Im vorletzten Streichholzbrief habe ich mit dem Gedanken an fiktive Bücher aus der Feder von Engeln gespielt. Diesmal spiele ich nicht, denn ich habe ein wahres Buch vor mir. Es stammt von Sergio Secci und heißt II teatro dei sogni materializzati („Das Theater der materialisierten Träume“, Florenz, Casa Usher 1987). Es ist eine gründliche Untersuchung, versehen mit Bilddokumenten, Interviews und Bibliographien, über die Geschichte des „Bread and Puppet Theatre“. Eine Recherche, die ursprünglich als Dissertation begonnen worden war, in einer Zeit, als die politische Passion für viele junge Leute die Formen der Inszenierung, der Aktion auf dem Theater angenommen hatte – und wer diese Passion damals lebte, fühlte sich unweigerlich angezogen von einer Truppe, die das Theater zu einer Form des aktiven Eingriffs in die großen Fragen des amerikanischen Lebens gemacht hatte. Um ihre Geschichte zu rekonstruieren, arbeitete Secci in den Vereinigten Staaten, und dort habe ich ihn das letzte Mal getroffen. Das Wiedersehen hat mich sehr gefreut, denn wir waren Freunde geworden nach einer kuriosen Geschichte.

Es war im heißen Frühjahr 1977, in Bologna, während einer Examenssitzung. Eine Studentengruppe hatte eine Gemeinschaftsarbeit vorgelegt und forderte nun das kollektive Examen mit „politischer Note“. Die Gruppe war bunt gemischt, es gehörten einige aus der Alternativbewegung dazu, ein Student, der später bei mir eine hochgelehrte Dissertation von 600 Seiten machen sollte, ein anderer, der zur Zeit ein Doktorat in Paris anstrebt, sowie ein paar Querköpfe mit unpräzisen Ideen. Und Secci. Die Prüfungskommission, die sich stark fühlte, weil sie aus lauter Dozenten bestand, die sich dem Dialog mit den Studenten nie entzogen hatten, verfolgte die harte Linie: Es sei zwar möglich, eine kollektive Arbeit im Examen zu diskutieren, aber geprüft werden müsse jeder individuell. Die Gruppe beharrte auf ihrer Forderung, die Kommission auch. Wir diskutierten heftig, das Ganze dauerte, wenn ich nicht irre, vier bis fünf Stunden.

Es waren schwierige Stunden, es galt, die Substanz zu wahren, sei’s auch um den Preis einiger formaler Zugeständnisse, und die Kommission agierte geschickt. Während sie die Diskussion am Laufen hielt, brachte sie praktisch jeden einzelnen Kandidaten dazu, seine Thesen darzulegen und die Legitimität der angewandten Forschungsmethoden in bezug auf den Prüfungsstoff zu demonstrieren. Nachdem man auf diese Weise den persönlichen Kenntnisstand jedes einzelnen festgestellt hatte, konnte man jedem die Note geben, die er verdiente. Das Examen war turbulent verlaufen, aber es hatte stattgefunden. Wenn ich mich recht erinnere, lehnten einige Kandidaten die Note ab, um nicht anerkennen zu müssen, was sie eine „politische Niederlage“ nannten. Secci gehörte zu denen, die ihre Note akzeptierten, und es war eine gute Note, denn seine Kenntnisse waren exzellent. Er forderte das kollektive Examen aus politischen Gründen, aber die Seminare hatte er regelmäßig besucht, und die Bücher hatte er gut gelesen.

Ein paar Monate später kam er zu mir und sagte, er wolle eine schriftliche Arbeit machen, um sie als Examensarbeit vorzulegen. Ich wies ihn darauf hin, daß er sein Examen schon gemacht hatte. Er sagte, das wisse er, aber er sei nicht zufrieden mit der Art, wie er sich mit dem Stoff auseinandergesetzt hatte – und mit uns. Er wolle kein neues Examen machen, er wolle auch keine andere Note. Er wolle nur eine neue Arbeit schreiben, eine gründlichere, um sich in Frieden mit mir und sich selber zu fühlen. Er schrieb die Arbeit, legte sie vor, ich machte ein paar Einwände, er schrieb sie um, und sie war glänzend. Ich sagte ihm, daß sie eine bessere Note verdiene als die, die er damals bekommen hatte, aber er war’s zufrieden. Ich enthielt mich jeder rhetorischen Phrase, aber er begriff, daß ich sehr angetan von ihm war nach dieser Probe seiner moralischen und intellektuellen Strenge.

Die Herausgeber seines Buches, Fabrizio Cruciani und Franco Ruffini, die auch schon seine Dissertation betreut hatten, geben den wichtigsten Hinweis in zwei knappen Zeilen, ich glaube aus Achtung vor Secci: um den Lesern die Freiheit zu lassen, ihn aufgrund seiner Arbeit zu schätzen und nicht aus emotionalen Gründen. Aber es gibt auch emotionale Gründe, leider. Am 2. August 1980 war Sergio Secci auf dem Bahnhof von Bologna, als dort die Faschistenbombe hochging: Er wurde grauenhaft zerfetzt und starb einen oder zwei Tage später.

Ich blättere in seinem Buch, rufe mir diesen jungen Freund in Erinnerung, der ein ernsthafter Student und ein Ehrenmann sein wollte, und es fällt mir schwer, einen Teil meines Schmerzes und meiner Empörung zu rechtfertigen. Denn Mord ist böse schlechthin, böse ohne Unterschied oder Abstufung, ob das Opfer ein Analphabet oder ein Nobelpreisträger ist. Und doch, oft haben die Regisseure des Terrors, außer daß sie die Welt so vieler Leben beraubten, die Menschheit einer tätigen Intelligenz beraubt, haben einen Diskurs unterbrochen, der noch reicher zu werden versprach. Sie haben die Quantität an Phantasie, an Entdeckung, an Wahrheit verringert, die der Planet so dringend braucht wie die Luft.

Ein Grund mehr, zu wollen und mit lauter Stimme zu fordern, daß – zumindest – Gerechtigkeit herrsche.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso.