Von Gerhard Spörl

Seine Wahlkampfreden hallen wider vor lauter Grundsätzlichkeiten, und noch in seinen matten Stunden im kleinen Kreis läßt Walter Wallmann davon nicht ab. Auch dann klingt ein lutherisch hoher Ton an, der zu erkennen gibt, daß hier einer um das gerechte Tun mit sich selber ringt und um die Wahrheit mit den Ungläubigen. Mit einer Portion Erdenschwere läßt sich jedoch heraushören, wie Wallmann mit der inneren Logik seiner Biographie hadert.

Zunächst ist er gegen alle Vorzeichen und wider eigenes Erwarten etwas geworden, was er gar nicht angestrebt hatte. Vor zehn Jahren war er plötzlich Oberbürgermeister in Frankfurt und machte aus dem Zufall („Nicht ich wurde gewählt, es sollte einer abgewählt werden, das ging nur mit mir“) eine Erfolgsgeschichte. Derzeit hat er ein Amt in Bonn inne, von dem er im gleichen Atemzug sagt, er habe sich nicht danach gedrängt, und es Fülle ihn tief innerlich aus. Richtig daran ist wohl, daß er in die Bundesregierung strebte und sich als Umweltminister wiederfand. Jetzt strebt er wieder heraus und in die Wiesbadener Staatskanzlei hinein. Was ihm zweimal zuvor das Glück und die Gunst der Umstände bescherte, muß er diesmal selber herbeizwingen. Um es mit einem Zitat aus dem bildungsbürgerlichen Schatzkästlein zu sagen, in dem der Festredner Wallmann gern kramt: Er muß erst erwerben, was er besitzen möchte.

Zu seiner Irritation trägt das schwankende Charakterbild bei, das man sich neuerdings von ihm macht. Der eigentliche Erfolg des Nach-Tschernobyl-Umweltministers bestand in der beruhigenden Wirkung seiner Ernennung. Er hat sich vermutlich selber verschätzt. Für die Inhaber dieses Amtes gelten eigene Regeln. Die im Metier ansonsten übliche juristische Grundausbildung auf dem Hintergrund allgemeiner politischer Intelligenz, gepaart mit gutem Gedächtnis und viel Geistesgegenwart, reicht allein wohl nicht aus. Vom Amtsinhaber wird auch eine innere Disposition fürs Sujet verlangt: Vom Publikum aus eher psychologischen Gründen; ansonsten dient Fachkenntnis noch am ehesten dazu, Reichweite und Grenzen des neuen Ministeriums abzustecken.

Walter Wallmann ließ sich nicht erfolglos auf die Stimmungen im Lande ein. Er hielt annehmbare Reden über Kernkraft, die Zukunft der Industriegesellschaft und über das notwendige Maß an Lernfähigkeit eines Politikers. Mittlerweile stört ihn das nachlassende Echo auf seine Bemühungen. Oder glaubt man ihm einfach weniger? Jedenfalls muß er noch das Urteil widerlegen, daß er in Bonn am großen Rad dreht, weil er Vorteile für die Hessenwahl herausschinden will.

Die Vorwürfe sitzen tief, zumal sie auch in seiner näheren Umgebung kursieren. Der Wahlkämpfer Wallmann (53 Jahre alt) wirkt unsicher, wie auf der Suche nach der richtigen Rolle. Die Säle, in die er in diesen Tagen landauf, landab einzieht, sind jedesmal gut gefüllt, lauter Heimspiele vor frohgestimmten CDU-Anhängerscharen; in Hessen wird einfach zu oft und zu grundsätzlich gewählt, da lassen sich bestenfalls die ohnehin Uberzeugten hinterm Ofen hervorlocken.

Mit weit ausgelegtem Arm heftig winkend und frohen Gesichts, die Kapelle spielt „Preußens Gloria“, kommt Wallmann herein. Hinterm Pult, die eine Hand in der Hosentasche, die andere schlägt den Takt zur langen Litanei, wettert er zu laut und zu gequetscht gegen den rot-grünen Pakt, gegen die Verweigerungs- und Ausstiegspolitik, gegen Verfassungsbrüche und moralische Verkommenheit. Der nachdenkliche Festredner über das Wahre, Gute, Schöne hat sich nur unvollkommen in den Bußprediger verwandelt. Der kündet den Hessen nun von den Höllenstrafen, falls sie nicht davon ablassen, die SPD zu wählen, die ihre Seelen an die kleinen, grünen Teufelchen verkauft hat. Ihm glaubt man sogar, daß er so denkt, wie er redet. Aber es fehlt ihm plötzlich an sicherem Stilgefühl. Wallmann sieht offenkundig seine Felle langsam wegschwimmen.