Von Ulf Fink

Das größte demographisch bedingte Problem der Zukunft wird die Versorgung der wachsenden Zahl älterer Menschen mit sozialen Diensten sein. Die Probleme in diesem Bereich sind viel schwieriger zu lösen als die im Rentenbereich, weil es hier nicht um Finanzzuweisungen geht, sondern um das Mittun von Menschen. Es geht – technisch formuliert – um das demographisch bedingte Defizit an sozialen Dienstleistungen, die durch den Bevölkerungsrückgang entstehen wird.

Die entstehende Versorgungslücke der älteren Generation zeigt sich an der Entwicklung des Anteils der Ein-Personen-Haushalte. Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte an der Gesamtzahl der Haushalte im Bundesgebiet stieg von 19,4 Prozent im Jahre 1950 auf 33 Prozent im Jahre 1985. Lebte 1950 nur jeder Fünfte allein, so war es 1985 bereits jeder Dritte. In großen Städten sind es bereits 40 Prozent und in Berlin sogar 53 Prozent der Menschen. In der Zahl der Ein-Personen-Haushalte drückt sich nicht nur eine veränderte Wertorientierung der Jüngeren aus, sondern auch der veränderte Bevölkerungsaufbau. Durch den Bevölkerungsrückgang wird sich dieser Trend noch verstärken.

Heute wird die Tatsache des Alleinlebens sehr häufig noch dadurch gemildert, daß die Älteren sehr viel Kontakt mit ihren Kindern haben, weil diese in der Nähe wohnen, oft sogar um die Ecke. In ganz besonderem Maße gilt dies natürlich für ländliche Gebiete.

In Zukunft jedoch wird das hier statistisch erfaßte Phänomen noch stärker wirksam werden. Denn: Wenn keine Kinder mehr da sind, können sie auch nicht in der Nähe wohnen. Die Brisanz des Problems, das sich aus der erhöhten Zahl der Ein-Personen-Haushalte ergibt, wird dann in voller Wucht spürbar.

Was heute in den Familien umsonst und selbstverständlich geleistet wird, wird künftig zum Problem. Die Leistungen der Familie haben keinen Preis, aber einen Wert. Ich meine damit zum Beispiel die emotionale Wärme, die Menschen, wie alle Umfragen zeigen, in der Familie in einem ungleich höheren Maße finden als in anderen Institutionen. Ich meine damit aber auch das gesamte Feld der sozialen Dienstleistungen in der Familie. Die starke emotionale Bindung der älteren Generation an die Kinder, an die Familie, wird durch zahlreiche empirische Befunde belegt.

Eine repräsentative Emnid-Untersuchung von 1984 („Lebensbedingungen und Bedürfnisse älterer Menschen“) belegt die große Bedeutung der Familie. Bei der Frage nach der Vertrauensperson („Mit wem sprechen Sie, wenn Sie einmal Kummer und Sorgen haben?“) stehen die eigenen Kinder unangefochten an der Spitze. 54 Prozent der über 60jänrigen (49 Prozent der Männer, 57 Prozent der Frauen) nennen sie als Ansprechpartner, weitere 26 Prozent nennen andere Verwandte. Nur 13 Prozent geben an, sich in einer kritischen Situation an Bekannte oder Nachbarn zu wenden.