Von Wolf Schäfer

Das ausgehende 20. Jahrhundert gerät in den Bann der Jahrtausendwende. Aber die Epochenschwelle liegt nicht vor, sondern hinter uns. „Art einem nicht näher gekennzeichneten Punkt in den letzten zwanzig Jahren haben wir uns unbemerkt aus dem Zeitalter der Moderne heraus- und in eine neue, vorläufig noch namenlose Ära hineinbewegt“, schrieb Peter F. Drucker 1957. Er behalf sich mit dem Arbeitstitel „postmodern“. Dabei ist es offenbar geblieben. Der Geist der Zeit trägt den Familiennamen Moderne und hört auf den Rufnamen Post.

Wie der römische Janus blickt der Zeitgeist der Postmoderne in Vergangenheit und Zukunft zugleich. Er sieht: das Projekt der Moderne hat uns nicht das Heil einer triumphalen Aufklärung gebracht, sondern ist jederzeit durch das in der Dialektik der Aufklärung antizipierte „triumphale Unheil“ beendbar. Experimentelle Wissenschaft und industrieller Fortschritt, die großen Projekte der Moderne, drohen fehlzulaufen; aufklärende Kritik und partizipatorische Demokratie sind unvollendet; die Zeitgenossen der Postmoderne fragen sich, wie sie die „ins Schleudern geratene Moderne“ (Habermas) unter Kontrolle bringen sollen.

Der Januskopf der Postmoderne wendet sich von der Moderne ab und hat sie doch gleichzeitig im Blick. Wie es zu diesem Doppelgesicht gekommen ist, erläutere ich in drei Schritten.

1. Dialektik des Fortschritts

Der Fortschritt ist eine Errungenschaft der frühmodernen Wissenschaft und damit des Zeitalters der Moderne selbst. Er hat sich mit einigen der extravagantesten Phantasien unseres utopischen Erbes verbunden. Während der englischen Revolution kämpften die Diggers und Levellers tapfer für die soziale Emanzipation, die Ranters und Seekers für die sexuelle Befreiung und die mathematischen und experimentellen Philosophen für unsere Herrschaft über die Natur.

Freilich: Die technologische Kompetenz der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts entsprach in keiner Weise den utopischen Träumen, die ein Francis Bacon inspiriert hatte und ein René Descartes auf den Begriff brachte, als er den männlichen Teil der Menschheit zu „Herren und Eigentümern der Natur“ erhob. Erst in den darauffolgenden Jahrhunderten wurden die frühmodernen Phantasien moderne Realitäten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab der bemerkenswerte Fortschritt der materiellen Künste Anlaß zu vergleichenden Analysen von stationären und dynamischen Zivilisationen, von orientalischer Pracht bzw. Großartigkeit auf der einen Seite und okzidentaler Macht bzw. Ingeniosität auf der anderen.