Muß ich denn jetzt auch noch die vielen Fragen nach dem Warum, Wieso, Weshalb beantworten?" Der Galerist Raimund Thomas, der ein schönes altes Haus in der Münchner Altstadt zu einem Platz für Ausstellungen umbaute und es jetzt mit einer Vorstellung seiner eigenen Sammlung eröffnete, beantwortet die unvermeidlichen Fragen trotz des Stoßseufzers kurz, poetisch und auch gleich schriftlich. Im Katalog, rund hundert prächtigen Farbabbildungen und Künstlerbiographien vorangestellt, können es alle Fragenden nachlesen: "Es war 1982, als ich es nicht fertig brachte, einige Bilder weiterzuverkaufen... Bald waren drei Wohnzimmerwände vom Boden bis zur Decke von nur drei Bildern ausgefüllt ... Die Augen waren geöffnet und das Herz empfänglich. So blieb es nicht aus, daß ich plötzlich überall Bildern und Skulpturen begegnete, die zu mir wollten... Nun stehe ich da vor einem Berg von Objekten, Skulpturen, Bildern, die so groß sind, daß es keinen Platz für sie gibt." Und da mietete Raimund Thomas eine alte Papierfabrik und baute sie für eine Million Mark um, damit alle die Bilder und Skulpturen, die zu ihm wollten, ein Heim hätten.

Bevor wir jetzt das Märchenbuch der Postmoderne wieder zuschlagen, gibt es aber doch noch ein paar Details aus der Realität nachzutragen. Raimund Thomas, der im Jahr 1964 eine Galerie für die klassische Moderne eröffnete und sich bald auf die Kunst des deutschen Expressionismus spezialisierte, hat über die Jahre hinweg nicht nur ein Renommee aufgebaut, sondern ganz offensichtlich auch ein nicht unbeträchtliches Kapital angesammelt. Wie sonst hätte er vom Galeristen zum Sammler, zum Ausstellungsmacher in (fast) eigenen Räumen werden können – eine Aktivität, deren Kalkulation, wie er selber sagt, "von der Galerie getragen" wird.

Wobei auch gerade die Kunst, die ihm so ans Herz und über die Zimmerwände hinausgewachsen ist, die expressive Malerei der achtziger Jahre nämlich, dazu beigetragen hat, daß der gutverdienende Galerist jetzt zum Ausstellungsausrichter wurde.

Über drei Stockwerke und insgesamt 1500 Quadratmeter verteilt besetzen im "A 11" Art Forum" zur Zeit vor allem die Italiener der "Transavangardia" (Cucchi, Chia, Paladino, de Maria) und die der Berliner "Wilden" (Fettig, Middendorf, Salome, Zimmer) die Wände, die sie, direkt oder indirekt, auch mit angeschafft haben. Und der Galerist, der zum Sammler und Ausstellungsmacher wurde, ist auf diesem Umweg schließlich auch zum subkutanen Mäzen geworden. Er hat der Kunst einen öffentlichen Raum geschaffen: mit ihren und seinen Mitteln.

Einzelausstellungen wichtiger Künstler des 20. Jahrhunderts sollen hier in Zukunft ebenso gezeigt werden wie Studio-Ausstellungen; ein Atelier für Gast-Künstler wird eingerichtet, in der eben Etage werden in einem Schauraum auch Galeriebestände gezeigt – das eine oder andere Objekt, so heißt es, könnte ja auch Kauflust wecken, warum nicht.

Privates Engagement für die Kunst mit öffentlichen Dimensionen – erst allmählich entfaltet sich auch im Land der total subventionierten Kultur die eine oder andere Initiative: Hier und da gibt es eine Ausstellung (wie zum Beispiel kürzlich in Hamburg vom "Verein Neue Kunst in Hamburg"), in Berlin wurde im vergangenen Jahr ein Käthe-Kollwitz-Museum eröffnet (auf Initiative und weitgehend ausgestattet durch die Galerie Pels-Leusden), und jetzt gibt es das "A 11 Art Forum" von Raimund Thomas, das in Zukunft auch für Gastinszenierungen anderer Ausstellungsmacher zur Verfügung stehen soll.

Wird der Staat durch diesen privaten Elan aus seiner Pflicht entlassen? Das Gegenteil sollte wahr werden. Für die Kunst wird vom Staat ein verschwindender Bruchteil dessen ausgegeben, was für Theater und Oper verpulvert wird. Die Privatinitiativen für die Kunst machen die Defizite des Staates nicht vergessen, sondern nur sichtbarer, deutlicher. Sie sind keine Entlastung, sondern eine Herausforderung. Petra Kipphoff