Rastatt

Rastatts Oberbürgermeister Franz J. Rothenbiller ist außer sich: „Wir sind doch keine Wilderer hier!“ In Rage versetzt haben ihn Bedenken des Umweltministeriums in Bonn gegen die geplante Industrieansiedlung der Firma Daimler-Benz im Westen von Rastatt. Der Oberbürgermeister sieht seine „Sorge und Sorgfalt im Umgang mit ökologischen Fragen“ in Mißkredit gebracht: „Als mache man sich keine Gedanken, bevor man sein liebstes Kind hergibt.“

Das „liebste Kind“ ist ein 170 Hektar großes Areal zwischen Stadt und Rheinauen. Die Hälfte der Fläche ist als Industriegebiet ausgewiesen; dort steht seit Anfang der siebziger Jahre ein Getriebewerk von Daimler-Benz. Die andere Hälfte liegt auf einem Gelände, das der Regionalplan als von „höchster ökologischer Bedeutung“ einstuft und das das Regierungspräsidium Karlsruhe zum Landschafts- und Naturschutzgebiet erklären wollte – eigentlich.

Ausgerechnet im Europäischen Naturschutzjahr 1987, ausgerechnet hier will Daimler-Benz ein Montagewerk für Personenwagen errichten. 7000 Arbeitsplätze verheißt der Konzern und hat damit einen hohen Trumpf in der Hand. Auch wenn ein Teil der Arbeitsplätze möglicherweise nur der Umverteilung von Arbeitskräften dienen wird.

Bereits 1990 soll das Werk in Rastatt den Betrieb aufnehmen, bis 1995 verspricht sich Daimler-Benz eine Steigerung der Produktion auf 375 Wagen am Tag und sieht langfristig sogar tausend Karossen täglich vom Fließband rollen. „Sollte der Produktionsbeginn nicht zeitgerecht erfolgen können“, heißt es in einer Informationsbroschüre des Konzerns, „dann müßte auf einen anderen Standort zurückgegriffen werden.“ Die Drohung wirkte, auch wenn der stets als Alternative gehandelte Standort Bremen, wie Pressesprecher Klaß einräumt, wegen mangelnder Ausbaufähigkeit langfristig gar nicht in Frage kommt.

Im März 1986 erhielt der Gemeinderat Rastatt erste Informationen über das Projekt. Im April beschloß er die Änderung des Flächennutzungsplans und bestätigte diese Entscheidung drei Monate später. Nur Grüne und einige wenige SPD-Abgeordnete stimmten dagegen. Das Land sagte Investitionshilfe zu. Die „Bewilligungsmaschinerie“, wie es die Naturschützer nennen, war in Gang gesetzt.

Im Oktober beschloß der Regionalverband Mittlerer Oberrhein, den Regionalplan zu ändern. Im Mai dieses Jahres wird möglicherweise als einer der letzten Schritte die „Planfeststellung“ folgen. Dabei müssen auch Naturschützer gehört werden. Volker Späth, Forstwirt am Auen-Institut des World Wildlife Fund in Rastatt, mißt diesem Termin allerdings nur noch „kosmetische Bedeutung“ zu. Der das Projekt ablehnende SPD-Abgeordnete Gunter Kaufmann hält die „politischen Vorgaben“ für so konkret, „daß innerhalb des Verfahrens kein Spielraum mehr besteht“.