Die Notiz, die durch die Zeitungen ging, war ebenso kurz wie sensationell: Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ wird jetzt in der Sowjetunion erscheinen, zunächst als mehrteilige Fortsetzung in der Zeitschrift Nowij Mir, danach als Buchausgabe. Aber noch sensationeller mag sein, daß diese Notiz zum ersten Mal in der Prawda gedruckt wurde und nicht in der Literaturnaja Gaseta – was im Westen bisher niemand beachtet hat. Es läßt darauf schließen, daß die Publikation des seit dreißig Jahren verfemten Romans offensichtlich von politischen Stellen angeordnet wurde, wahrscheinlich sogar direkt vom Politbüro, und zwar über die Köpfe des Schriftsteller-Verbands hinweg.

Denn dort sitzt immer noch – ganz im Gegensatz etwa zum Verband der Filmschaffenden, der sich kürzlich einen neuen Vorstand und als neuen Vorsitzenden Elem Klimow gewählt hat, der die jahrelang verbotenen oder unter Verschluß gehaltenen Filme nach und nach freigibt – die alte Betonfraktion unter Karpow, und einige der Funktionäre waren schon damals dabei, als der Verband unter dem Vorsitzenden Alexej Surkow eine beispiellose Hetzkampagne gegen Pasternak entfachte, die damit endete, daß Pasternak – wie erinnerlich – den Nobelpreis zurückgeben mußte.

Kein Buch nach dem Tode Stalins hat die Wut der Literatur-Funktionäre so herausgefordert wie der „Doktor Schiwago“. Das ist im Grunde weder politisch noch literarisch zu verstehen. Denn es hat davor und vor allem danach Bücher gegeben, die den Sowjet-Kommunismus heftiger attackierten, so etwa Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ oder Dudinzews „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ oder Wladimows „Der Hund Ruslan“. Pasternaks „Schiwago“ wurde für die herrschende Literatur-Bürokratie zum Trauma. Denn bald stellte es sich heraus: da wurde nicht nur ein systemkritisches Buch abgelehnt, sondern ein Meisterwerk, ja, vielleicht der bedeutendste Roman der in russischer Sprache geschrieben wurde seit Dostojewskij, Tolstoij und Bjelyj. Dieser Roman degradierte einfach durch sein Vorhandensein vierzig Jahre sowjetischer Literatur zur Mediokrität. Das müssen die Leute gespürt haben, die damals das Manuskript begutachteten. Unter ihnen waren zwei angesehene, ja berühmte Autoren wie Konstantin Fedin und Konstantin Simonow, der damals Chefredakteur von Nowij Mir war. Ihm hatte Pasternak das Manuskript geschickt. Surkow, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, ein eher mittelmäßiger Lyriker, gab die offizielle Version heraus: Pasternak habe einen antisowjetischen Roman geschrieben, der den Geist der Revolution verfälsche. Und das Verdikt galt – bis vor kurzem.

Die Gedichte Pasternaks konnten erscheinen, sogar jene, die im Anhang des Romans als „Gedichte des Jurij Schiwago“ abgedruckt werden. Aber der Roman selbst war tabuisiert.

Es hat seit jener Zeit manche Rehabilitierungen gegeben, von Platonow, von der Achmatowa, der Zwetajewa, auch Mandelstams – und die von Bulgakow und seinem Roman „Meister und Margarita“ war wohl die aufregendste. Aber der Roman „Doktor Schiwago“ gehörte nicht dazu. Nicht einmal schüchterne Versuche, ein Kapitel daraus zu veröffentlichen oder etwas darüber zu schreiben, hatte es gegeben. Die groteske, ja die Orwellsche Situation war eingetreten: es gab einen Autor Boris Pasternak, aber es gab nicht sein Hauptwerk „Doktor Schiwago“.

Und nun soll das auf einmal ganz anders sein. Jewtuschenko, dessen Verse neben denen von Pasternak geradezu zur Makulatur werden, sagte vorlaut: Wir holen uns ein Meisterwerk zurück. Dreißig Jahre lang hat er den Mund gehalten. 1957 ist „Doktor Schiwago“ zum ersten Mal im Westen erschienen, in italienischer Sprache: ein Jahr später in beinahe allen Weltsprachen, darunter auch in deutsch (in der etwas altmodischen, aber sorgfältigen Übersetzung von Reinhold von Walter, einem baltischen Edelmann, der schon seit den zwanziger Jahren viel aus dem Russischen übersetzt hat). Ich habe jetzt das Buch noch einmal gelesen, nach dreißig Jahren, und ich möchte von meinen Lese-Erfahrungen, damals und heute, berichten. Ich kann im voraus sagen (später werde ich das noch begründen): ich habe mich bei der erneuten Lektüre nicht eine Minute gelangweilt. Das Buch ist ein meisterliches Werk, ein Meisterwerk. Ein großer, ein menschlicher Roman. Er bleibt das, wenn man sich mit Geduld auf diese Prosa einläßt. Und das ist viel.

Denn zwischen der ersten Lektüre und heute hat sich etwas geschoben: ein Film nämlich, ja, ein Film, der alle Anstalten machte, das originale Werk zu trivalisieren. Solche Rückspiegelungen, Rückwirkungen gibt es. Es war ja nicht irgendeine Verfilmung, der heute beinahe kein besserer Roman entgeht. Die Verfilmung durch David Lean war eine der größten Kassenerfolge in der Filmgeschichte überhaupt. Es gab eine Zeit – o Gott, ich will nicht daran erinnern –, da konnte man in kein Kaffeehaus gehen ohne das Lara-Thema aus dem Lautsprecher zu hören. So etwas macht verdächtig, und natürlich fragt sich jeder Kritiker nachträglich (und ich bin sicher, auch Hans Mayer, der dem „Doktor Schiwago“ einen wichtigen, erhellenden Essay gewidmet hat, wird in diesen Zwiespalt geraten sein): Kann ein Buch, das via Film die Massen fasziniert und in den Kinosälen zu Tränenorgien treibt, im literaturkritischen Sinne wirklich gut sein?