Von Hans-Joachim Müller

Salve", grüßt das Bild, schwarz auf samtig braunem Rot. Gehorsam streichen wir die Toga glatt und schreiten von der Vorhalle in die Haupthalle der Kunsthalle. Wir sind im Allerheiligsten und weit weg von den Zumutungen des ordinären Lebens. Drei steile Treppen sind wir nach oben gestiegen, hoch hinauf in die schon etwas dünne, aber reine Luft einer künstlerischen Suggestion, die alle Erkennungsmale der regelrechten Entrückung zeigt. Wohin wird die Tempelreise führen? Gerhard Merz, der sich die Route ausgedacht hat, verrät nichts. Entbietet nur seinen fernen Gruß, "salve" ...

Ocker ist der Empfang. Ocker umschließen die langen Wände. Ein opaker Ton mit einem geheimnisvollen Goldgrund. Jeweils elf schwarze Quadratbilder unmittelbar unter der Stuckleiste. Hommage an Ad Reinhardt? Verbeugung vor Malewitsch? So, wie sie hängen, könnten es auch Obergaden sein, die Fensteraugen am oberen Wandteil einer Basilika. Der Katalog denkt an andere, metaphysischere Architekturen. Man fühle sich, schreibt Zdenek Felix, an bestimmte Bilder von Giorgio de Chirico erinnert. Und richtig, Giorgio de Chirico taucht auch in einem sechzehnteiligen Künstlerverzeichnis auf, das die eine Stirnwand füllt. Eine handverlesene Gruppe von Boccioni über Marc bis Judd. Mystiker, Klassizisten, Träumer, Reduktionisten, Dynamiker und Gnostiker, die alle noch dem Zeitalter der Moderne zugehören. Aufgeboten als priesterlicher Beistand für die feierliche Erinnerungsarbeit, mit der Gerhard Merz nach Bedingungen und Möglichkeiten für Form und Schönheit forscht.

Kaum einer seiner Generation – Gerhard Merz ist 1947 geboren – hat die Aporien des sich radikalisierenden Avantgardismus, die Unschulds- und Unmittelbarkeitsverluste der Künste so ernst genommen. Kaum einer, der so entschieden das nietzscheanische Erneuerungspathos abgelehnt hat, das die Malerie nach Strecken der Dürftigkeit und Depression immer wieder zu expressivem Übermenschentum anzustacheln pflegt. Daß, wo nur ein Kunstwille, auch schon ein Kunstweg sei, hält Gerhard Merz für faulen Zauber. Und seine Skepsis am inhaltsvermittelnden Bild scheint nicht mehr heilbar.

Merz’ Arbeiten hatten lange etwas Projekthaftes, Vorbereitendes – wie Kartenstudium vor der Wanderung. In einem separaten Kabinett in der Baden-Badener Ausstellung gibt ein Werkstattbericht Auskunft über die unterschiedlichen und niemals auf Kohärenz angelegten Versuche des Künstlers herauszufinden, was Malerie noch kann, wenn sie eine Bilderwelt voller Weltdeutungen nicht noch einmal interpretieren, sondern durch dicke Sinnkrusten hindurch den eigentlichen sinnlichen Kern von Malerei erreichen möchte. Fundstücken eines Archäologen gleich sind Bilder, Objekte und Zeichnungen im unteren Stock der Kunsthalle ausgestellt. Und oben erscheinen sie rekonstruiert, neu zusammengesetzt. Wie Strophen eines Gedichtes fügt sich dort Szene an Szene. Ohne Dramatik, ohne Pointe. Raum für Raum animiert gleichviel das eigentümliche Schwebegefühl zwischen Gedächtnis und Sehnsucht, das hier zu herrschen scheint.

Vom großen Entree in eine Art Sakristei. Zwei bronzene "Fasces", Liktorenbündel, an der einen "veronesegrauen" Wand, die italienische Trikolore als Farbflächenmalerei an der gegenüberliegenden: "Brennero". Rüstig geht es gen Süden. Aber noch versperren die Alpen das gelobte Land. Die werden erst an der übernächsten Station überwunden. Zuvor noch muß der kupfergerahmte Siebdruck von Juan Gris’ kubistischem Selbstporträt passiert werden. Auch einer von den Merzschen Schutzpatronen, einer von den Formstrengen, die auf der Suche nach Absolutheit und bildnerischer Gültigkeit ziemlich einsam geworden sind. So einsam wie die Arbeiter auf dem von tannengrünen Tafeln eskortierten Tunnelbohrerphoto. Daß der Durchstich gelungen ist, belegt die folgende Raumsituation. Vor ziegelrotem Grund hängen "Linienbilder", monumentale Rechtecke, die nichts zeigen als ein pusseliges Karomuster aus feinen senkrechten und waagerechten Linien. Bilder, auf denen das bedeutungsgierige Auge nichts findet und nichts finden soll. Die Installation enthüllt gerade hier ihren Reinigungs- und Entleerungscharakter. Kunstziel ist die klassische Form, die von allen geschichtlichen Inhalten befreite. Und sie scheint so wenig aus der aktuellen Lebenskonkretheit zu gewinnen zu sein wie aus einer revitalisierten Vergangenheit. Die Topographie der erstrebten Schönheit und Gelungenheit bleibt letztlich doch die des Traums, der Imagination und deren symbolischer Vermittlung in den Künsten. Also endet die Inszenierung auch nicht im Raum "Roma" mit seinem zinnoberroten Solobild im schweren, Architektur vortäuschenden Rahmengerüst. Und auch nicht zwischen den fünf bronzenen Repliken von Michelangelos funktionslos dekorierenden Blendfenstern für die Florentiner Biblioteca Laurenziana. Bei sich angekommen ist die Ausstellung erst wieder im großen Eingangssaal. An der Stirnseite – den Künstlernamen gegenüber – zeigt ein grüntoniges Hochformat, der Siebdruck einer Wendeltreppe, über die "italianità" hinaus. Die Treppe führt nirgendwo hin. Sie ist Dynamikmotiv und Utopiemetapher, wie es die Bilder der russischen Konstruktivisten sind oder die der Futuristen, die die Merzsche Bildungsreise ja auch schon alle einmal unternommen haben.

Eine beziehungsdichte Präzisionsausstellung mit reichen Einschlüssen an Kunstbildungsgut. Etwas kühl in der "Anmutung", um das Lieblingswort der Merz-Exegese im Katalog zu bemühen. Die "Anmutung" nimmt sich so marmorn aus wie der angestrengte Formwille, dem dieser Schönheitssucher seine Opfer bringt. In einem düsteren Zwischenraum der Ausstellung blickt ein Photobild – flankiert von zwei ockergelben Monochromen – tief ins Beinhaus einer römischen Kapuzinergruft.

"Memento mori"? Der Tod hat im Arkadien der Form nichts Gewalthaftes. Der Knochenhaufen ist vergrößert bis an die Grenze der Abstraktion, ist im ästhetischen Akt zur Struktur transformiert, präsentiert sich als Bildreferenz an Pollocks "All-over-paintings". "All over" auch heißt das Todestriptychon, vor dem fast schmerzhaft bewußt wird, wie hoch wir schon gestiegen sind in die etwas dünne, aber eben reine Kunstluft – und weit unter uns die Zumutungen des ordinären Lebens (Kunsthalle, bis 20. April, Katalog 40,–DM).