalls von den Grenzern jenseits der Mauer.

Das ungenehmigte „Bestiarium“ am Leuschnerdamm zwischen Bethanien und Gewerbehof wurde sehr schnell zum Anziehungspunkt für die Kinder aus dem Kiez. Sie fütterten die Tiere, legten Musterbeete an und pflanzten Gemüse, wie dies schon die Trümmerfrauen nach dem Krieg taten. Die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) tat einiges dazu und ließ seltene Bäume, gestiftet vom Botanischen Garten, anpflanzen. Aus dem „Fink-Topf“ des Sozialsenats wurden anderthalb Mitarbeiterstellen finanziert.

Doch die ungewöhnliche Maueridylle hielt keine sechs Jahre. Da passierte etwas, was für Kreuzberg nun schon traurige Realität geworden ist. Seit Jahren benötigte man im sogenannten Blockinnengebiet eine Kindertagesstätte, in der sozialen Kürzelsprache nur KITA genannt. Nachdem man sich lange Zeit vergeblich um andere Objekte bemüht hatte, kam schließlich nur noch eine Fläche in Frage: das Ackergelände des Kinderbauernhofes an der Mauer – Kinderinteressen contra Kinderinteressen. Der Konflikt spitzte sich noch weiter zu, als die Alternative Liste/Kreuzberg (AL), um das Bündnis mit der SPD zu erhalten, für den Neubau unter allen Umständen stimmte, die Gesamt-Partei indessen dagegen, wenn dieser sich nur mit Polizeimitteln durchsetzen ließe.

Die „Kinderbauern“ wehrten sich. Sie befürchteten, als „alternativer Rest-Zoo“ von der KITA schließlich ganz vereinnahmt zu werden. Baustadtrat Orlowsky von der AL möchte dagegen beide Gruppen in einer „Kinderlandschaft“ an der Mauer integrieren. Kein Betonbau soll entstehen, sondern eine „Holzranch im Stil der Ponderosa“, so Orlowsky.

Am 26. März war nach vielen vergeblichen Verhandlungen Ende der Debatte. Als Sympathisanten des Kinderbauernhofs Bauarbeiter am Betreten des umstrittenen Geländes hinderten, beantragte das Bezirksamt die polizeiliche Räumung. Behutsames Vorgehen war auf Seiten der Behörden zugesichert. Gewaltfreien Widerstand wollten die Besetzer leisten.