Noch im Januar dieses Jahres hat Eugen Jochum, 84 Jahre alt, ein Konzert dirigiert. Wer nahm davon noch Notiz? War es falsch, ihn aus den Augen zu verlieren? Hatte er sich denn nicht, vor allem mit seinen bahnbrechenden Bruckner-Interpretationen, ein Lebenswerk geschaffen, das die Zeiten überdauern wird?

Daß er Stockhausen und Kagel nicht mochte („Das widerspricht allen meinen Vorstellungen von Musik“), Henze indes schon näher stand („obwohl ich von ihm nicht alles gut finde“), dürfte ihm kaum jemand verübelt haben, es sei denn, die Betroffenen selber. War Eugen Jochum erzkonservativ? Ganz sicher, auch wenn ihm hoch anzurechnen ist, daß es ihm als einem der wenigen Dirigenten in Deutschland im Dritten Reich gelungen war, die Nazi-Verbote zu unterlaufen und die „entarteten“ Werke von Bartók, Hindemith und Strawinsky aufzuführen.

Schließlich war christlicher Bekennermut dem am 1. November 1902 in Babenhausen, in der Nähe von Augsburg als Sohn eines Lehrers und Organisten geborenen Jochum gleichsam anerzogen. Wie die beiden Brüder Otto und Georg Ludwig, die sich wie er als Musiker einen Namen machten, blieb auch Eugen Jochum im weihrauchgesättigten Katholizismus barock-süddeutscher Prägung verwurzelt. Nach ersten Engagements in Mönchengladbach, Kiel, Lübeck, Mannheim und Duisburg, wo er früh mit Bruckner Aufsehen erregt hatte, kam er 1932 nach Berlin. Er wurde dort Leiter der Sendung „Funkstunde“, Gastdirigent der Philharmoniker und Generalmusikdirektor der Städtischen Oper. Zwei Jahre später berief ihn Hamburg zum Chef der Philharmoniker und der Staatsoper. In der Tradition ihrer großen Vorgänger – von Bülow, Levi, Mottel, Mahler, Muck, Weingartner, Klemperer und Böhm – trat er dieses Amt mit Wagners „Lohengrin“ und Bruckners „Fünfter Sinfonie“ an.

Fünfzehn Jahre dauerte die Hamburger Tätigkeit (1934–1949), in der sich die Ensembles beider Häuser zum Philharmonischen Staatsorchester zusammenschlössen. Für den Aufbau des Rundfunkorchesters in München brachte er (1949) von der Alster optimale Erfahrungen mit: Das Symphonieorchester des BR zählt heute zu den besten in der Bundesrepublik. Nur zweimal übernahm Eugen Jochum nach der Demission (1960) neuerlich Chefpositionen, beim Concertgebouw Orchester in Amsterdam und bei den Bamberger Symphonikern. Im übrigen blieb er ein international gefragter Reisedirigent, den es neben vielen Konzertverpflichtungen immer wieder in den Orchestergraben der Oper zog.

In seinem relativ eng begrenzten Konzertrepertoire (Klassik, Romantik und Bach-Oratorien) wurde Bruckner immer deutlicher sein Hauptthema. Als erster hat Eugen Jochum dessen „Neun Sinfonien“ komplett auf Schallplatten eingespielt (in München), in jüngerer Zeit noch einmal mit der sächsischen Staatskapelle in Dresden. Sein Bruckneridiom entbehrte des Aristokratischen – wie bei Klemperer – und neigte oft zum katholisch Liturgischen. Andachtsvoller Stimmungszauber stand häufig der klaren Disposition der Brucknerschen Großarchitektur im Wege. Was Wunder, daß für Bruckner heute andere Namen genannt werden, Carlo Maria Giulini etwa, Sergiu Celibidache, auch Günter Wand. Dennoch – die Pioniertat fällt Eugen Jochum in höchster Anerkennung zu. Mit Beharrlichkeit hatte er sich für den Linzer Komponisten eingesetzt, als viele andere seines Faches damit eher einen Karriereknick befürchteten. Von den großen deutschen Dirigenten alter Tradition war er der letzte.

Peter Fuhrmann