Von Ulrich Horstmann

Früher waren die Seher blind, und man konnte ihnen schon aus diesem Grund ohne Schwierigkeiten aus dem Wege gehen. Heutzutage machen wir denselben Bogen, weil das Zweite Gesicht mit so abstoßenden Deformationen, mit solch monströsen Entstellungen einhergeht, daß wir sein Opfer – und nur diese Bezeichnung ist angemessen – am liebsten ganz aus der menschlichen Gesellschaft entfernten. Ein derart von seinen Visionen Gezeichneter war Albert Caraco, der von sich sagt: "Ich habe die Liebe zurückgewiesen, um mich selbst nicht herabwürdigen zu müssen", und der auch seine Leser mit allen Mitteln daran hindert, ihm mit ihrem Mitgefühl und ihrer Sympathie zu nahe zu kommen.

"Meine Mission ist, dem Antichrist die Wege zu bahnen!" So tönt eine der Aussätzigenklappern, die er unablässig bedient, und eine andere, nicht minder zurück- und abstoßend: "Ich habe gewählt, Philosoph zu sein, und als solcher unterstütze ich meinen eigenen Tod, ich betreibe die Verachtung des Lebens, der Frauen und der Liebe berufsmäßig, ich hasse mein Geschlecht, und das einzige Band, das mich mit der Welt verbindet, ist die Erwartung meines Ruhms".

Warum aber werden die, die ein Gespür für Kommendes besitzen, zu psychischen Wracks und Menschenruinen, zu Unreinen der Reflexion und zu Selbstmördern? Warum verabschieden sie sich wie Caraco, der 1971 unmittelbar nach dem Tod seines Vaters – und Geldgebers – Hand an sich legte, mit einer kaum getarnten Verwünschung auf den Lippen: "In Paris zu sterben scheint insofern ein Privileg zu sein, als man nichts findet, was man vermissen müßte, weder die Luft noch das Wasser, weder den Boden noch die Menschen. Ich schulde dieser Stadt, die das Ende so begehrenswert macht, großen Dank"? Weshalb arbeiten sie bis zum letzten Atemzug denen in die Hände, die sie verkleinern, totschweigen, ausstreichen möchten? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Die Zukunft prägt wie die Herkunft, und die wenigen, denen sie Zutritt gewährt, verwandeln sich inmitten der heraufdämmernden Ungeheuerlichkeiten selbst in Ungeheuer. Ihre Bücher sind umgekehrte Fossilien, Relikte aus der Nachgeschichte, verstrahlt und verpestet, weshalb sie nach Maßgabe der um das öffentliche Wohl Besorgten in den Giftschrank gehören.

Jeder Gutachter der Bundesprüfstelle hätte so bei Albert Caracos "Brevier des Chaos" leichtes Spiel. Er brauchte nur aufzuschreiben, was der Autor ihm in die Feder diktiert: "Man wird mir vorwerfen, auf die Katastrophe zu bauen und sie als Voraussetzung für die Wiederherstellung dieses Universums anzusetzen; man wird mir sagen, ich sei nicht sozial, man wird mir vorwerfen, die Opferung der Massen zu wünschen und sie für notwendig zu halten. Man wird mir sagen, ich sei inhuman, weil mir das Leben einiger Milliarden Insekten gleichgültig ist und ich die Entvölkerung der Ökumene predige; man wird mir sagen, ich sei ohne Moral." Beweismaterial für die Straftatbestände der Gotteslästerung, Volksverhetzung und Gewaltverherrlichung findet sich auf jeder zweiten Seite dieses Traktats, und ich will die Entdeckerfreude amtlicher Rezensenten nicht schmälern, indem ich ihnen die Arbeit abnehme.

Juristische Schritte wird sie allerdings nicht zeitigen, denn der, der in seinem Buch die "Pflicht zu schänden" propagiert und allein noch zu duldende "eugenische Familien", der die Welt nur "auf dem Grab der verdammten Massen" neu errichten zu können glaubt, hat sich sein Rederecht als Mitglied eines geschändeten und in Massengräbern verscharrten Volkes teuer erkauft.

Arbeiten für den Krieg

Caraco war Jude, den es im Verlauf der Fluchtbewegungen nach Brasilien, Argentinien und Uruguay verschlug, ohne daß er seiner ethnischen Identität entkommen wäre. Vielmehr notiert er rückblickend: "Jude von Geburt und lange Zeit unzufrieden damit, es zu sein, finde ich mich jetzt damit ab und breche einige Lanzen für dieses Volk."

Solches Eingeholtwerden und Eingeholtsein von Geschichte imprägniert Caracos Visionen gegen die üblichen Verunglimpfungen jener Lüstlinge des Fortschritts, die ihre Verzücktheiten mit niemanden teilen wollen und dem weltanschaulichen Gegner bekanntlich auch noch die karge und bittere Lust am Untergang neiden. Schließlich haben Caracos Prophezeiungen das Gewicht des schon teilweise Durchlittenen, und diese Erfahrung hat sie wohl überhaupt erst ermöglicht, denn der Holocaust der Juden ist ihm nur Vorspiel und Vorwegnahme der weltweiten Apokalypse. Sie gilt es philosophisch auszuloten, und weil Caraco mit den Augen eines Überlebenden sieht, erscheint ihm auch die Gegenwart aus der Perspektive der "Enkel der Katastrophe": "Wir werden dann wie bösartige Irre erscheinen, unsere Götter wie Monster, unsere Dogmen wie Abscheulichkeiten und unsere Grundsätze wie Alpträume, man wird sich fragen, ob wir nicht Besessene waren, und das zu Recht, denn man muß besessen sein, um vor dem, was wir vergöttern, zu kriechen".

Die Generation der Kindeskinder, so sie noch existiert, wird mit dem dann zur Vorgeschichte abgesunkenen präapokalyptischen Heute allein noch im Sprachgestus des Fluchens und Verfluchens kommunizieren können, und auch Caraco verfügt – im Gegensatz etwa zu Cioran – nur über dieses eine, allerdings virtuos gehandhabte Register. Darin brüllt, schreit und geifert er uns Unbelehrbaren die Wahrheit ins Gesicht: "Das Jahrhundert ist dem Tode geweiht, und der Tod ist über uns. Wir wissen schon nicht mehr, wohin mit unseren Waffen, die Gebäude reichen uns nicht mehr aus, schon höhlen wir die Berge aus, und in den Eingeweiden der Erde liegen unsere Todeswerkzeuge aufgehäuft. Unsere Ökumene scheint die Waffenkammer zu sein, und zu Abermillionen arbeiten die Menschen für den Krieg. Es ist zu spät, die Geschichte hält nicht mehr an, und ihre schiefe Ebene verbietet uns, irgendeine Verlangsamung zu erhoffen, wir gehen in die planetarische Katastrophe, und die Welt ist voller Leute, die sie wünschen."

Milliarden von Schlafwandlern

Es ist das Denk-Utensil Nietzsches, der die Werte umschmiedende Philosophenhammer, den der von sich selbst und seiner Umwelt angeekelte Gnostiker Caraco wieder und wieder auf die Köpfe herabsausen läßt – allerdings im Gegensatz zu seinem Vorgänger ohne die Hoffnung, damit unserer Halsstarrigkeit und Verstocktheit beikommen zu können. Dazu sind wir alle schon zu sehr Komplizen, zu sehr disponible Masse. "Der Wille zum Tod beherrscht unsere Lebenswut", heißt es zu Beginn des "Breviers", und es gibt wohl keinen zeitgenössischen Denker, der ein feineres Gespür hätte für die nie eingestandene, unterschwellige Kollaborationsgier, mit der die Gattung auf ihr Ende zuarbeitet und zuzeugt. "Das System", schreibt der Autor, "bereitet methodisch und unter Einhaltung der Disziplin, die es uns predigt, seine Auflösung vor", und der Optimismus seiner Repräsentanten liefert die nötigen Sedativa, damit wir "ruhigen Schrittes" auf das Chaos zusteuern können, "vom Schlaraffenland träumend, das die Wissenschaft uns und unseren dreißig Milliarden Kindern bescheren wird".

Das Zwanghafte, der Automatismus der Zurüstung zum Tode, die – fast möchte man sagen – Instinktsicherheit des kollektiven Endspiels wird von Caraco auf zweierlei Weise erklärt. Zum einen durch die schon von Arthur Koestler gezeigten verhängnisvollen Konsequenzen unserer Begeisterungsfähigkeit für hohe und höchste Ideale, die eben als "Instinktsurrogate" fungieren. Sie gestatten es uns, unsere Massaker und Gemetzel mit einem Heiligenschein zu umgeben und uns gerade dann unserer Menschlichkeit am gründlichsten zu entkleiden, "wenn wir uns am achtbarsten und selbstlosesten fühlen". Kein Krieg ist um so niedriger Beweggründe wie Habgier oder Rachsucht willen vom Zaun gebrochen worden, sondern es ging immer um reinzuhaltende oder reinzuwaschende Werte wie Vaterlandsliebe, Ehre und Mannhaftigkeit. Und für den ultimativen Waffengang wird man denn auch die ultimativen Begründungen bemühen, und die Raketensilos werden sich leeren zur Aufrechterhaltung der Menschenwürde, Errichtung des ewigen Friedens und zur globalen Beglückung aller ideologisch Verirrten.

Caracos fluchende Widerrede richtet sich aber nicht nur gegen eine Welt, die "von Tugenden überquillt" und sich gerade durch ihre Tugendhaftigkeit und Gutgläubigkeit zugrunde richtet, sondern grundsätzlicher noch gegen ein anderes Gewimmel, das von unseresgleichen nämlich, das er zur zweiten und tiefsten Wurzel allen Übels erklärt: "Diese Milliarden von Schlafwandlern sind schuldig, weil sie zahllos sind. Was kümmert uns das Nichts dieser Sklaven? Keiner rettet sie, alles bereitet sich darauf vor, sie in die Nacht hinabzustoßen, sie wurden in zufälligen Paarungen gezeugt, dann kamen sie wie Backsteine zur Welt, die ihre Form verlassen, und da sind sie nun, gerade Reihen bildend, deren Lagen sich bis zu den Wolken erheben. Sind das Menschen? Nein. Die Masse der Verdammten setzt sich nie aus Menschen zusammen."

Über Sätze wie diese – sie sind, wie gesagt, kein Einzelfall – entrüstet den Stab zu brechen und das Buch zuzuschlagen, ist leicht und ehrenwert. Besser aber wäre es, standzuhalten und dem, der da aus dem Blickwinkel der Nachgeschichte sein pereant über uns spricht, das zu entgegnen, was wir zu unserer Verteidigung vorzubringen haben. Zum Beispiel die Tatsache, daß es neben der Außen- auch noch eine Innenperspektive gibt, die die Backsteine in Menschenkinder verwandelt. Diese einzelnen und Vereinzelten aber sind nicht hassens-, sondern bemitleidenswert, und zwar gerade deshalb, weil sie sich der Vereinnahmung durch das Zwangsaggregat Menschheit nicht entziehen können, das in der Tat das Fürchten lehrt. Wir sind als Gesellschaftswesen alle zugleich zähneknirschend und notgedrungen Legion, und das wird sich auch in der vernarbenden postapokalyptischen Welt nicht ändern, die Caraco manchmal verlockend vor uns aufblitzen läßt. "Mit hundert Millionen Menschen würde die Erde zum Paradies" – das glaube, wer will! Der Ausstieg aus der Geschichte, die Wiederkehr des "archaischen Menschen", die Umwälzung der Familie und die Neuerrichtung des Matriarchats, jede dieser annoncierten Revolutionen wird der alte Adam – und die alte Eva – ebenso unbeschadet überstehen wie die vorgängigen Umwälzungen.

Nein, das Heil ist uns nicht zugänglich, und kein Megatod, Holocaust, Genozid, kein äußerstes Unheil also, wird es herbeizwingen. Daran ändern selbst Propheten nichts, die denn auch in Wahrheit immer nur dem real existierenden Unglück die Maske vom Gesicht gerissen haben und darüber wie Caraco zu Parias wurden: "Angesichts unserer Gauklerregenten, angesichts unserer Mitra-geschmückten Hochstapler und unserer Gelehrten, von denen die meisten das Mannesalter nicht erreichen, spreche ich einsam und unbekannt, Prophet meiner Generation, lebendig in Schweigen eingemauert, statt verbrannt zu werden, die unsagbaren Worte aus." Ihr Fluch ist mit dem Verfluchtsein bezahlt, denn anderen den Spiegel vorhalten kann wohl nur der, der die Reflexion der eigenen Fratze nicht mehr fürchten muß.

Caracos "Brevier" ist diesem Titel zum Trotz kein Buch zum Nachbeten, sondern eine Handreichung für Ungläubige. Nicht der Stein der Weisen ist darin zu entdecken, wohl aber Steine des Anstoßes zuhauf. Daß nicht einmal daraus Barrikaden gegen das Kommende zu errichten sind, hat Günther Anders mit unserer Apokalypse-Blindheit zu erklären versucht. Und Caraco öffnet uns auch dafür die Augen: "Dabei ist schönstes Wetter, und meine Herren Verdammten seufzen vor Behagen, die Kälte weicht, und die Nachtigallen kommen."

Albert Caraco:

"Brevier des Chaos"

Aus dem Französischen von Isabel Matthes; Matthes & Seitz Verlag, München 1986; 164 S., 32,– DM