Von Dirk Kurbjuweit

Die Motorsägen haben ganze Arbeit geleistet. Von neunzigtausend Bäumen stehen nur noch Stümpfe. Wie runde Grabsteine ragen sie aus der aufgewühlten Erde. Späne und Zweige bedecken den Boden. Äste sind zu Haufen aufgeschichtet. Der Wind pfeift durch die siebzig Meter breite Schneise im Assamstädter Forst, nahe Boxberg, zerrt an den wenigen Bäumen, die den Kahlschlag überlebt haben. Die ersten Fichten sind schon umgestürzt; sie wurden mitsamt den Wurzeln aus dem Boden gerissen.

Friedhof oder Schlachtfeld – beide Ausdrücke treffen. Die Schneise macht an dieser Stelle einen leichten Bogen. Hier sollte die weitläufige Ostkurve der Daimler-Teststrecke entlangführen. Nun wird wohl nichts daraus. Das Bundesverfassungsgericht hat den Bau vergangene Woche verhindert, zumindest vorläufig. Neunzigtausend Bäumen nützt das nichts mehr. Denn Daimler-Benz hatte es sehr eilig, vollendete Tatsachen zu schaffen.

Die Teststrecke hat viele Wunden geschlagen, nicht nur in der Natur, auch bei den Menschen. Denn es war nicht nur ein Kampf David gegen Goliath, Bauern gegen Daimler-Benz. Der neunjährige Streit spaltete auch die Bürger von Boxberg, Nordbaden, in zwei Lager, Gegner und Befürworter, die einander spinnefeind sind. Nach dem Karlsruher Urteil kehrt kein Friede ein; nur gibt es jetzt neue Bezeichnungen für die beiden Seiten: Sieger und Besiegte.

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Die Bauern Hartmut Hofmann und Ulrich Kilian leben mit ihren Familien ein Stück außerhalb von Boxberg, zwischen Wald und Wiesen in einer leicht hügeligen Landschaft. Ihre Höfe liegen nur wenige hundert Meter auseinander. Die sechzehnspurige Teststrecke hätte dicht an beiden Höfen vorbeigeführt, jenseits eines meterhohen Walls zum Schutz vor Lärm und Abgasen. Eine Tunnelröhre sollte die Familien mit der Außenwelt verbinden, denn sie wären von dem Parcours umringt gewesen. Die Acker der Hofmanns und Kilians sollten zubetoniert werden. Ulrich Kilian verkaufte sein Land an Daimler-Benz und baute mit dem Geld zwei Häuser im Dorf. Ein Arbeitsplatz an der Teststrecke war ihm versprochen. Hartmut Hofmann wollte sein Land behalten; er klagte gegen die drohende Enteignung. Die gegensätzlichen Positionen führten so weit, daß die Familien keinen Gruß mehr austauschen, aneinander vorbeisehen und -leben.

Hofmann freut sich riesig, daß er seine Äcker nun behalten darf. Schadenfreude verhehlt er nicht. Zu gerne wüßte er, was "der Kilian" jetzt denkt. Aber natürlich geht er nicht hin, um ihn zu fragen. Er würde, wie erwartet, einen verbitterten Nachbarn antreffen, der nicht weiß, wie es weitergehen soll, der enttäuscht ist von allen, die ihn mit Versprechungen in diese Lage gebracht haben. "Eine demokratische Partei wähle ich nicht mehr", sagt er voller Zorn. "Dem Hofmann" will er nicht begegnen. Der Triumph in dessen Augen wäre ihm unerträglich.